Das große Kribbeln

Dreißig Jahre lang keinen VW Käfer gefahren und dann einen getunten 1302 von 1972 durch die Berge gescheucht: ein tolles Erlebnis. Da ist es völlig egal, ob die anderen bei der Kitzbüheler Alpenrallye mit Akribie um Gleichmäßigkeit ringen

Der erste, Baujahr 1968, schmiss mir 1978 seinen altersschwachen Boxermotor gleich bei der Premierenautobahnfahrt um die Ohren. Der zweite wurde in Dänemark Opfer eines Kurvenschneiders. Und der dritte öffnete mir schnell sein Inneres, besonders im Fußraum, der nach einem Regenguss beharrlich schwamm, sowie am Schweller vor den hinteren Kotflügeln. So unterschiedlich ihr Tod auch war, eines hat sie verbunden: Ich habe sie alle geliebt.

Damals waren erste Autos immer VW Käfer, es sei denn, man war Krösus oder Schrauber. Sie waren gebraucht, verströmten diesen genialen Mix aus Muff und Benzindunst, sangen im Heck das harmonische Boxerlied, bis das nicht unübliche Loch im Auspuff eine Dissonanz beisteuerte. Und sprachen Käfereigner von vergammelten Birnen, meinten sie mitnichten Obst, sondern die Heizelemente ihrer Krabbler. Die Welt war eben noch in Ordnung…

Und jetzt war sie es drei Tage lang wieder. Volkswagen, erstmals Sponsor der Kitzbüheler Alpenrallye, lud zur fröhlichen Gleichmäßigkeitshatz in die Berge: Bei der Rallye geht es darum, erstens ein Roadbook lesen zu können und zweitens mit Mathekenntnissen Sollzeiten für bestimmte Streckenabschnitte auszurechnen, um dann sekundengenau über einen mit Luft gefüllten Schlauch zu fahren oder durch eine Lichtschranke. Das kann man Ernst nehmen wie etwa die Hälfte der Teilnehmer in den mehr als 200 klassischen Autos der Baujahre 1925 bis 1981. Man kann aber auch einfach das Boxern und die mehr als 500 Kilometer durch die Berge genießen, sich dank nur rudimentär vorhandener Rechenkünste vom VW-Pressemann die Sollzeiten geben und Pokal Pokal sein lassen.
Das gute Stück Blech gehört dem VW-Konzern – die Wolfsburger tauchten erstmals so richtig massiv bei der Alpenrallye auf mit 24 Konzern-Oldies, davon 14 VW-Klassikern. Mein Krabbler wurde vom Ruhrpott-Papst Theo Decker höchstselbst getunt. Nummer 1122848973 ist deswegen bestimmt ein glücklicher Käfer.
Am 26. Mai 1972 in “L 90 D pastellweiß” (innen mit der Polsterkombination Stoff bordeauxrot) vom Band gelaufen, vier Tage später ausgeliefert. Der Erstbesitzer spendierte noch die Extras M 095, M 102 und M 616 – ein Radio “Wolfsburg”, die beheizbare Heckscheibe und Rückfahrscheinwerfer, die in den Rückleuchten integriert sind. Theo Decker (TDE) zauberte etwa 129 PS aus dem originalen 44-PS-Boxermotörchen, bestückte den Krabbler mit Drehzahl-, Öldruck- und Temperaturmesser, baute ein Lancella-Lenkrad ein, spendierte MP-Räder, Bilstein/TDE-Dämpfer sowie stärkere Bremsen und ließ ihn dann wieder auf die Menschheit los. Irgendwann kaufte das VW-Werk den strammen Max zurück, hübschte ihn auf, und jetzt darf der Decker-Käfer mit leicht heiserer Hupe bei Gleichmäßigkeitsrallyes von sich reden machen.

Ein geniales Auto – es ist wie damals: hoch sitzen, tief stapeln und mit einer fantastischen Straßenlage alles versemmeln, was sich für besser hält. Der Decker-Käfer hängt wunderbar am Gas, mag Drehzahlen, bis 5.000/min ist gar kein Problem, bis 6.000/min ist kurzzeitig auch erlaubt. Da wird bergab sogar ein bereits das Gesetz übertretender Porsche Panamera zur Spaßbremse. Weil in Österreich hinter jedem Busch ein Gendarm mit Laserwaffe lauern könnte, checkt der Fahrer ganz genau den angrenzenden Wald, während der Beifahrer das Roadbook studiert und versucht, die richtige Strecke durch den Alpendschungel zu finden.

