Giganten der Rennstrecke – Cobra vs. Cheetah

Giganten der Rennstrecke

Zwei der heißesten automobilen Tiere im Duell: eine 64er AC Shelby Cobra 427 S/C gegen die letzte aller Cheetahs

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Im Tierreich geht es manchmal gnadenlos zu – “survival of the fittest” heißt das Gesetz. Wer stark ist, lebt. Ein Faible für die Starken hatte Peter Schleifer schon immer. Vielleicht baute er sich deshalb seinen privaten automobilen Mini-Zoo mit der berühmtesten Schlange auf Rädern und dem seltensten Geparden auf – aber weder die Cobra noch der Cheetah dulden Käfighaltung. Sie wollen raus. Brüllend, fordernd, fesselnd. Ab aufs ehemalige Nato-Airfield in Laupheim.

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Die Dompteure sind in der Szene keine Unbekannten:  Schleifer, ein profunder Kenner der US-Car-Szene, hat in diesem Jahr den legendären Canadian American Challenge Cup wieder neu ins Leben gerufen. Sein Ziel ist es,  diese wilde Zeit der Hubraummonster aus den Jahren 1966 bis 1974 nochmals aufleben zu lassen. Schleifer fährt in dieser Serie einen wunderschönen Lola T 310 aus dem Jahr 1972 mit 8,4 Litern Hubraum und gut 840 PS Leistung. Jetzt aber sitzt er am Steuer seiner Cobra – 485 PS, in vier Sekunden auf 100 km/h. Die Cheetah (420 PS, ebenfalls in vier Sekunden auf 100 km/h) hat er zum Showdown vertrauensvoll in gute Hände gelegt: Die pilotiert sein Freund Harry Read aus Aachen. Der lenkt normalerweise zum Beispiel beim Oldtimer Grand Prix auf dem Nürburgring oder beim Hockenheim Historic einen mächtigen McLaren M8C des ehemaligen McLaren-Werksteams. Beide verstehen also ihr Handwerk – sowohl den Umgang mit viel Leistung als auch  mit noch mehr Drehmoment. Und das ist dringend nötig bei diesen Hubraumriesen: Die Cobra wird befeuert von Big-Block-Fod-Motor, die Cheetah startet mit Chevrolet-Power.

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Sowohl die 427er AC Cobra als auch die Cheetah waren für den Einsatz bei den Sportwagenrennen Mitte der 60er Jahre bestimmt. Aus homologationstechnischen Gründen erfolgte die Einstufung bei den Prototypen. Da fuhr die Konkurrenz allerdings bereits mit moderneren Mittelmotorwagen wie Ford GT 40, Chaparral oder Lola T 70 Spyder. Spektakuläre Rennsiege blieben deswegen der 427er Cobra als auch der extrem seltenen Cheetah versagt. Das martialische Aussehen und die brachiale Leistung der beiden Vollblutsportwagen reichten aber zur Legendenbildung völlig aus. Da stehen sie an der Startlinie, sorgfältig warmgefahren. Vor ihnen das schier endlos scheinende Betonband der Startbahn. Sowohl bei der Cobra als auch bei der Cheetah kommen aus den ofenrohrdicken Sidepipes Geräusche, die Angst machen können. Das tiefe Brozzeln und Grummeln im Leerlaufbereich geht dank rhythmischer Gasstöße der beiden Fahrer in ein aggressives Brüllen und Fauchen über. Gespannt warten unsere beiden Protagonisten auf den Moment, in dem Starter-Girl Eva-Larissa den Start freigibt.

Man merkt den beiden Piloten ihre Erfahrung im Umgang mit megastarken V8-Rennern an. Das gekonnte Spiel mit Kupplung und Gas sorgt dafür, dass die Kraft der beiden Hubraummonster nicht nur in Rauch und verbranntem Gummi aufgeht, sondern sofort in mächtigen Vortrieb umgesetzt wird. Side by Side, Sidepipe by Sidepipe geht es die lange Betonpiste entlang. Liegts am Hubraumvorteil der Cobra oder an der eventuell besseren Reaktionszeit am Start – Peter Schleifer mit der 427er Cobra gewinnt das erste Duell. Wenn auch nur knapp. Der ehemalige Amateurboxer Harry Read fordert Revanche.   Muss er auch – schließlich ist einst eine Cheetah in Daytona mit rund 300 km/h Spitze gemessen worden, die Cobra bringt es auf “nur” 260 km/h. Dafür siegt sie im Verbrauch: Wenn die volle Leistung gefordert wird, fließen schon mal 40 Liter je 100 Kilometer aus dem 170-Liter-Renntank. Und außerdem wiegt die Cheetah mit 870 Kilo rund 130 Kilo weniger als die Cobra. Auch wenn es nur Geradeaus geht – Leichtigkeit hat sich dann doch meistens gegen Kraft durchgesetzt…

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Brüllend toben die beiden Boliden abermals los – wild schlingernd die Cobra, diesmal etwas zu viel des Guten. Harry hat die Cheetah-Nase vorn. Schnell trennen  zwei Wagenlängen die Kontrahenten. Da kann Peter Schleifer das Gaspedal noch so weit durchdrücken und dem 427er Ford Side-Oiler die Sporen geben – Harry siegt.  Da muss ein drittes Duell her.

