Der verschwundene Roadster – Ford GT Roadster

Es gibt Brot-und-Butter-Autos, es gibt seltene Autos und es gibt richtig seltene Autos. Zu letzteren gehört dieser Ford-GT40-Roadster-Prototyp, von dem nur fünf Stück gebaut wurden. Immerhin existieren noch vier.

am012012_7042_fort-gt_00Bei den Fords ging es immer etwas cholerisch zu. Alle Männer des autobauenden US-Dynastie waren Sturköpfe, und wenn etwas nicht nach ihrem Willen passierte, wurde getobt. Das muss man wissen, um zu verstehen, warum sie so teilweise unglaubliche Autos auf die Räder stellen konnten.

Steigen wir kurz etwas tiefer ein in die  Ford-Familiengeschichte: Henry Ford hatte 1903 die “Ford Motor Company” gegründet. Sein Sohn, der – zumindest offiziell – von 1919 bis zu seinem Tod 1943 die Firma leitete, hieß Edsel Ford. Nach ihm wurde posthum die glücklose Marke Edsel benannt, die größte Pleite in der Automobilgeschichte. Edsels Sohn, Firmenchef von 1945 bis 1979, hieß wieder Henry wie sein Großvater. Nicht Henry Ford Jr., wie man vielleicht erwartet hätte, sondern Henry Ford II, eben weil er der Enkel und nicht der Sohn des alten Henry war. Vielleicht auch, weil er kein kleiner Sturkopf war.
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Seit Anfang der 60er-Jahre hatte jener HFII mit dem Gedanken gespielt, Autos, die seinen Namen trugen, bei den “24 Stunden von Le Mans” – damals das bekannteste und prestigeträchtigste Rennen in der alten Welt – mitfahren und natürlich auch gewinnen zu sehen. Allerdings war das nicht nur persönliche Eitelkeit: Rennerfolge waren enorm wichtig in der Zeit der “horsepower wars”, der “Pferdestärken-Kriege”. Deshalb hatte man 1962 auch das Projekt “Ford Total Performance” lanciert. Da Europa zu der Zeit in den USA auch noch als etwas Besonderes galt, hoffte man, mit Le-Mans-Siegen Imageverbesserungen zu erzielen und so das investierte Geld in Form von zusätzlichen Neuwagenverkäufen wieder reinzubekommen, gemäß dem damals schon altbekannten Motto: “Win on Sunday, sell on Monday.”

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Wenn das kein wunderbarer Zentralverschluss ist

Da traf es sich gut, dass der “Commendatore” Enzo Ferrari zu der Zeit darüber nachdachte, seine Firma zu verkaufen. Natürlich war es viel einfacher, ein schon bestehendes Auto, das dann den Namen Ford tragen würde, ins Rennen zu schicken, als selbst eines von Grund auf neu zu entwickeln. Denn bei Ford hatte man mit so was überhaupt keine Erfahrung, auf die man hätte aufbauen können. Ferrari war dagegen zu der Zeit die erfolgreichste Rennwagenmarke der Welt und bereits vielfacher Le-Mans-Sieger.

Nachdem man schon mehrere Millionen Dollar für Bilanzprüfungen und Anwaltshonorare investiert hatte, entschloss sich der “Commendatore” (der genauso ein Sturkopf wie Henry II war) im letzten Moment, den 18-Millionen-Dollar-Deal platzen zu lassen und sein Lebenswerk doch nicht zu veräußern. Das war im Mai 1963, und eigentlich war zu diesem Zeitpunkt alles schon geregelt.

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Nur fünf Roadster wurden gebaut

Natürlich war Henry II. daraufhin persönlich beleidigt und beschloss, es Enzo so richtig zu zeigen. Um jeden Preis. Er wollte ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen: mit Le-Mans-Siegen. Jetzt erst recht. Die Idee: ein Ford GT. Dazu heuerte er Eric Broadley, den Chef von Lola, und John Wyer, den früheren Teammanager von Aston Martin, an. Beide waren im Renngeschehen sehr erfolgreich. Von Ford kam Roy Lunn dazu, ebenfalls gebürtiger Engländer, der durch seine Arbeit am Mustang 1 Concept Car Erfahrung mit Mittelmotortechnik hatte. Nachdem man anfänglich noch im Lola-Werk gearbeitet hatte, wurde extra für das Projekt die “Ford Advanced Vehicles Ltd.”, kurz FAV, mit Sitz in Slough, England, als Tochtergesellschaft gegründet. Offensichtlich scheute Henry II. weder Geld noch Mühe.

