Ein bisschen Freiheit

avatar_6Es gibt Momente im Leben, die sind unbezahlbar. Dazu gehören die stillen Minuten in seinem Auto, vielleicht auf dem Weg von der Arbeit in den Abend. Da sitzt man in seiner Kiste, lauscht dem Motor – und hält einfach mal die Schnauze.

Freiheit ist ja ein großes Wort. So wie Liebe, Frieden und Tod. Grundsätzlich scheint es auch immer eine kleine Variante und eine XL-Version zu geben. Wie zum Beispiel die große Liebe, den Weltfrieden und den kleinen Tod. Denken wir an Freiheit, gesellt sich eine Gedankenblase dazu, gefüllt mit Janis Joplin, die einst „Freedom is just another word for nothing left to lose“ sang, mit Marius Müller-Westernhagen, mit George Michael und der Münchner. Mit dem Mauerfall und der Statue of Liberty, mit der Toraufschrift an den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Schönes Wort, schwieriges Wort.

Und manchmal ist sie ganz klein, die Freiheit. Manchmal besteht sie nur darin, nach der Arbeit in seinen Wagen zu steigen. Es ist ein heißer Tag im Sommer, einer der wenigen. Man startet den Motor und legt sich den Gurt um, er schnürt ein bisschen bei der Hitze. Man fährt los und fühlt den Fahrtwind im Gesicht, weil man offen fahren kann oder die Fenster herunter gedreht sind. Man könnte sich eine Zigarette anstecken oder auch nicht, das Radio hochdrehen oder auch nicht. Man saust durch über den weichen Asphalt durch die Stadt, vorbei an Frauen mit flatternden Kleidern auf schweren Hollandrädern, knarzenden Vespas, die wie wütende Wespen durch die Straßen drängeln. Junge Kerle in schnellen Autos lehnen ihre Ellenbogen heraus, stampfende Bässe erklingen aus ihren Kisten, die einen fahren Pizza aus, die anderen ihr 3er-Cabrio und ihre fest verlötete Frisur. Ömchen lehnen auf dem Bürgersteig auf ihrem Stock und verschnaufen ein bisschen in der Wärme, eine Mutter fährt ein greinendes Kind im Buggy nach Hause. Es ist Sommer in der Stadt, und morgen wird dieser Tag schon wieder eine Erinnerung sein – wie Bonbonpapier, das im Wind aus dem Wageninneren nach draußen gesegelt ist.

Vielleicht ist das der Grund, warum man nicht gleich in die Garage fährt, sondern noch einen Bogen macht. Lass es zwanzig Minuten sein, die man sich erschleicht, die nur einem selbst und dem Motorengeräusch gehören, ein paar Minuten, in denen die Stimmen des Tages verdampfen, der Einkauf, der Termin morgen. Alles egal, alles gedimmt, jede Bewegung erscheint an diesem Tag ein wenig träger als sonst. Die Hand liegt auf dem Lenkrad herum, die Maschine sucht sich ihren Weg durch den Wind und die Schluchten. Kein Ziel, kein Muss, nur das sonore Brummen, welches das Hirn erfüllt und keinen Platz mehr lässt für einen anderen Gedanken. Es riecht nach Staub und Metall und nach Schweiß, die Stadt dünstet und dürstet. Langsam bricht sich das Licht auf dem Lack der Motorhaube. Das muss wohl Freiheit sein, vielleicht auch der kleine Tod oder ein bisschen Liebe. Aber Worte sind in diesem Moment nicht so wichtig.

2 Gedanken zu “Ein bisschen Freiheit

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