Adele und ihr 280er Coupé

Der Benz aus der Kiste – 20 Jahre war der 280 C in einem dunklen Holzsarg eingesperrt – Adele befreite ihn, und zusammen genießen sie nun die Freiheit

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Oldtimer machen glücklich – so ein Lächeln werden Sie selten im Gesicht eines Kleinwagenfahrers sehen…

Dem Tag fehlt Farbe. Es ist typisches Hamburger Winterwetter: grau mit einem bisschen fahlen Grün. Und der Wagen, der da hinten langsam den Deich herunter fährt, passt sich der Szene mit seiner Lackierung nahtlos an. Aber seine Form hat etwas Besonderes: groß, lang, aber nur zwei Türen. Er wirkt gleichzeitig ein bisschen gedrungen und durchaus erhaben. Am Wasser stellt der Chauffeur den sanft gluggernden Motor ab, die Fahrertür öffnet sich.

Von wegen Chauffeur: Eine junge Frau entsteigt der Behaglichkeit des Interieurs, und schlagartig zieht Farbe in das Bild ein: ihr roter Mantel und ihre quietschroten Haare geben dem Tag Farbe.

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Vom Garten ins Wohnzimmer

Adele klettert normalerweise als Selbständige jeden Tag wie ein Eichhörnchen mit einer Kettensäge auf hohe Bäume und macht sie dem Erdboden gleich. Und wenn sie mal nicht ihren männlichen Kollegen zeigt, wie man einen richtig großen Baum fällt, pflügt sie kreativ durch norddeutsche Gartenanlagen und Parks. Den grünen Daumen hat sie in einer entsprechenden Ausbildung perfektioniert, den Hang zum Gasgeben lebt die Lady nicht nur an der schreienden Motorsäge aus. Im Alltag aber bewegt sie einen Mercedes-Benz C123 280C – und das fehlende E hinter dem C bedeutet, dass es sich dabei um die sehr seltene Version mit einem riesengroßen Doppelvergaser anstatt einer Einspritzanlage handelt: Nur 3.700 Stück wurden gebaut.

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Unter der zeitlos eleganten Form werkelt ein brachialer Reihensechs-zylinder mit Doppelvergaser

Gegen Langeweile

Es war dieser sehr seltene und klassische Fehler bei der Aufgabe einer Kleinanzeige, der Adele zu diesem sehr seltenen und klassischen Automobil verhalf. Sie war schon länger auf der Suche nach einem Alternativauto zu ihrem T3-Bulli mit 55-PS-Saugdiesel und Anhängerkupplung, der für den Transport ihrer Gartengeräte und den Abtransport von allerhand Gerodetem zuständig ist – gut für den Job, aber im Alltag ein wenig langweilig.

Da musste ein zweiter her, etwas fürs Wochenende. Und durch Zufall stolperte Adele im Internet über das 1978er Coupé, für das sich niemand zu interessieren schien. Warum auch, der Vorbesitzer hatte es aus Versehen in der Rubrik “C-Klasse” eingestellt, wo die Zielgruppe erwartungsgemäß eine ganz andere ist. Ihr Freund hatte auch schon mal einen Daimler der Baureihe W123, also sind ihr die barocken Formen bereits vertraut. Und sie verliebte sich spontan.

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Holz trifft auf Mechanik: Klassische Stilelemente, die man in jedem Mercedes an den gleichen Stellen wiederfindet
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Kommodes Gestühl im Raumgleiter, Wohnzimmeratmos-phäre inklusive

Eingesargt

Der gediegene Mercedes gehörte einem alten Viehbauern im ostfriesischen Leer. Der gönnte ihm damals direkt nach dem Kauf einen Veedol-Rostschutz-Impfpass und bewahrte den Benz somit sehr sorgsam vor der damals üblichen, schnell angreifenden braunen Pest. Schon nach wenigen Jahren war der Herr zu alt zum Autofahren. Verkaufen wollte er den Daimler allerdings nicht.

Er lagerte ihn allerdings auch nicht einfach so ein, um dann ein klassischer Scheunenfund zu werden, den nach 20 Jahren irgend jemand unter einer zentimeterdicken Staubschicht ausgräbt. Nein, der vorausschauende Viehbauer zimmerte um seinen Mercedes herum eine absolut dichte Kiste aus massivem Holz, gleich einer überdimensionalen Zeitkapsel, in der das Fahrzeug trocken und geschützt mehr als 20 Jahre eingeschlossen seinem Schicksal entgegen dämmerte.

