Rettet den Rückspiegel!

avatar_6Jeden Tag sehen wir hinein, fummeln an ihm herum oder behängen ihn – den Rückspiegel. Seltsamerweise hat Audi nun einen Wagen ohne dieses praktische Ding präsentiert. Fragt sich nur, warum. Eine Liebeserklärung an eine feine Erfindung.

Ich mag meinen Rückspiegel. Genau genommen pflege ich sogar neuerdings ein ziemlich intimes Verhältnis zu meinem Rückspiegel. Grund dafür ist ein Artikel, über den ich neulich stolperte, in dem zu lesen stand, dass Audi ein Auto ohne Rückspiegel präsentierte. Statt des Spiegels ist der Wagen mit einem so genannten Aktivmatrix-OLED-Display ausgestattet. Kurz gesagt, ein kleiner Bildschirm, auf den man glotzt. Funktioniert genauso wie die Rückfahrkameras, die neuerdings in modernen Fahrzeugen eingebaut werden, weil man aufgrund mickriger Heckscheiben und gigantischer C-Säulen nicht mehr nach hinten blicken kann und dann aus Versehen die eine oder andere Mutter mit Kinderwagen umnietet, die gerade am Heck vorbeischlendert. Eigentlich eine sinnvolle Erfindung angesichts der Tatsache, dass die Autos immer größer und die Städte immer enger werden. Nein, wir fangen jetzt nicht an, darüber nachzudenken, warum das so ist. Lieber darüber nachsinnen, dass es sich bei dem spiegellosen Audi nicht um eine handelsübliche Kiste mit Straßenzulassung handelt, sondern um den R18, einen Prototyp, der beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans an den Start geht. Eine Rennmaschine ohne Rückspiegel, soso. Echte Nerds fangen an dieser Stelle an zu diskutieren, dass diese Innovation gar nicht so neu ist und wann diese Technik das erste Mal eingesetzt wurde, wann der LCD Pocket Color von Casio erfunden wurde und wie hoch die Auflösung sein sollte. Ich fing damit an, darüber nachzudenken, dass mein Rückspiegel eigentlich eine prima Erfindung ist, die ich bisher für wenig verbesserungswürdig hielt. Man schaut hinein und ist klüger. Schon der britische Schriftsteller Aldous Huxley schrieb einmal: „Nichts bewahrt uns so gründlich vor Illusionen wie ein Blick in den Spiegel.“ Mehr noch: Man kann lustige Dinge an ihn hängen und so seine Religionszugehörigkeit, seine Vorliebe für Diddlmäuse, Plüschwürfel, Totenköpfe oder Kinderschuhe bezeugen. Man kann es auch lassen. Man kann ihn hin- und herbiegen, wie es einem gefällt. Gerade in einem Auto, in das man das erste Mal steigt, kann man so Erstkontakt mit der Kiste aufnehmen und sich beim Zurechtruckeln überlegen, wie man sie findet. Man kann sich über die unglaublich hohe Auflösung freuen. Darin seine Frise darin kontrollieren. Erleichtert sein, dass dieses reflektierende Rechteck so gar keinen Strom verbraucht und selten kaputt geht. Ihn mit Spucke putzen und hoffen, dass es keiner gesehen hat.

Ja, ich liebe diesen Spiegel. Es heißt in der griechischen Mythologie, dass sich Narziss ans Wasser setzte und hineinblickte, sich in sein Ebenbild verliebte, ins Wasser fiel und ertrank. Kann mir mit meinem Rückspiegel nicht passieren.

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