Völlig verprolllt

falconf7Dunkle Scheiben, matter Lack und fette Schluppen: Was einst nur Tuning-Fans begeisterte, leistet sich heute jeder brave Bürger gegen Aufpreis ab Werk. Boah, ey, warum auch nicht? Schlechter Geschmack macht schließlich Spaß.

„Über Geschmack“, sagte ich einmal zu einem feinen Herrn, „lässt sich bekanntlich streiten.“ Da antworte der feine Herr: „Nein.“
Damit hatte er nicht nur Recht, sondern mir auch erfolgreich das Maul gestopft. Kurz vorher hatte ich ihm erzählt, dass ich einen Mercedes SL besitze, ein US-Import mit fetten Ami-Stoßstangen, dunkelrote Zierstreifen, das volle Programm. Seine Nase rümpfte er nicht. Nur seine Augen verengten sich leicht. Den Blick kannte ich. Klar zeichneten sich die Worte in der aufpoppenden Gedankenblase über ihm ab: „Warum rüstet sie das Fahrzeug nicht auf EU-Norm um, die Scheinwerfer sind ebenfalls indiskutabel. Um Fontane zu zitieren: ‚Das ist indezent und degoutant zugleich.’“ Oder so ähnlich. Wobei ich zu meiner Verteidigung sagen muss, dass ich mit meinem Prekariats-Geschmack offenbar voll im Trend zu liegen scheine. Millionen von Fliegen können nicht irren! Man muss sich nur einmal auf der Straße umsehen: Gut betuchte Menschen lassen sich dazu hinreißen, ihr Automobil der gehobenen Preisklasse gegen einen gepfefferten Aufpreis matt lackieren zu lassen. Vor zwanzig Jahren noch hätte man in jedem schwarz gerollten Wagen subversive Elemente vermutet und die stumpfe Kiste mit spitzen Fingern aus dem Verkehr gezogen. Und diese dunkel getönten Scheiben – oder die lustigen Lichterketten-Scheinwerfer namens LED-Tagleuchten! So etwas gab es früher nur im völlig verhartzten Tuning-Bereich. Bei Audi und Porsche nennt man die Verdunklung übrigens „Privacy Verglasung“, wie ich just las. Doch damit nicht genug. Hysterische Audio-Systeme. Unterhaltungselektronik in Kopfstützen. Schlangenlederoptik. Weißer Lack mit Rallyestreifen. Spoiler. Schluppen. Felgen. Tieferlegung jetzt! Keine zehn Jahre, und all das wird von jedem Autohersteller angeboten. Ach, wird es schon? Ja, wahrscheinlich.

Da wunderte mich die Nachricht nicht, dass auf der diesjährigen Autoshow in Detroit zwar alle von grüner Technologie säuselten, der heimliche Liebling aber kein recyclingfähiger Elektro-Rollator war, sondern ein Falcon F7. 4,40 Meter lang und 1,12 Meter hoch. Keine 1000 Kilo schwer. Der V8-Motor stammt aus der Corvette, sieben Liter Hubraum, 620 PS. Von 0 auf 100 in weniger als vier Sekunden, die Spitzengeschwindigkeit liegt bei etwa 320 km/h. Oder anders gesagt: Eine brutal aussehende Proll-Karre. Keine Frage, ich liebe diesen Wagen. Nein, über manche Dinge kann man nicht streiten.

 

 

Bild: http://www.falconf7.com/

Ein Gedanke zu “Völlig verprolllt

  1. Wären die hochpreisigen Midlife-Crisis Beschleuniger wenigstens lackiert, dann könnte man einen Hauch von “Cojones” verspüren. Lieber greift man in diesem Fall aber zur vielversprechenden Folierung. Schließlich lassen sich die leasingsilberne S-Klasse und der dunkelblaue Cayenne viel einfacher wieder abstoßen, wenn man nach 2 Jahren den teuer angepassten Lackschutz einfach wieder abpellt. Wo mattscharz drauf ist, ist halt, wie bereits festgestellt, nicht immer Rock ‘n’ Roll drin.

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