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Aber bevor es los geht, Herr Schleifer – wie kommt man eigentlich zu solch außergewöhnlichen Autos?
“Ich war schon Cobra-Fan, als ich den Führerschein machte, also 1974,” erzählt Schleifer – eine Folge von engen Kontakten mit den US-Airforce-Piloten, die damals in Laupheim stationiert waren. Sofort baute er sich in 1.500 Arbeitsstunden eine Replica von Rantz zusammen. Irgendwann verkaufte er sie mit Gewinn und startete ein neues Cobra-Projekt – wieder eine Replika, wieder rund 1.500 Arbeitsstunden. Auch die zweite Replica gelang, aber der Wunsch nach einer echten AC Cobra wuchs immer mehr. Als inzwischen erfolgreicher Automobilkaufmann reiste er oft nach Großbritannien, wo er über eine stark restaurierungsbedürftige, aber absolut originale 427er Shelby Cobra S/C aus dem Jahr 1965 stolperte – “ein ehemaliges Wettbewerbsauto, das aber nie eine Rennstrecke gesehen hatte,” erinnert sich Schleifer. Damit die Restaurierung möglichst authentisch gelang gab er sie zum Originalhersteller AC. Der sorgte dafür, dass bei der Cobra wieder jede Schraube stimmte. Das ist inzwischen 20 Jahre her.
Die Geschichte von der Cheetah ist noch unglaublicher. Denn Peter Schleifer lernte den Vater der Cheetah, Bill Thomas, vor einigen Jahren in Arizona persönlich kennen. Klar, dass Schleifer sich nebenbei nach einer Cheetah für den Hausgebrauch erkundigte – wohl wissend, dass nur sehr wenige Exemplare (die genaue Anzahl kennt heute wohl niemand mehr) je hergestellt wurden. Thomas wußte, dass ein Schleifer in der Lage sein würde, eine Cheetah zu bändigen, und so baute er ihm aus vorhandenen Restbeständen von Cheetah-Teilen einen neuen Wagen auf. 2008 war der US-Gepard fertigt. Und Thomas starb. Nun besitzt Schleifer die allerletzte originale Cheetah, von Bill Thomas persönlich abgesegnet.

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Schöne Geschichten – aber wir wollen jetzt doch wissen, wie das Duell ausgeht. Dunkle Wolken kündigen schlechtes Wetter an. Und so machen sich alle nochmals bereit – Peter Schleifer cool und lässig in der Cobra, Harry Read angriffslustig und auf den endgültigen K.O. aus in der Cheetah. Doch die Wolken machen plötzlich Ernst: Es schüttet wie aus Kübeln. Keine Chance für die fetten Reifen der beiden Hardcore-Renner: Geballte US-V8-Power, Drehmoment um die 700 Newtonmeter und fast kein Gewicht auf der Hinterachse passen nicht zu den nassen Betonplatten. Leider können wir auch nicht auf besseres Wetter warten – die Maschinenvögel erhalten wieder Vorrang vor Schlange und Gepard. Ist aber vielleicht auch gut so. Muss es denn einen Sieger geben? Es heißt zwar “Cheetah eats Cobra for breakfast”, aber das gehört wahrscheinlich genauso in die Welt der Mythen und Märchen wie die Story von dem  Redakteur einer amerikanischen Autozeitschrift, dem es beim vollen Beschleunigen der Cobra nicht gelungen sein soll, einen innen an die Windschutzscheibe geklebten Hundert-Dollar-Schein zu greifen. Hand aufs Herz: Wer auf dem Beifahresitz Platz nimmt, muss sich nicht mal richtig vorbeugen, um die Scheibe zu berühren…

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Ob es daran gelegen hat, dass die Cheetah nicht haushoch siegte oder Peter Schleifer einfach nicht mehr genug Zeit hat, seine Raubkatze auszuführen – eventuell würde er sein Goldstück in gute Hände abgeben…

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TECHNISCHE DATEN
 
Shelby Cobra 427 S/C – Baujahr 1965
 
Motor: Ford 427 Side-Oiler, 6.994 ccm, 485 PS
Drehmoment: ca. 700 Nm
Vergaser: Holley 850CFM
Getriebe: 4 Gang Top-Loader
Gewicht: ca. 1.000 kg
Beschleunigung: ca. 4 Sekunden von 0 auf 100 km/h
Top-Speed: je nach Übersetzung bis ca. 260 km/h
Räder: Sunburst Felgen mit 235/60/15 vorne, 275/50/15 hinten
Besonderheit: Alurenntank mit ca. 170 Liter  Fassungsvermögen
Verbrauch: ca. 40 Liter / 100 km

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TECHNISCHE DATEN
 
Cheetah – Baujahr 1964/2008
 
Motor: Chevrolet 6,2 Liter (377 cui), ca. 420 PS
Drehmoment: ca. 550 Nm
Vergaser: Holley 750CFM
Getriebe: 4 Gang von Chevrolet Corvette
Gewicht: ca. 870 kg
Beschleunigung: ca. 4 Sekunden von 0 auf 100 km/h
Top-Speed: je nach Übersetzung – in Daytona wurde ein Exemplar mit über 300 km/h gemessen
Besonderheit: Karosserie aus Kunststoff nach Entwurf eines Mitarbeiters von Bill Thomas

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Text: H.Danner, Roland Löwisch
Bilder: ©www.pixxxel-art.com

2 Gedanken zu “Giganten der Rennstrecke – Cobra vs. Cheetah

  1. hallo Herr Löwisch ,kann mann ein cobra rlplica von RL. auf LL. ist das möglich ,? Ford Granada VA,+HA und motor.danke im voraus Gruße

  2. Moin

    Guter Bericht über die zwei Fahrzeuge aus den USA – echte Sportwagen – die heute noch jedem modernen “Supersportwagen” in die Schranken weisen würden.

    Zwei Fahrzeuge, die noch die alte Schule des fahren fordern – kein elektronisches ABC oder komische Fahrhilfen – diese Fahrzeuge müssen RICHTIG gefahren werden – Motor “vorne” – Antrieb hinten – der Grenzbereich ist schmal und gnadenlos – das macht sie so Faszinierend.

    Gruß 454 C3

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