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Natürlich sitzt man rechts, die Autos wurden ja in England gebaut

Obwohl die Zahl gelegentlich angezweifelt wird, wurden nach Meinung der meisten Experten zunächst 12 Prototypen gebaut (Chassisnummer GT 101 bis GT 112), sieben Coupés und fünf Roadster. Der erste fertige Ford GT wurde am 1. April 1964 in England und kurz darauf auch in New York vorgestellt und war absolut kein Aprilscherz. GT stand für das italienische “Gran Turismo”, in Europa ein gängiger Begriff und für Amerikaner exotisch-schick. Die Serienmodelle – sofern man bei einer Stückzahl von 124 bis 134 Exemplaren, je nach Quelle, überhaupt von Serie sprechen will – waren schließlich allesamt Coupés und bekamen ab dem Mark II, quasi rückwirkend, den Namen GT40, wobei 40 für die Höhe von nur 40 Zoll (101,6 cm) stand. Flach wie eine Flunder…

Der erste offizielle Renneinsatz fand im Mai 1964 auf dem Nürburgring statt. Aber erst nach zahlreichen Problemen in der Anfangszeit und nachdem man die Leitung des Projekts dem legendären Carroll Shelby, dem Vater der Cobra, übertragen hatte, schlug 1966 die Stunde des Triumphs für Henry II.: Die ersten drei Plätze in Le Mans wurden von drei Ford GT40 belegt.

Und das war kein Zufallssieg. Neben zahlreichen anderen Erfolgen hieß der Sieger in Le Mans viermal nacheinander, von 1966 bis 1969, jeweils Ford GT40  – eine beispiellose Serie. Die war umso bedeutender, weil alle Erfolge mehr oder weniger mit US-Serienmotoren eingefahren wurden gegen die hochgezüchtete europäische Konkurrenz. Dagegen war der Scheibenwischer am GT40, der von einer Boeing stammte, angeblich teurer als der Motor.

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Interessantes Detail: einer der zwei Renntankdeckel

Wie dem auch sei: Henry II. hatte sein Ziel erreicht und Ferrari vernichtend geschlagen. Gleichzeitig hatte er bewiesen, was die oft von Europa belächelten US-V8 zu leisten imstande waren, und natürlich für den angestrebten Imagegewinn gesorgt.

Unser Fotowagen ist der vorletzte Prototyp, der Roadster mit der Chassisnummer GT 111. Seine besonders interessante Geschichte: Er war lange Zeit verschwunden.

Das letzte Rennen, an dem er teilnahm, war die 1965er Targa Florio in Italien. Obwohl die Coupés aufgrund der besseren Aerodynamik deutlich schneller waren, hatte man sich angesichts der Hitze in Sizilien für einen Roadster entschieden. Das Rennen begann gut, obwohl der GT40 nur auf sieben Zylindern lief.Immerhin lag er an dritter Stelle – bis sich in Runde 5 ein Zentralverschluss lockerte und ein Vorderrad selbstständig machte. Das Rennen konnte erst fortgesetzt werden, nachdem ein hilfsbereiter Polizist den verschwundenen Verschluss von einem eifrigen Souvenirsammler zurückgefordert hatte; eine Aufforderung, der dieser nur widerwillig Folge leistete.

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Kleine Belüftungsöffnung: Die Plexiglasseitenscheiben sind fest verschraubt

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Die Belüftungsöffnungen für den Motor sind natürlich deutlich größer

Das endgültige Aus kam in der letzten Runde, als der GT40 auf losen Schotter geriet, gegen eine Mauer krachte und dabei das mit so viel Mühe wieder montierte Vorderrad abriss. Der Schaden war nicht besonders groß, aber das Rennen war gelaufen.

Das havarierte Auto wurde zurück nach England in die Hallen von FAV verfrachtet, um dort auf die Reparatur zu warten. Da man sich inzwischen entschlossen hatte, den Roadster nicht in Serie gehen zu lassen, wurde diese Reparatur aber nie durchgeführt. Stattdessen verschwand das Auto in einem dunklen Winkel der Werkstatt, wo man nach und nach Teile, die man anderweitig brauchte, abbaute. Eines Tages war GT 111 verschwunden. Irgendwann war die Halle kräftig aufgeräumt worden, und mehr als 40 Jahre später nahm man an, der Wagen wäre bei dieser Aktion versehentlich verschrottet worden.