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Oldtimer machen glücklich – so ein Lächeln werden Sie selten im Gesicht eines Kleinwagenfahrers sehen…

Und nun brauchten die Enkel wohl Geld, der Wagen musste die bequeme Kiste verlassen. Mit Urvertrauen, einem Lächeln auf den Lippen und frischen Kurzzeitkennzeichen unter dem Arm stand die kleine, rothaarige Garten- und Landschaftsbauerin vor knapp einem Jahr also im ostfriesischen Leer. Das Auto strahlte fast genau wie sie…

Meer aus Plüsch

Mit frischer Luft auf den Reifen und rundherum gecheckten Flüssigkeiten lief der vergaserbefeuerte Reihensechszylinder wieder seidenweich. Im Innenraum präsentierte sich ein cremefarbenes Meer aus Plüsch und Wurzelnuss-Holz, leicht getrübt durch den Muff von zwei Jahrzehnten, den die klimaanlagenfreie Lüftung hervorschaufelte. Ein bisschen Rost blühte hier und da auf, die Wagenheberaufnahmen waren angegriffen und im Unterboden schienen ein paar kleine Löcher zu sein. Wen kümmerts? Adele lebt mit einem der begnadetsten Blechkünstler Schleswig-Holsteins zusammen, und was sie nicht selbst wegschrauben kann wird er schon richten.

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Das lückenlos ausgefüllte Kundendienstheft erzählt eine lange Geschichte

Seitens der Verkäufer wurden ihr die üblichen, preistreibenden Geschichten aufgetischt: “Da sind jetzt heute noch drei Leute unterwegs nach Leer, die nehmen ihn jeder sofort mit, falls Sie den nicht kaufen wollen…” Na klar. Adele schmunzelte in sich hinein und verhandelte trotzdem über den ohnehin schon unverschämt günstigen Preis – mit Erfolg. Für den groben Gegenwert von vier Kaltmieten einer Dreizimmer-Altbauwohnung in Hamburg-Altona wechselte der Klassiker den Besitzer. Auf eigener Achse fuhr sie das geschmeidige Coupé mit den zaghaften 156 PS quer durchs Land nach Hause und ließ sich nicht davon ärgern, dass sie beim originalen Becker Mexico alle zehn Kilometer den Sender manuell neu einstellen musste…

Billig durch den Alltag

Seit dem läuft und läuft er und wird nicht müde. Das H-Kennzeichen hat der alte Sternenträger mühelos bestanden, ist seine Seele doch weitestgehend unverbraucht und originalbelassen. Aus vielen Ritzen dringt noch immer das Hohlraumwachs nach außen, und auch der gesamte Motorraum ist mit einer matten, konservierenden Schicht überzogen. Das ist nicht ansehnlich, aber die Jagd nach dem Pokal für den schönsten Mercedes liegt Adele sowieso fern. Sie will nicht auf Treffen fahren. Sie will einfach nur ein wunderschönes, altes Auto im Alltag bewegen, eine klar konturierte Alternative zu den zahl- und gesichtslosen Koreanern und Japanern mit ihren Knubbeldesigns und Plastikorgien.

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Prost mit Astra: Auf Hamburgs Kiez St. Pauli ist der Mercedes gut aufgehoben

Und die Kosten? Die sind erstaunlich moderat, dank der historischen Zulassung belaufen sich die Fixkosten auf 171,00 Euro Steuern und 160,00 Euro Vollkaskoversicherung – im Jahr. Das sind pro Monat gerade einmal rund 25,00 Euro – da fällt es nicht so sehr ins Gewicht, dass der gewaltige Solex-Doppel-Register-Fallstromvergaser nicht immer wirklich genügsam das gute Super dosiert. Zwischen zwölf und 15 Litern verbrennt das Coupé, darunter geht nichts. Aber zur Not wartet ja noch immer der Diesel-Bulli auf seinen Einsatz…

Wir flüchten vor dem Grau da draußen in den alten Elbtunnel, der heute angenehm leer ist. Inmitten der dezenten Farben des Daimlers und der unwirklichen Kachelwelt unter dem großen Fluss wirkt die selbstbewusste Frau wie ein fröhlicher Paradiesvogel.

Dass sie sich nicht mit Einheitsbrei abspeisen lässt, ist schon mit bloßem Auge zu sehen. Aber auch Extravaganz ist ihr fremd —  für den W123 sind noch alle Teile beim freundlichen Händler um die Ecke zu ergattern. Und was da zu teuer ist, findet sich oft beim Verwerter oder in den vielen Onlineportalen für kleines Geld. Dort bekommt man auch umfassende und freundliche Hilfe, wenn einmal eine Reparatur ansteht, zu der das konkrete technische Wissen fehlt.

Selbst schraubt die Frau

Diese Option muss Adele allerdings selten ziehen – sie legt schon lange selbst Hand an ihre Autos. Hin und wieder geschieht das auch in Hot Pants und Netzstrumpfhosen, warum soll sie denn beim Schrauben nicht auch sexy aussehen? Sie nickt und lacht. Aber das tut sie eigentlich immer – kein Wunder, bei diesem Auto.

Adele genießt im Alltag die üblichen Szenen, wenn sie an einer Ampel steht oder an der Tankstelle anhält – besondere Blicke, wohlwollendes Kopfnicken. Ein Youngtimer eint auf magische Weise die betrachtenden Personen – dabei spielt es keine Rolle, ob sie einmal so einen hatten, so einen schon immer haben wollten oder so einen niemals haben werden. Alte Autos machen nicht nur die Fahrerin glücklich, sondern hinterlassen auf ihrem gesamten Weg durch den Tag fröhliche Menschen.

