Lowrider im Mexicano Style

Das ist ein ziemlich seltenes Teil…

Hey, ich hab da nen ganz coolen Buick, das wäre vielleicht etwas für euer Magazin“, meldete sich Robert aus Siegen. „Das ist ein ziemlich seltenes Teil, da es ein viertüriges Coupé von 1965 ist. Soll ich einmal ein paar Bilder senden?” Natürlich gibt es täglich solche Anrufe, doch die Fotos haben überzeugt, nur warum liegt das Teil so flach am Boden, was steht da aus der Haube raus und was ist das für eine coole Farbe. Also, Kamera einpacken, und ab nach Siegen. Was ist das, unter der Adresse findet sich ein Pfandleihhaus, na gut, hoffentlich ist das Teil nicht gepfändet und der Weg war umsonst. Die Lösung ist dann ganz einfach, Robert ist Inhaber des Leihhauses und der Buick ist sein eigenes Fahrzeug. Also sagt er, wenn du Fotos auf dem Grundstück machst, dann solltest du bitte alle Kennzeichen unkenntlich machen, sonst könnte das peinlich für meine Kunden werden. Klar doch, aber nun will ich endlich den Buick sehen.

Verdammte Axt, sieht das Teil abgefahren aus. Flach auf dem Boden kauernd, steht der knapp sechs Meter lange Buick in der Halle und scheint direkt aus einem mexikanischen Lowrider Film nach „Good Old Germany“ gebeamt worden zu sein. Direkt revidiere ich meine Meinung, dass Gold nur etwas für „Opaautos“ ist und beginne mit der Bestandsaufnahme an dem Buick. Lang, flach, böse, so zumindest der erste Eindruck, doch so tief wie das Teil liegt, ist das Fahren doch fast unmöglich denke ich mir und sehe auch schon die Lösung des Rätsels. Ein Airride-System, mit dem sich der Buick vorn und hinten ca. 20 cm hochfahren lässt. Cobra Chromfelgen mit 235er Bereifung vorn und hinten und Auspuffrohre, die vor den Hinterrädern enden, nicht so schlecht. Zusammen mit dem Lack, den Robert als Gold Nugget bezeichnet, ein absolut stimmiges Gesamtbild, nur denkst du nicht, dass die Hutze auf der Haube etwas übertrieben ist, frage ich Robert, der kommentarlos die Motorhaube öffnet.

„Na ja, ich wollte das zuerst auch nicht, aber sieh selbst, das ganze Zeug passte da einfach nicht rein“. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren, die beiden Edelbrock 600 Vergaser mit Offenhauser Ansaugbrücke brauchen einfach etwas Platz nach oben, eine elektrische Benzinpumpe mit Benzindruckregler macht auch Sinn und die Fächerkrümmer schaden ja auch nicht, wenn es um die standesgemäße Abgasentsorgung geht. Aber was ist das bitte für ein Unterbau? „Das ist ein 6,5 Liter Block mit anderen Kolben und oben drauf sitzen zwei Offenhauser Zylinderköpfe. Dazu wurde eine elektronische Zündung eingebaut und ein Auspuff angefertigt. Die Leistung haben wir noch nicht gemessen, aber laut Tuner sollten da so ca. 500 PS anliegen“. Das ist einmal eine Ansage und auch wenn das Triebwerk hier satte 2.100 kg Leergewicht bewegen muss, findet man an der Ampel sicherlich mehr Opfer als ernstzunehmende Gegner. Im Innenraum setzt sich die Lowrider Optik fort und zu der originalen Lederausstattung wurden lediglich ein offenes Moroso Sicherungs- und Schaltpanel sowie ein gelochtes Edelstahllenkrad montiert.

