Stoneleigh Kitcar Show – Luxus für Jedermann

Wer Lamborghini, Ferrari, Bentley, Aston Martin oder Porsche aus der Portokasse bezahlen will, sollte sich auf der weltgrößten Kitcar-Messe in Stoneleigh, England, umsehen. Hier gibt’s alles zum Billig-Tarif – weil unter der Verpackung etwas ganz anderes steckt

Stoneleigh, Warwickshire, ist nicht gerade der Nabel der Welt, nur ein durchschnittliches Dorf etwa 50 Kilometer südlich von Coventry. Aber ausgerechnet hier geben sich einmal im Jahr die schärfsten Karossen der Autoindustrie ein Stelldichein: In den sonst so schmucklosen Hallen des “Royal Showgrounds” glänzen fabrikneue Ferrari 430, Aston Martin Volante, Bentley Continental GT, dazu Klassiker wie Porsche 356 und 550 Spyder, Austin Healey 3000 und Jaguar SS100 sowie C-Type. Auf dem riesigen Freigelände parken in Gruppen unter anderem 150 AC Cobra, zehn Porsche 911 Turbo, sechs Ford GT 40,  sechs Lancia Delta HF Integrale, fünf Jaguar E, ein paar Lambo Diablos, zwei Ferrari Daytona und ein Bugatti Type 35. Geballter Luxus für die Upper Class?

Nicht ganz. Denn der ganze Glamour hat einen Haken: Kein Auto ist echt. Doch das stört hier niemanden. Im Gegenteil: In Scharen kommen die Zuschauer, parken ihre Wald- und Wiesenautos auf riesigen Weiden, um die Show der automobilen Abstrusitäten zu bewundern – die Stoneleigh Kitcar Show, die weltgrößte Messe für Bausatzautos und Replikas bei Kenilworth nahe Coventry. Während sich draußen auf rund 40.000 Quadratmetern Clubs und Markenvereine mit ihren rund 4.000 nachgemachten und selbst entwickelten Vehikeln präsentieren, werden in vier Messehallen Gebrauchtwagen, Teile und vor allem die neuesten Kreationen der findigen Schrauber feil geboten. Gut ist, was gefällt. Ein Spenderauto wird sich schon finden.

“Donor-Car” nennen die Engländer die Basis unter den schicken Karossen aus Glasfaser und GfK: Unter den Kreationen zum Beispiel der Firma DNA Automotive aus Birmingham namens “4thirty” und “3sixty” stecken Ford Cougar und Toyota MR2. Für die nagelneuen Kits und damit für das Gefühl, sich fast einen Ferrari geleistet haben zu können, zahlen Bastler bis zu 14.000 Pfund – ein Schnäppchen gegenüber den echten Pendants.

Dem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt. Chesil findet für den Porsche 356 Cabrio immer noch VW Käfer, Roger Williams fertigt in seiner Suffolk Sportscar Eng. pro Jahr zwischen 12 und 15 wunderschöne Jaguar SS und Jaguar C-Type aus XJ6 und XJ12.  “Aspire Cars” kleidet alte Mazda MX-5 in Formen, die zumindest an der Front eklatant an das typische Aston-Martin-Gesicht erinnern. Und Chris Welch, eigentlich Hot-Rod-Bastler, hat in seiner neu gegründeten “Tribute Automotive” einem alten Toyota Supra ein Bentley-Continental-GT-Kleid übergezogen. Triking Cars macht seit Jahren das, wofür Morgan jetzt selber viel Geld verlangt: Beide bauen den Morgan Threewheeler aus den 20er Jahren nach – Morgan mit 100 PS starkem Harley-Davidson-Motor für 25.000 Pfund, Triking mit italienischem Moto-Guzzi-Motor ab 12000 Pfund. Wer ihn selber zusammenschraubt, kommt noch billiger davon. Doch das Geschäft blüht nicht nur bei den Lookalikes, sondern auch bei den skurrilen Eigenkreationen. So baut Regent sowie die Imperial Motor Company unförmige und übergroße Neu-Oldies auf Basis des schrulligen  Londoner Taxis FX4, andere basteln sich ihren Rahmen auch selber und packen spleenige Konstruktionen mit zwei Sitzen hintereinander drauf, was nur noch entfernt an das wohl am meisten selbst- und nachgebaute Auto der Welt erinnert, den Lotus 7.

