Rückkehr in die Grüne Hölle

Wie hatte der dreimalige Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart einst gesagt? Der Nürburgring ist die “Grüne Hölle”. Zu seiner Zeit, als es ausschließlich um die heutige Nordschleife ging, war der Spruch über den anspruchsvollen, bewaldeten Eifel-Kurs mehr als zutreffend. Das lag auch daran, dass Sicherheitsvorkehrungen an den Touren-, GT- und Formel-Wagen bis in die 80er Jahre nur spärlich vorhanden waren. Die Faszination der alten Renner ist jedoch bis heute unvermindert erhalten geblieben. So gab sich ein riesiges Starterfeld europäischer Rennklassiker-Piloten zum 39. Mal die Ehre beim AvD-Oldtimer Grand-Prix. Und wir durften den sinfonischen Klängen ehrfürchtig lauschen…

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32 Stunden Gebrüll aus Motoren jeglicher Größe und jeden Alters, 61.500 Zuschauer, unzählige Liter Wasser aus meistens geöffneten Eifel-Wolken ” was ist das? Richtig: der AvD-Oldtimer Grand-Prix am Nürburgring. Anders ausgedrückt: der Hammer in der Grünen Hölle.

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Bei der so breit gefächerten Zeitreise durch die Motorsporthistorie am Ring kann gar nicht viel schief gehen ” auch deshalb, weil sich selbst die wackeren Piloten der völlig dachlosen Vorkriegsrenner auf die überflutete Piste trauen, auch wenn sie aus Sicherheitsgründen durch die fetten Pfützen nur schleichen.  Hut ab vor diesem Sportgeist. Mein persönliches Highlight sind allerdings die alten Formel 1 der 60er bis Ende 70er Jahre. Wenn diese endkultigen Blechsärge die Start-Ziel-Gerade mit ihrem dramatischen Vollgas-Gekreische herunterdonnern, stehen die Haare aufrecht und das Grinsen meißelt sich ein. Aber auch das Abendrennen der zweisitzigen Rennwagen und GT bis Baujahr 1960/61 ist ein echter Publikumsmagnet. Diesmal waren sogar sechs der seltenen und legendären Maserati “Birdcage”, dabei, die Leichtbau-Renner mit dem filigranen Rahmen. Der Brite Alan Minshaw war am Sonnabend Abend der schnellste im Vogelkäfig und siegte im roten Tipo 61 vor seinen Landsmännern Simon Ham im Lister Jaguar und Irvine Laidlaw im schwarzen T61 auf Rang 3. Auch im zweiten Rennlauf am Sonntag setzten sich zwei Birdcages an die Spitze: Werner Max aus Düsseldorf siegte vor Josef Otto Rettenmaier aus Rosenberg. Das Siegertrio komplettierte das Team mit AvD-Vizepräsident Franz Graf zu Ortenburg und Christian von Wedel im Austin Healey 3000 Mk I.
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Walter Röhrl im 1965er Porsche 911 ruderte auf Platz vier beim Historic Marathon

Das Spektakel beginnt allerdings grundsätzlich mit dem  AvD-Historic-Marathon über die legendäre Nordschleife. Natürlich auch hier: wechselhaftes Wetter mit heftigen Wolkenbrüchen und blendenden Sonnenlöchern. Mit einer Minute und 52 Sekunden Vorsprung raste schließlich der floridagrüne Jaguar E-Type des Gotcha Historic Racing Teams als erster über die Ziellinie ” ein Jubiläumssieg, passend zum 50. Geburtstag der britischen Stil-Ikone. Nebeneffekt: Ein jubelnder Frank Stippler und ein fluchender Walter Röhrl nach einem packenden vierstündigen Rennen. “Bei diesem Wetter waren Frank Stippler und der E-Type einfach nicht zu schlagen. Mehr geht nicht,” lobte der zweitplatzierte “Barney” die furiose Aufholjagd des Rennprofis aus Bad Münstereifel, der in der Schlussphase am Steuer saß. Stippler im E-Type und der unter Pseudonym startende Vorjahressieger aus Griesheim im Ford Fairlane hatten sich insbesondere in Runde 15 mehrere Überholmanöver geliefert. Zwei Runden vor dem Ziel wurde es dann richtig spannend: Im E-Type streikte die Elektronik. “Ich musste Lüftung, Licht, einfach alle Verbraucher ausschalten, hatte ein totales Déjà-Vu und dachte nur: Nicht schon wieder,” schilderte Frank Stippler das Finish nach dem Lauf.

Im vergangenen Jahr musste sich das Gotcha-Team mit Getriebeproblemen dem Brüderpaar “Fred & Barney” im Ford Fairlane geschlagen geben ” diesmal war es umgekehrt. “Nächstes Jahr sind die Jungs im Fairlane wieder dran, wir wechseln uns jetzt ab,” kündigte Stippler bereits das nächste Duell an und Teamkollege Marcus Graf von Oeynhausen ergänzte: “Es war ein nasser Tag und der Jaguar ist eben die einzige Katze, die schwimmen kann.”