Der Prolog lässt uns Zeit, uns an den Käfer zu gewöhnen. Was nicht schwer ist – der ergonomisch nicht optimal angebrachte Schalthebel erfordert immer noch das Beugen aus dem Sitz, die gefühlte Enge betont das “gemeinsam Fahren”. Am zweiten Tag geht’s 320 Kilometer kreuz und quer um Kitzbühel herum. Bergauf ist nicht des Käfers Lieblingstour – schon am Fuß der Erhebung sackt die Drehzahl gnadenlos ab. Vierter, dritter, zweiter Gang, mit dem typischen Käferklacken wunderbar angerührt über lange Schaltwege. 129 PS sind auch in heutigen Zeiten gefühlt zumindest mehr, aber auf Geraden und bergab ist der Decker-Käfer der Gendarmen-Schreck schlechthin.
Irgendwas zwischen 35.000 und 40.000 Euro soll er Wert sein, er knarrt nicht, er leckt nicht. Vielleicht fahren andere Teilnehmer Aufsehen erregendere Autos wie zum Beispiel die weiteren guten Stücke aus dem Museum (zum Beispiel ein Karmann Ghia TC 145 – ein brasilianisches Schrägheck-Coupé auf Basis Karmann Ghia Typ 14; einen Prototypen des Karmann Ghia Typ 34 Cabriolet; einen VW SP2, ebenfalls aus Brasilien; oder einen Ovali von 1959).

Aber so einen 72er-Käfer erkennen sogar die Passanten und er weckt in ihnen Erinnerungen…
Je länger wir den Decker-Käfer fahren, umso mehr stellt sich das große Kribbeln ein. Ob nass oder trocken, das Heck des automobilen Kraft-Insekts lässt sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Ein Drift in einer Haarnadelkurve muss mit treten, beten und betteln erkauft werden, eine recht schnell gefahrene Links- oder Rechtskurve quittiert der 72er Wolfsburger mit arroganter Ignoranz.
Je mehr die teilnehmende Upper-Class in ihren MB SL 300, MGB GT und Ford Mustang den Decker-Käfer unterschätzt, umso mehr quittiert das Fußvolk in Kitzbühel und Umgebung die Leistung des gestärkten Krabblers – auch am letzten, 160 Kilometer langen Tag. Was das denn sei, was da diesen Sound veranstalte, fragen die Fachleute, und die Laien wundern sich.

In Kitzbühel nimmt VW Classic den Wagen wieder in Empfang – er kommt zurück ins Museum. Hoffentlich steht er da nicht so lange…

TECHNISCHE DATEN
Decker-Volkswagen 1302 1972
Motor: Vierzylinder-Boxer, luftgekühlt
Ventilsteuerung: ohv, zentrale Nockenwelle
Hubraum: 1971 ccm
Leistung:  ca. 129 PS
Antrieb: Hinterräder
Getriebe: Viergang-Handschalter
Bremsen: Trommeln rundum
Leergewicht: ca. 870 Kilo
Radstand: 2420 mm
Länge/Breite/Höhe: 4080/1585/1500 mm
Bauzeit Basiskäfer: August 1970 bis Juli 1972
Basisreis ungetunt 1970: 5745 Mark
Wert heute: zwischen 35000 und 40000 Euro

Bilder: VW

Ein Gedanke zu “Das große Kribbeln

  1. Tja, man hört bestimmt gar nicht mehr auf zu Grinsen in diesem Auto. Ich hatte diverse Käfer, vom Sparmodell bis zum 1303. Schon DIE machten Laune. Wie muss man sich erst in diesem Ding fühlen.
    Dem hervorragendem Artikel fehlen eigentlich nur noch die Bilder der verdutzten SL-Eigner, MG-Piloten und Mustang Fahrern. Klasse-mehr davon und ein dickes Danke. 😀

    Bronx

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