Fasst der überrumpelte Festlandseuropäer schon nicht die Vielfalt unter den Messedächern, gerät er auf dem Freigelände ganz aus dem Häuschen. Draußen präsentieren sich die schrägsten und wildesten Kreationen, bei denen hierzulande nicht mal ein Reifen die Zulassungshürde nehmen würde. Da fährt zum Beispiel ganz legal ein scheinbar russischer Mirov 2: Neun Jahre Bauzeit, einst für einen Spielfilm gedacht, den Antrieb übernimmt ein Renault 21-Motor. Dagegen wirkt der riesige dunkelrote Sherpley wie ein edwardianischer Koloss a la Bentley Blower, ist aber ein Konglomerat aus Ford Granada und dem Leyland-Laster Sherpa. Der Covin-Clan zeigt stolz eine Phalanx von in den 90er Jahren gebauten 911 Turbo auf Basis VW T3 Fastback – der Blick unter die Motorklappen gleicht einem Kulturschock: Vierzylinder-Reihenmotoren von Alfa und Vauxhall. Witzig dagegen die “französische” Mannschaft mit britischen Lomax, liebevoll personalisiert auf ausgedienten “Enten”-Chassis (Citroën 2CV). Optisch ansprechend die MG TF aus den 50er Jahren, die aber von Gentry sind und mit Triumph-Spitfire-Motoren ausgerüstet wurden. Rassig die Ford RS 200, in deren Pflaume man bei genauerem Hinsehen als Hersteller “Fraud” erblicken kann, und die auf profanen Austin Maestro basieren. Schick die Jaguar XK 150 von Aristocat. Rätselhaft der englische TV-Star “The Stig”, lange Zeit “unbekannter” Rennfahrer in der kultigen Top-Gear-Autosendung, der sich im Duesenberg übers Gelände chauffieren lässt – das Vehikel ist nichts anderes ist als mit Teilen von Ford Sierra, Ford Cougar, Nissan Laurel und Talbot Samba zusammengeschusterter Beauford. Überzeugend die “amerikanische” Crew mit Ford-GT40-Fakes von Tornado Sports Car (Ford-5-Liter-V8, Renault-30-Getriebe, Ford-Granada-Achsen). Erschlagend geradezu die unzähligen Lotus 7 und AC Cobra, die natürlich nicht von Lotus und AC stammen, sondern von illustren Herstellern wie Caterham, Westfield, Locost, Tiger, Dax, Crendon, Pilgrim und Cobra Classic Replika.  Frappierend allerdings die “italienische” Ecke. Was auf der Wiese “Italian Replica” steht reicht von ziemlich perfekt gelungen bis absolut gruselig. Sind die Lamborghini Diablo sowie Ferrari Daytona 365 GTS auf Jaguar-XJ12-Basis und 250 GTO auf Porsche 944 S2 optisch noch vertretbar, sind solche Kreationen wie ein Koenig-Testarossa von RV Dynamics mit Rover-V8, Renault-21-Getriebe und Jaguar-Fahrwerk, ein 355 auf Toyota-MR2-Chasis oder der für 17850 Pfund käufliche Ferrari F40 von Xillion auf Pontiac-Fiero-Basis mit einem V6-Motor schlicht albern, weil die Proportionen überhaupt nicht stimmen. Enzo dürfte im Grabe rotieren.

Die Hersteller der echten Pretiosen finden übrigens die Plagiate wenig lustig, besonders bei den modernen Modellen. Bentley will sich die GT-Kreation genau ansehen und dann entscheiden, ob dagegen angegangen werden soll, Ferrari sieht das ähnlich: Der italienische Sportwagenbauer verteidige “regelmäßig Markenrechte, Designs und Copyrights gegen die Hersteller von Replikas.” Auch wenn Bentley und Co. erfolgreich intervenieren sollten, muss man sich über die Zukunft der Replikahersteller allerdings kaum Sorgen machen: Englische Autobauer waren schon immer besonders findig…

Bilder: Roland Löwisch

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