Weniger mit dem Regen, aber umso mehr mit seinen Reifen haderte Rallye-Legende Walter Röhrl, der zeitweise wild fluchend über den Nürburgring eierte: “Es war das größte Abenteuer, das ich je erlebt habe. Ich bin nicht ein einziges Mal normal durch die Kurve. Es war schlimmer als im Winter mit Sommerreifen auf Glatteis,” so Röhrl, der im Ziel jedoch wieder strahlte und den Zuschauern eine spektakuläre Show geboten hatte.

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Im Laufe des Rennens hatte sich Röhrl im Porsche 911 (Baujahr 1965) auf den dritten Platz vorgekämpft, doch sein Teamkollege Dr. Armin Zumtobel musste in den letzten Runden noch den E-Type des Teams Bernstein/Weber passieren lassen. Walter Röhrl war dennoch mit dem 4. Platz im Gesamtklassement mehr als zufrieden: “Es war ein tolles Erlebnis, hat viel Spaß gemacht und schließlich bin ich ja hauptsächlich beim AvD-Oldtimer-Grand-Prix, um Freunde zu treffen,” gab sich der “beste Autofahrer aller Zeiten” hinterher bescheiden. Was man dem als sehr ehrgeizig bekannten Röhrl auch zu einem gewissen Teil abkaufen kann und aus Respekt auch tun sollte…

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Stars der Renngeschichte auf nassem Asphalt

Neben den eingangs erwähnten Birdcages begeisterten weitere, genauso elegante Sportwagen wie Aston Martin DB3 S, Ferrari Dino 196 S, Lotus Eleven, Mercedes- Benz 300 SL und sogar zwei der 1948/49 am Nürburgring gebauten Veritas RS. Claudia Hürtgen steuerte im Rennen der Zweisitzer und GT einen Maserati 300 S über den Eifelkurs und fuhr am sonnigen Samstag als Vierte über die Ziellinie. Die Profirennfahrerin aus Aachen war bereits am Freitag mit ihrer Teamkollegin Gabi von Oppenheim unter schwierigsten Bedingungen ein tolles Rennen gefahren. Im AvD-Historic-Marathon hatte sie sich unter anderem mit zwei Rallye-Legenden duelliert ” mit Walter Röhrl im Porsche 911 und dem Schweden Stig Blomqvist im Ford Galaxie.

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Neerpasch und Ludwig ausgebremst

Pech hatten zwei andere ehemalige Rennprofis während des AvD-Oldtimer-Grand-Prix. Jochen Neerpasch (ehemaliger Ford- und BMW-Rennleiter) konnte mit seinem Ford Mustang Shelby 350 GT auf der Nordschleife lediglich einige Trainingsrunden hinlegen. Denn sein Teamkollege Remo Lips, der im Marathon zuerst das Steuer übernahm, musste den Shelby nach ein paar Runden wegen starkem Ölverlust abstellen. Neerpasch konnte deshalb auch nicht im Masters GT Rennen starten. Ebenfalls eine Ölspur auf der Grand-Prix-Strecke hinterließ der giftige 935er von Klaus Ludwig und seinem Teamkollegen Chris Stahl aus Bonn. Der weiß-rosa Kremer Porsche hatte bereits im Training zum “Revival Deutsche Rennsportmeisterschaft” aufgemuckt und war später im Rennen nach ein paar schnellen Runden nicht mehr richtig auf Touren gekommen. Klaus Ludwig musste sich deshalb am Samstag mit Rang 12 zufriedengeben.

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Wunderschöne Club-Stände mit zig Straßen-Klassikern

Der AvD-Oldtimer Grand-Prix ist neben einer einzigartigen, historischen Rennsportveranstaltung auch ein Treffpunkt der Clubszene und letztendlich aller Oldtimer-Enthusiasten. Viele Markenklubs wie z.B. die Vereine der Fahrer von BMW, Mercedes, Opel und Porsche, die italienische Fraktion mit dem Ferrari Club, dem Maserati Club, dem Alfaclub Deutschland und mehreren Fiat-Clubs oder auch die Freunde der britischen Marken Jaguar, MG, Morgan, Rover, Triumph oder TVR schlagen rund um den Nürburgring ihre Zelte auf. Hierfür wird großzügig ein Teil des GP-Kurses abgesperrt, so dass gerade die Italiener ihren Beauty-Contest entlang der Curbs nach Kurve Eins genießen können. Läufe im 30-Minuten-Takt, Fahrer aus 20 Nationen, dabei viele Piloten-Legenden ” der AvD-Oldtimer-GP gehört zu den Top-Events der deutschen Klassik-Szene. Wer hier noch niemals war oder zuletzt vor einigen Jahren, dem sei der 40. Jubiläums Grand-Prix im nächsten Jahr dringend ans Herz gelegt.

Wir sehen uns dann…

INFORMATIONEN
 
AvD-Oldtimer Grand-Prix 12.-14.08.2011
Nürburgring Nordschleife und GP-Strecke
61.500 Zuschauer, Fahrer aus 20 Nationen
Weitere Informationen: www.avd-oldtimer-grand-prix.de

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Bilder: Christian Böhner, AvD Pressedienst

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