Tuckers Visionen

avatar_6Nichts bereitet mehr Freude, als aus Versehen über einen Autofilm zu stolpern, der die Geschichte eines Idealisten erzählt und mit großen Namen überrascht. Wie reden von „Tucker: The Man and His Dream“ von Francis Ford Coppola.

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ sagte Helmut Schmidt einmal. Recht hat der Mann, meist aus Prinzip, doch nicht immer kann ich ihm zustimmen. Der Grund heißt „Tucker: The Man and His Dream“. Nur aus purem Zufall war ich über den Film gestolpert. Erst über den Wagen und seinen Schöpfer, danach über die Verfilmung, dann in das Internet und schließlich auf den Bestell-Button. Drei Tage später kam die DVD bei mir an.

Erzählt wird die Geschichte von Preston Tucker, der vom perfekten Auto träumt. Die Vorgeschichte des Mannes sei an dieser Stelle ausgelassen – Fakt ist jedoch, dass er 1948 den fortschrittlichsten Wagen seiner Zeit auf den Markt brachte und an den sogenannten „Big Three“ scheiterte – Ford, Chrysler und General Motors.

Absurderweise hatte Tucker zuvor versucht, dem US-Militär einen Panzerwagen zu verkaufen, der aufgrund seiner zu hohen Geschwindigkeit (185 km/h) abgelehnt wurde. Aufgeben war seine Sache nicht, schon bastelte er am „Auto der Zukunft – Car of Tomorrow“. Das beste Auto der Welt wollte er bauen. Der Tucker Torpedo, oder Tucker ’48, wie der Wagen eigentlich heißt, bestach durch unzählige Innovationen und insbesondere durch seine Sicherheit. Er verfügte bereits über Sicherheitsgurte, von denen die Konkurrenz behauptete, sie seien der Beweis dafür, dass der Wagen nicht sicher sei. Dazu besaß er eine Windschutzscheibe aus Sicherheitsglas, die bei einem Crash nach außen fiel, Scheibenbremsen, Kurvenlicht und ein Aufprallschutz an Lenkrad und Armaturenbrett. Was die restlichen Daten angeht: Im Heck fand sich ein 5,5-Liter-Sechszylinder-Boxermotor aus Leichtmetall, mit 168 PS und Benzineinspritzung. Erst acht Jahre später wurde der Mercedes 300 SL mit einer mechanischen Direkteinspritzung von Bosch ausgestattet. Auch nicht uninteressant: Der Strömungswiderstandswert von 0,27. Wer sich den Spaß macht und einmal nachblättert, wird feststellen, dass der Opel Insignia von 2008 den gleichen Wert aufweist.

Alles in allem eine kleine Sensation und kein Wunder, dass der Konkurrenz daran gelegen war, das Traumprodukt in Grund und Boden zu stampfen. Tucker wurde des Betrugs angeklagt, freigesprochen, doch die Finanzbehörde hatte die Produktion gestoppt und das Werk geschlossen.

Insgesamt 50 Autos – plus Prototyp – wurden gefertigt, heute existieren noch 47 davon. Preston Tucker zog nach seinem Scheitern nach Brasilien und begann dort, an einem Sportwagen namens „Carioca“ zu arbeiten. Vollendet wurde er nie. Tucker kehrte nach Amerika zurück und starb im Alter von 53 Jahren – an Lungenkrebs, sagen die einen, an gebrochenem Herzen, sagen die anderen.

56 Jahre später sehe ich den Film, der seine Geschichte erzählt. 1988 kam „Tucker: The Man and His Dream“ in die Kinos, Jeff Bridges spielt die Hauptrolle, Martin Landau glänzt neben ihm, Christian Slater ist in einer Nebenrolle zu sehen, George Lucas produzierte den Film. Joe Jackson war für die Musik verantwortlich, Francis Ford Coppola, selbst Besitzer zweier Tucker, führte Regie. Große Namen. Der Film ist bunt, laut, prall, nicht sonderlich tiefgründig, aber das muss er auch nicht. Ein farbenfroher Abgesang auf den amerikanischen Traum, in dem ein kleiner Mann mit Visionen alles erreichen sollte und doch nicht kann. Tragisch, ja. Auch deswegen, weil Coppola den Film seinem Sohn Gian-Carlo widmete, der zwei Jahre zuvor bei einem Bootsunfall ums Leben kam. „To Gian, who loved cars“ ist im Abspann zu lesen.

Aber auch tröstlich. Weil es manchmal doch so ist, wie Jeff Bridges als Preston Tucker im Film sagt: „Es kommt nicht darauf an, ob es 50 oder 50 Millionen Autos sind. Es ist die Idee, die zählt – der Traum.“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Manche Träume sind unsterblich.

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