Das letzte Biotop des Mannes

avatar_6Wo kann der Kerl an sich noch Kerl sein, seine Macken und Eigenarten pflegen? Vielleicht auf dem Fußballplatz, im Baumarkt oder in der Eckkneipe. Vielleicht ist das letzte Rückzugsgebiet aber auch eine schröddelige Garage am Rande der Stadt

Frauen haben hier nichts zu suchen. Sie stören nicht, aber eine Stubenfliege würde man ja auch nicht extra herauskomplimentieren. Wahrscheinlich würde sie auch gar nicht weiter auffallen. Die Frau jetzt. Zwischen den ganzen Ersatzteilen, die man ja vielleicht noch irgendwann benötigen könnte, wie die vier Blinker, die in der Ecke liegen. Aber hey, es liefen schließlich vier Gebote auf eBay, konnte man ahnen, dass sonst niemand Blinker haben wollte? Konnte man nicht. Zwischen Kallis Käfer und dem halben Jaguar, der rechts hinten einstaubt und den man noch irgendwann fit machen wollte. Zwischen Ersatzteilkatalogen und dem lieb gewonnenen Auspuffrohr, von dem man sich nicht recht trennen kann, obwohl in ihm ein faustgroßes Loch gähnt. Den Jungbäuerinnenkalendern, fünf oder sechs Jahrgänge sind es vielleicht. Die Kofferraumhaube, die einem Herr Siemsen schenkte, als er seine Garage auflöste. Farbe passt nicht, Marke haut nicht hin. Aber man kennt das ja. Schmeißt man sie weg, dauert es keine zwei Tage, bis man es bereut. Genau dann braucht man die Kofferraumhaube äußerst dringend. Murphy’s Law.

Manche dieser Garagen verstecken sich in Hinterhöfen. Andere in Vororten. In manchen wird gearbeitet, Aschenbecher quellen über wie Maulwurfshügel, Metallteile stapeln sich bis zur Decke, ein Spielzeughubschrauber mit Fernsteuerung liegt zwischen zwei Autoreifen, eine leere Kiste Bier. Staub bedeckt das Stilleben. Eine Werkbank mit Dosen und Schachteln, daneben zwei Kisten mit Schrauben und Muttern. An der Wand Poster. Nummernschilder. Eine Flagge. Auf einem Schreibtisch ein mit Altöl und Ruß bedeckter Laptop. Im Hintergrund gniedelt ein Radio vergessene Hits. Düstere Kreaturen werkeln hier im Verborgenen, 150-Kilo-Kerle in verschlissenen Overalls, kleine Männchen mit schwarzen Händen beugen sich über Autowracks. Männer fachsimpeln. Männer ohne Haare, mit Bart, wenig Bart, Bauch und Bart. Vielleicht mit Tätowierung, auf jeden Fall mit einer Mission.

Andere Garagen existieren nur um ihrer selbst Willen. Eine Scheune am Rand der Stadt. Keine Heizung, zieht wie Hechtsuppe. Selten besucht man die Scheune, der Platz zählt. Man könnte hinfahren, wenn man wollte. Muss man aber nicht. Es reicht, dass es diesen Ort auf der Welt gibt, eine Stätte, in die einem niemand reinsabbelt. Ein eigener Kosmos. Freiheit hat viele Gesichter. Manchmal besteht sie aus ein paar voll gestellten Quadratmetern.

4 Gedanken zu “Das letzte Biotop des Mannes

  1. Dem kann ich nur zustimmen. Mehr davon. Erfrischend und authentisch geschrieben, so schreibt, wer mitten drin steckt und auf Details achtet.

  2. Da bricht eine Frau eine Lanze für den MANN. Wie schön. Doch der Schein trügt. Insbesondere den scheinbar so wohlwollend betrachteten Mann. Mit subtiler Ironie wird da der Angriff auf die letzten Bastionen des Mannes gestartet. Also: Vorsicht Männer! Solche Frauen sind ganz besonders gefährlich 🙂

  3. Eine Frau die sich in die Gedankenwelt der Harten reindenken kann& was noch viel besser ist den Sinn versteht (>eine Mission/niemand reinsabbelt/Freheit etc.)
    Dies wird aber wohl daran liegen , das wenn sie Probleme hätte diese nicht damit zu tun hätten ob der Lippenstift für den frühen Abend hellrosa (passend zum rosa rüschen Rock) oder dunkelrosa (passend zum DesignerHandtäschchen).seinsoll. Ich könnte mir sogar vorstellen das Wiebke nach Feierabend/weekend für Ihre Blubberkiste selber so einen Ausweichpunkt braucht oder sogar gebraucht.Das ist nur meine Vorstellung von Fr.Brauer. MfG de Likedeeler P.Jules

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