MB 300 SLR Clone – Die Macht der Legende

Die 1957er SLR-Replika von Herbert Engel gleicht fast bis ins Detail den legendären Mercedes-Benz 300 SLR der Mille Miglia. Was gibt es Schöneres, als mit Stern und Engel den Autohimmel zu erobern?

Zehn Stunden, sieben Minuten und 48 Sekunden. 1955 war das die Zeit, die Rennfahrer Stirling Moss für die Strecke Brescia – Rom – Brescia benötigte und damit der Mille Miglia einen neuen Rekord bescherte. Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 157 km/h schien auf den kurvigen eintausend Meilen nahezu unmöglich. Aber die 300-SLR-Silberlinge aus Stuttgart-Untertürkheim waren nicht zum Spielen hergekommen, und Moss sagte über den aus zwei Vierzylindern hintereinander gegossenen Reihenachtzylinder: “Kein anderer Motor klingt so böse wie der des 300 SLR…” Egal ob Moss,  Fangio oder Kling – sie alle sorgten dafür, dass sich der Supersportwagen in den automobilen Geschichtsbüchern verewigte. Das silberne Moss-Auto mit der Nummer 722 – wegen seiner Startzeit morgens um 7:22 Uhr – steht heute im Mercedes-Benz Museum und ist unbezahlbar.

Unbezahlbar – das stellt in den 80er Jahren trotz millionenschwerem Konto auch schon der Schweizer Willy Kaiser fest, der unbedingt so einen Rennwagen haben will. Der gelernte Sanitär-Installateur und selbständige Automatenkaufmann war durch und durch Oldtimer-Enthusiast – und sowohl mit Geld als auch mit Zeit gesegnet. Kaiser verstand sich auf die Marke mit dem Stern und hatte großes Fachwissen angesammelt. Er wollte unbedingt so ein Auto…

Ein gieriger Straßensauger

Da wurde ihm in den USA ein SL Roadster mit modifiziertem, aber nicht funktionierenden Motor und langer Hinterachse (1:3,42) günstig angeboten. Er schlug zu. Und verwirklichte sich seinen Traum: Der Grund-SL, heute allein zwischen 400.000 und 600.000 Euro wert, wurde ausgeschlachtet. Kaiser besorgte sich die originalen Baupläne der Rennlegende und ließ in einer italienischen Fachwerkstatt eine Kunststoff-Modellkarosserie sowie ein Holzgerüst anfertigen, über das ein Karosseriebauer die Teile dengelte. 750 Stunden verbrachte der Spezialist mit filigraner Blecharbeit und replikierte in drei Jahren die Aluminiumhaut des Rennwagens in handwerklicher Perfektion, bevor sie wieder auf den originalen Gitterrohr-Rahmen gesetzt wurde. Das gute Stück erhielt 15-Zoll-Borrani-Speichenräder mit Zentralverschlüssen, einen außen liegenden Auspuff und, und, und. Ergebnis: eine Eins-zu-eins-Kopie des Moss-Rekordwagens, aber mit 245 statt der serienmäßigen 215 PS, was in Verbindung mit der lang übersetzten Hinterachse für rund 260 km/h gut sein sollte.

Sonnenbrillenpflicht hinter dem Scheibchen – das ist sinnvoll, sonst klatschen die Fliegen ins Auge!

Unlackiertes Aluminium und gut lesbare Analoginstrumente. Sonst nichts, was einen vom Fahren ablenken könnte.

Was den Mitgliedern der SL-Clubs auf dieser Welt heute die Originalitäts-Tränen in das Antlitz treibt. Und uns zum Auto.

Sportwagen Engel am Rhein in der Nähe von Koblenz holt für uns diesen begehrenswerten Mix aus Metall, Passion und Kraft mit der Nummer 723 (!) aus der Garage. Nein, nicht einfach nur Garage – allein der Raum, in dem die Rennmaschine steht, gleicht einem wunderbaren Museum voller zeitgenössischer Reliquien. Es sind filigrane Kacheln, die in diesem Teil der Burgschmiede Namedy in Andernach den Fußboden zieren. An den Wänden hängen Lenkräder, blasse Fotos und alte Reklametafeln. Im Fenster steht ein 50 Jahre alter Champagner.

