Geschichten aus dem Muscle Car Alltag – Vorsicht vor Export-Leichen

Der Import von Autos aus den USA kann kräftig daneben gehen (siehe Heft 01/12). Besonders bei Export-Billigangeboten inkl. Verschiffung sollten alle Warnlampen leuchten: Echte Schmuckstücke verscherbeln die Amis nicht, wissen die Experten von Oldschool Custom Works in Weinstadt

am022012_7039_oscw_tow_truck_driver_00

Dank eBay und einem immer noch günstigen Dollarkurs ist der Import eines amerikanischen Klassikers heute so einfach wie nie zuvor. Der europäischen Kaufkraft haben die Amerikaner wenig entgegenzusetzen. Allen voran die Deutschen räumen den US-Markt leer. Doch wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten…

Jeder, der hin und wieder die Fahrzeugangebote auf ebay.com studiert, kennt das Bild: Reihenweise bieten US-Händler Fahrzeuge ausdrücklich zum Export nach Europa an, Transportabwicklung gleich mit, teilweise sogar im Kaufpreis inbegriffen. Selbst vor dem deutschen Markt machen diese Angebote nicht mehr halt – amerikanische Händler inserieren verstärkt direkt auf den Online-Plattformen der Zielländer, Seetransport eingeschlossen. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Warum sollte man sich die Vorteile der Globalisierung entgehen lassen, warum nein sagen zu einem günstigen Mustang, Camaro oder Charger direkt aus den USA?

Die Frage, die allenthalben nicht gestellt wird, lautet: „Warum geben sich die von Natur aus patriotisch veranlagten Amerikaner so große Mühe, ihr kulturhistorisch wertvolles automobiles Erbe in großem Stil ins Ausland zu verschieben, Seetransport gratis dazu?“

An der überragenden europäischen Kaufkraft allein kann es nicht liegen, denn wer genau hinschaut, wird feststellen, das amerikanische Käufer für wirklich seltene Exemplare der Spezies „Muscle Car“ meist wesentlich mehr zu zahlen bereit sind als Europäer.

Genau dort liegt aber der Hund begraben: Die meisten „Großen Namen“ unter den US-Klassikern sind in den USA eben alles andere als selten. Allein Ford produzierte von 1965 bis 1968 mehr als 2.000.000 Mustang, GM steuerte von 1967 bis 1969 fast 700.000 Camaro und knapp 800.000 Chevelle Coupé  bei, Chrysler brachte es von 1968 bis 1970 immerhin auf 230.000 Charger. Insbesondere in den Rost-armen Sonnenstaaten der USA übersteigt das Angebot an schnellen Coupés der späten Sechziger noch immer die Nachfrage, allerdings sind richtig gute Exemplare nach mehr als 40 Jahren eben auch dort Mangelware.

Nach den elementaren Regeln der Marktwirtschaft bleiben die überdurchschnittlichen Fahrzeuge begehrt, teuer – und natürlich auch einfach lokal absetzbar. Dementsprechend sind so die schlechten Exemplare wenig bis gar nichts wert – es sei denn, man bietet sie auf einem anderen, weniger gesättigten Markt an. Etwa ausdrücklich zum Export nach Übersee, Transportkosten inbegriffen.

Denn der so zahlungskräftige europäische Käufer ist nicht nur mit wesentlich kleinerer Auswahl (und dadurch weniger Vergleichsmöglichkeiten) im eigenen Land geschlagen, er verfügt auch in der Regel über geringes Fachwissen. Obendrein kauft er in der Regel ungesehen, da der Transatlantikflug zur Fahrzeugbesichtigung meist in keinem vernünftigen finanziellen Verhältnis zum Kaufpreis steht – und sieht seinen Neuerwerb erst Monate später auf einem anderen Kontinent, ohne jeden durchsetzbaren Gewährleistungsanspruch oder sonstigen rechtlichen Schutz. Einen hilf- und wehrloseren Kunden kann sich ein Autohändler, der seine Seriösität nicht ganz so eng sieht, kaum wünschen.

Um die bekannten Seehäfen herum hat sich in den USA eine regelrechte Exportindustrie für historische Fahrzeuge gebildet. Hier wird alles zusammengesammelt, was in den USA unverkäuflich ist – stark verrostete Fahrzeuge, schlechte Restaurationen, zusammengeschusterte „Junk Repair“-Autos, Klassiker mit falschen Motoren, mit Flut- und Sturmschäden – eben alles, was sich auf ein paar vernünftig ausgeleuchteten Bildern im Internet wunderschön kaschieren läßt.

Amerikanische Automagazine haben mittlerweile den „Export Buyer“ identifiziert, Synonym für „kauft sehr schlechte überteuerte Fahrzeuge ohne Klagen“. Teilweise sind die angebotenen Fahrzeuge so schlecht, daß ihr Weiterverkauf innerhalb der USA Verbraucherschutzrichtlinien verletzen würde – oder saftige Schadensersatzklagen zur Folge haben könnte. Nein danke, dann lieber in den Export damit.

Das Problem ist real. EinExtrembeispiel: Allein im Sommer 2011 haben Kunden in fünf verschiedenen Fällen Fahrzeuge zu OSCW gebracht, die alle vom gleichen Exporthändler in den USA stammten – und alle fünf entgegen vollmundigen Versprechungen nahe an der Schrottreife standen.

Wem diese Situation bekannt vorkommt, der wird dabei höchstwahrscheinlich an den deutschen Gebrauchtwagenmarkt in den frühen 90ern denken: Was keinen TÜV mehr bekam, wurde in den ehemaligen Ostblock exportiert, und sicher nicht aus humanitären Überlegungen. Die Situation wiederholt sich – nur diesesmal verschieben eben die Amerikaner nach Osten.

Selbstverständlich handelt bei weitem nicht jeder Händler, der Hilfe beim Export anbietet gleich in betrügerischer Absicht, aber gerade dort ist die Gefahr definitiv am höchsten.

Abhilfe ist nicht ganz einfach: Letztlich schafft nur die persönliche Besichtigung vor dem Kauf absolute Gewissheit. Diesen Schritt werden die meisten Käufer aus Kostengründen nach wie vor scheuen. Zumindest aber kann man der Gefahr begegnen, in dem man allzu exportfreudigen Händlern vorsichtig gegenüber tritt, und grundsätzlich überprüft, ob das Traumfahrzeug auch dort angeboten wird, wo die Amerikaner selbst danach suchen würden. Also  etwa auf lokalen Gebrauchtwagenplattformen wie „Autotrader Classic“ oder sogar „Craig‘s List“. Taucht das Fahrzeug ausschließlich im Zusammenhang mit Exportofferten auf, ist höchste Vorsicht geboten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code