30 Jahre und nicht müde

Fragen zum Auto beantwortet Adele gerne. Ihre Geduld und Entspannung kommen nicht von ungefähr: In diesem Benz klappert selbst nach 34 Jahren nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts. Die Automatik legt die Fahrstufen fast unmerkbar ein, die elektrischen Fensterheber sirren monoton und kraftvoll und bewegen die gewächshausgroßen Seitenscheiben mühelos rauf und runter. Die kleinen hinteren Coupéfenster sind ebenfalls versenkbar, allerdings klassisch mechanisch. Erst wenn sie auch unten sind wird  dem Betrachter die makellose Linienführung dieses Mercedes vollends bewusst.: Ein Coupé darf einfach keine B-Säule haben. Das ist heute nicht allen Automobilherstellern klar.

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Derart von zuverlässigen, intakten und vorwiegend mechanischen Helferchen umgeben, kehrt bei jeder Tour eine sagenhafte Grundruhe ein. Die vielgepriesenen Sofasessel mit der Federkernseele hat Adele bei einem Sattler, der den originalen Stoff noch besorgen konnte, neu aufpolstern lassen. Sie sitzen sich wie im Neuwagen, als ob während der vergangenen 170.000 Kilometer niemand hier jemals Platz genommen hätte.

Ihr Freundeskreis, eigentlich eher in alten Magirus-Lkw, Büssing-Bussen und ausgebauten T3 unterwegs, hat den Beau inzwischen ebenfalls als ihren ständigen Wegbegleiter akzeptiert. Und die Preise steigen. Im aktuellen Zustand dürfte dieser letzte seiner Art inzwischen das dreifache seines damaligen Kaufpreises wert sein. Vergleichen Sie das einmal mit dem Wertverlust an einem neuen Auto…

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Das geht noch immer durch die Ohren. Original Becker-Autoradio ohne RDS


Ein Auto mit Historie

Die farbenfrohe Lady muss bald wieder weiter, es bleibt gerade noch Zeit für ein kaltes hanseatisches Bierchen und einen Blick auf die Dokumentationen eines langen Autolebens: Das lückenlose Scheckheft (abgesehen von der Pause in der Kiste), die Einfahrvorschriften für die ersten 1.500 Kilometer, der Korrosions-Impfpass und das Kundendienstheftchen. Neben Bedienungsanleitungen zeigt uns die Zweitbesitzerin auch die Garantiekarte und die Kurzbeschreibung des originalen Becker-Radios. Das soll drin bleiben, auch wenn RDS heute sehr entspannend ist.

Mit einem letzten Lächeln gleitet Adele auf den Fahrersitz des alten Herren, legt die erste Fahrstufe ein und winkt noch einmal aus dem trotz beginnenden Regens noch immer weit geöffneten Schiebedach…

78er Mercedes-Benz C123 280 C (Coupé)
Motor: Reihen-Sechszylinder
Hubraum: 2.746 ccm
Leistung: 156 PS
Drehmoment: 223 Nm bei 4.000 Umdrehungen
Getriebe: Viergang-Automatik
Bremsen: Scheibenbremsen rundum
Gewicht: 1.505 kg
Höchstgeschwindigkeit: 190 km/h
Sprint: 0 – 100 km/h:10,5 s
Bilder: Jens Tanz

9 Gedanken zu “Adele und ihr 280er Coupé

  1. Hübsches Auto.
    Ein W123 Coupé hatte ich leider nie.
    Allerdings den 230E 2x und den 250 ebenfalls mit dem 6 Zylinder Vergasermotor mit 129PS
    Das waren dankbare Autos.
    Gerne würde ich mal wieder einen fahren.

    Liebe Grüße,
    Marlboroman

    • Hallo Daniel,

      ich nehme mir mal heraus, für Adele zu sprechen und denke, dass Private Car Sharing für sie nicht in Frage kommt. Der Benz ist tatsächlich ein Alltagsauto und wird täglich genutzt. Aber vielleicht sieht man sich ja mal auf dem einen oder anderen Treffen, falls sie der Virus doch noch mal packt?

      Grüße nach Hamburg
      Jens

  2. Schönes Stück !
    Meiner hat die gleiche Farbe, nur halt den (zu) kleinen Motor.
    Für die Stadt aber ausreichend, für weitere Strecken habe ich ja noch was komfortables in der Garage stehen.
    Aber nur mit Sechszylinder ist er eben ein richtiger Grand Tourismo !

    • Hallo Adrian,

      der knurrende Sound des Reihensechsers ist schon sagenhaft, da stimme ich zu. Hatte selbst ein paar Monate einen W124 260E, kein wirklich schönes Auto, aber unzerstörbar und sehr komfortabel. Ich habe den dann für ganz kleines Geld (ich heule noch immer) abgegeben und gegen einen Passat 35i TDI eingetauscht. Ein Lastesel für lange Strecken, mehr nicht. Im TRÄUME WAGEN Alltag fahre ich ein Taunus Coupé von 1975, irgendwo muss der Spaß ja bleiben…

      Grüße
      Jens

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