Lust auf Lärm

avatar_6Herrlich, diese ganzen technischen Innovationen, mit denen man beim modernen Autofahren Benzin sparen kann. Ganz vorne dabei: Die Start-Stopp-Automatik. Ärgerlich nur, wenn die Fahrerin bei jedem Zwischenhalt einen halben Herzstillstand erleidet, weil sie von einem technischen Defekt ausgeht. Ein Plädoyer für den Krach.

Der Motor erstirbt. Mit den Zylinderkolben bleibt auch mein Herz stehen. In Sekundenschnelle ziehen Bilder an mir vorbei: Kontakte, die sich von Batterie-Polen gelöst haben. Der zugedrehte Benzinhahn des Motorrades. Die Nadel der Benzinanzeige im roten Bereich. Die nicht funktionierende Benzinanzeige.

Jens blickt kurz zu mir herüber und sagt in die Stille: „Start-Stopp-Automatik“. Ach ja.
Die Ampel, an der wir stehen, schaltet wieder auf grün, er gibt Gas, der Wagen springt an, mein Herz beginnt wieder zu schlagen, der Puls beruhigt sich, ich atme tief ein. Das hat man nun davon, wenn man im Winter in einem vernünftigen Neuwagen sitzt. Die Moderne bringt mich noch mal um.

Dabei ist es nicht so, dass ich das Start-Stopp-System erst heute kennen gelernt hätte. Schon vor Jahren saß ich in einem kleinen Auto, welches über diese Technik verfügte. Wobei ich nicht wusste, dass das System schon Anfang der 80er Jahre im VW Santana und Audi 100 C2 eingesetzt wurde.

Gewöhnt habe ich mich nie daran. Da man als misanthropischer Nostalgiker naturgemäß jeder Neuerung skeptisch gegenüber steht, las ich im allwissenden Netz erst einmal nach, was die Abschaltung überhaupt bringen soll. So sparen laut einer Schätzung des ADAC solche Systeme zwischen 2 und 3 Prozent Kraftstoff ein, laut BMW im reinen Stadtverkehr deutlich mehr. Ah ja. Nach Herstellerverbrauchsangabe beträgt der Verbrauchsvorteil beim Opel Agila B nur etwa 2 Prozent im Testzyklus. So so.

Während dieser Lernstunde stolperte ich ebenfalls darüber, dass sich die grüne Technik nicht nur in den Agilas dieser Welt findet, sondern auch im 460 PS-Cabrio California von Ferrari, der Ende 2010 auf den Markt kam. Damit war der California um rund 10 Prozent sparsamer als das Vorgängermodell und schluckte nicht mehr 13,1 Liter, sondern offiziell nur noch 11,8 Liter. Der erste Ferrari mit Start-Stopp-Automatik. Gulp. Schöne neue Welt.

Unter uns: Es muss blubbern. Wenn ich Stille brauche, fahre ich Rad, gern und oft. Aber beim Auto fahren? Gibt es für mich mitunter nichts Schöneres, als an der Ampel zu stehen und dem Puckern des Motors zu lauschen. Es beruhigt mich. Ich weiß dann, dass alle Systeme funktionieren, dass meine Kiste atmet und kuttert und taktet. Meine Motoren müssen rauchen. Husten, rotzen und spotzen. Das Leben darf gerne leise sein – aber zwischendurch muss es mich anbrüllen.

„Jens“, sagte ich an der nächsten Ampel, „es wird Zeit, dass Frühling wird.“ Er nickte.

5 Gedanken zu “Lust auf Lärm

  1. Schön geschrieben und zu 100 Prozent zutreffend! Ich kann Autos nicht leiden, die mich bevormunden. Nie käme ich auf die Idee einen Wagen zu kaufen, der selbst entscheidet wann der Motor abstellt, welcher Abstand zum Vordermann einzuhalten ist oder wann die nächste Wartung fällig ist. Das ist und bleibt MEIN Bier.

    Beste Grüsse,
    Stefan H.

  2. Bester Steffan,

    ganz genauso sehe ich das auch. Oftmals will der vermeintliche Verbrauchsvorteil erstmal durch einen
    satten Aufpreis erkauft werden. Ob dann die oben genannten 2% den Kohl fett machen?
    Ich glaube nicht.
    Start-Stopp ist nichts weiter als ein öko politisches Feigenblatt für unsere Gutmenschen.
    Ein Plädoyer für den Krach, herrlich. Mit diesem Beitrag auf den Punkt gebracht.
    Danke, Frau 8.

    Bronx

  3. Dieses System wurde auch im Golf II “Ecomatic”. Ein Bekannter fuhr das Ding. Und sparte auch ordentlich Diesel. Aber nur, weil die Kiste dauernd in der Werkstatt stand.

    Ich finde das System an sich nicht schlecht, aber in einem Ferrari ist es echt fehl am Platz.

    Steffen.

  4. Hallo Wiebke,
    Ich gebe Dir Recht !
    Noch dazu, wenn es 8 Zylinder sind, die da auch mal im Stand dumpf und kernig ruhig vor sich hinblubbern. Der Ton macht eben die Musik 🙂

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