Nun aber genug Theorie, ab auf die Straße um den Chicas zu imponieren, denn schließlich sind solche Autos in Mexiko zu diesem Zweck erfunden worden. Nach wenigen Versuchen, spring der V8 trotz Minusgraden an und verbreitet ein wildes Geballer, da die Luft ohne Vorwärmung durch den offenen Luftfilter eingesaugt wird, bis er nach wenigen Sekunden rund läuft. Der Auspuff klingt irgendwie nach einer Mischung aus Panzer und Nascar, was auf jeden Fall schon einmal eine Hupe überflüssig macht. Nachdem der Buick einige Zentimeter hochgefahren ist, cruisen wir durch die City und so langsam zeigen Wasser- und Ölthermometer Betriebstemperatur an. Nun ist es an der Zeit, den 500 Pferden freien Lauf zu lassen und spontan quittieren die Hinterreifen ihren angedachten Dienst, die Kraft in Vorwärtsbewegung umzusetzen und hinterlassen stattdessen einen  schwarzen Strich mit erheblichem Bodennebel.

Bei Minusgraden ist eben nichts mit Grip und so bleibt nur der Test ab 60 km/h. Doch selbst bei dem Tempo endet ein beherzter Tritt auf das Gaspedal mit einem schwarzen Strich auf dem Asphalt, und als die Räder zupacken, drückt der Buick nach vorn wie eine Dampflok auf Speed. Ach ja, sagt Robert noch ganz trocken, „hast du die Kartons neben dem Auto stehen sehen, da ist übrigens die Scheibenbremsanlage drin und im Moment ist hier noch das alte Zeug mit den Trommeln verbaut, aber das verzögert schon halbwegs gut, wenn man anständig rein tritt.“ Sehr beruhigend, bei – 6°C und 160 km/h auf der Umgehungsstraße. Inzwischen ist das Fahrwerk auch wieder auf den tiefsten Punkt gefahren und bei jeder Bodenwelle dringen Kratzgeräusche in den Innenraum, die sich nicht wirklich gesund anhören.

Doch auch hier kann Robert mich beruhigen, denn die Auspuffblenden liegen ziemlich niedrig über dem Boden und schleifen halt manchmal, aber in der Garage liegt immer Ersatz, denn schließlich sieht es doch cool aus, wenn der Buick so flach liegt. Das war es dann auch schon mit den üblen Überraschungen, nur mit Chicas imponieren war trotzdem nichts, denn das Einzige, was man im Winter in Siegen auf der Straße trifft sind Hausfrauen, die den Kopf schütteln und wahrscheinlich denken, dass der Auspuff defekt ist. Schade eigentlich, denn die durchgehende Sitzbank und das versteckte Soundsystem laden förmlich zu einem Abend im Autokino ein. Also wieder nix mit Wanderers im Autokino gucken, Popcorn futtern und Cola trinken. Stattdessen raus in die Kälte, Fotos schießen und warme Gedanken machen. Das Leben kann so hart sein. Zum nächsten Jahr, sagt Robert, ist dann auch die neue Bremsanlage drin, die Elektrik vernünftig verlegt und vielleicht klappt es dann ja auch mit dem Autokino…. Und mit den Siegener Chicas.

FAKTEN

Buick Electra 225, 1965

EZ: 1965
Motor: V8
Hubraum: 6.572 ccm
Leistung: ca. 370 kW (500 PS)
Höchstgeschwindigkeit: über 200 km/h
Beschleunigung: ca. 5,5 sek 0 – 100 km/h
Kraftstoffart: Benzin
Antrieb: Hinterrad
Getriebe: 3-Gang Automatik
Gewicht: 2.100 kg
Länge: 5.620 mm
Breite: 2.050 mm
Höhe: 1.455 mm
Vorderradaufhängung: Einzelradaufhängung mit Airride
Hinterradaufhängung: Starrachse mit Airride
Bereifung: 235 / 75 R15 auf Cobra Felgen
Sonderausstattung: Holzlenkrad Lowrider, 2x Edelbrock 600 Vergaser, Offenhauser Ansaugbrücke und Zylinderköpfe, Edelstahl Fächerkrümmer, Sonderlack, Airride System

Bilder: Frank Sander

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