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Praktisch: weit öffnende Hauben

Bis zum September 2006. Auf dem Goodwood Revival (siehe AM – TW 11/2011) arbeiteten die Mechaniker der GT40-Experten “Gelscoe Motorsport Limited” im Fahrerlager, als einer der Umstehenden sagte: “Ich habe auch einen GT40,” was aber zunächst nicht auf großes Interesse stieß. Erst als er erwähnte, dass der Wagen restauriert werden müsste und deshalb verkauft werden sollte, wurde man hellhörig und ließ sich die Telefonnummer geben. Schon wenige Tage später erschienen einige Herren von Gelscoe in einer kleinen, dunklen Garage in London. Sie fanden ein Wrack, das auf einer Matratze lag und nur deshalb nicht weggerostet war. Ganz offensichtlich ein Ford GT40. Er hatte kein Dach, die Windschutzscheibe war weggeschnitten worden.

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"Bundle of snakes" (Schlangenknäuel): Waruma man das so nennt, ist offensichtlich

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Der "Luftfilter" besteht nur aus einem Gitter

Auf den ersten Blick erkannten die Experten, dass hier etwas Besonderes vor ihnen lag, denn Verstärkungsrippen aus gelochtem Stahl hatte man nur bei den 12 Prototypen verbaut. Ganz offensichtlich war das hier einer der Vorserien-Roadster. Zur Bestätigung zeigte der Besitzer das Schild mit der Fahrgestellnummer GT 111.

Das Auto – zumindest das, was von ihm übrig war – wurde auf der Stelle gekauft. Nach gut 40 Jahren war der verschwundene Roadster wieder aufgetaucht. Ein betuchter Rennliebhaber erklärte sich bereit, das Wrack zu erwerben. Unter der Bedingung, dass Ronnie Spain, einer der meistrespektierten GT40-Experten weltweit, eine Expertise verfasste, die die Echtheit bestätigte, und dass der Wagen anschließend bei Gelscoe komplett restauriert würde.

Trotz seiner Skepsis nach den zahllosen “GT40-Funden”, die sich alle als unecht erwiesen hatten, reiste Spain aus Schottland an – und erkannte auf den ersten Blick, dass es sich um einen echten Ford GT40 handelte, was die ausführliche Untersuchung dann auch belegte.

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So sieht der Roadster fast aus wie ein Targa

Da es sich um einen Roadster handelte, musste es zwangsläufig einer der fünf Roadster-Prototypen sein – und damit GT 111, denn die Geschichte der anderen vier stand lückenlos fest. Also wurde umgehend mit der Restauration begonnen. Das Ziel war, in neun Monaten am Goodwood Revival 2007 teilzunehmen. Wie sonst nur in Fernsehsendungen üblich, wurde die Restauration buchstäblich in allerletzter Minute bewerkstelligt. Der neue Besitzer konnte gerade ein Mal Probe sitzen, ehe das Auto nach Goodwood verfrachtet wurde. Die erste Fahrt war dann gleich der 20-minütige Qualifikationslauf.

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Das Heck wurde als aerodynamische Abrisskante ausgeformt

Warum er das Auto inzwischen verkaufen will, ist nicht bekannt, aber die renommierte Firma RM Auctions brachte es im Mai 2011 zur Versteigerung, wobei es bei einem Höchstgebot von 2.100.000 Pfund (knapp 2,5 Mio. Euro) nicht abgegeben wurde. Der Ford GT Roadster ist also vermutlich immer noch zu haben – falls jemand unter den Lesern mehr als 2,5 Millionen Euro ausgeben will …

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RM Auctions:
www.rmauctions.com

GT40-Repliken:
CAV Europe
Claus Christeinicke
Feuerbachstr. 101
D-65428 Rüsselsheim
Tel.: (01 72) 6 94 – 80 73
chris@caveurope.eu    www.caveurope.eu

Ford GT Roadster 1965
Motor: Grauguss-V8, zentrale Nockenwelle
Bohrung x Hub: 101,6 x 72,9 mm
Hubraum: 289 cui / 4,7 l
Leistung: 444 PS
Gemischaufbereitung: vier Weber-Doppelvergaser
Radstand: 2.400 mm
Antrieb: Mittelmotor, Transaxle
Getriebe: ZF-Fünfganggetriebe
Fahrwerk: Einzelradaufhängung mit Gewindefahrwerk rundum
Bremsen: Scheiben rundum, Bremskraftverstärker
Stückzahl: 5 Roadster-Prototypen
Bilder: Tom Wood für RM Auctions

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