Dieser karge Arbeitsplatz verschluckt seine Insassen nahezu gänzlich und gnadenlos. Ist man erstmal drin, gibt es kein Zurück.

Herbert Engel ignoriert die einzige kleine Tür des Mercedes und erobert mehr oder weniger elegant etwas, was in einem normalen Auto “Fahrersitz” heißt. Klettern beschreibt den Vorgang wohl am besten: Die knappe Karosserie verschluckt seinen Körper nahezu gänzlich, und der Betrachter fragt sich Stirn runzelnd, wie er da jemals wieder rauskommen will.

Reinkommen, rauskommen – das alles wird Nebensache, als Engel den Motor startet. Das eigene Herz scheint einen Schlag auszusetzen, als der Anlasser die SLR-Replika zum Leben erweckt. Aus zwei dicken, geraden Rohren an der rechten Fahrzeugseite ballern nahezu ungedämpft verbrannte Abgase in den Raum und haben hier einen ähnlich unpassenden Auftritt wie laute, pöbelnde Grabräuber im Petersdom. Langsam grummelt der silberne Leichtbau rückwärts in die kalte, sonnige Frühlingsluft.

Silberstreif und Rheingold

Ein Glücksmoment für Engel, dem das Auto jetzt gehört. Er lacht, möchte den Wagen aber warm fahren, bevor wir so richtig Gas geben werden: “Ziehen Sie Ihre Jacke an und setzen Sie sich eine Mütze auf!” Es ist gar nicht so einfach, die Gliedmaßen in diesen Maßanzug zu falten. Der Sitz ist ein hartes, winkeliges Brett ohne nennenswerten Seitenhalt, auf das jemand eine karierte Liegestuhlauflage gelegt hat. Silbrige Armaturen mit schwarzen Zifferblättern versprühen spontan Retro-Charme – sie sind aber echt. Der einzige Schmuck scheinen ein paar Hebel, ein paar Schalter und ein dreispeichiges Holzlenkrad zu sein. Alles andere ist blankes, unlackiertes Metall und umgibt die Passagiere kalt und pur.

Das langsame Steigen der Motortemperatur während der ersten Kilometer durch verwinkelte Gässchen und holperige Wohngebiete gleicht dem ersten Berg, den die Achterbahn im Vergnügungspark hochgezogen wird. Es gibt kein Zurück mehr, die Bügel haben sich geschlossen und das Geräusch, wenn die Gondeln zum freien Fall entriegelt werden, klingelt schon mahnend in den Ohren. Hier und heute ist dieses Geräusch der kurze Hebel des Schaltgetriebes, der von Engel in den zweiten Gang gerissen wird.

Seitlich brüllen die heißen Rohre ihr Stakkato in die unschuldige Nachbarschaft, der Vortrieb ist sagenhaft. Engel kurbelt am Volant und knüppelt souverän mit Schaltern und Hebeln herum, als wäre er eines mit dem Silberpfeil. Neben uns fließt majestätisch der Rhein, aber für touristische Momente hat das Hirn momentan keine Kapazität.

Mehr ein gemütliches Museum als eine zweckmäßige Garage beherbergt warm und trocken den SLR.

Sechs-Appeal. Ein Gesamtkunstwerk aus Metall und Gummi, geboren nur zu einem Zweck: Fahren, und zwar schnell.

Was macht dieses Auto mit einem? Es vermittelt tatsächlich Macht, es vermittelt Kontrolle über eine rohe, ungezügelte Kraft. Kaum ein anderes erdgebundenes Gefährt war vor 60 Jahren zu diesen Fahrleistungen in der Lage, und wo heute ein moderner Mercedes-Benz elektronisch abregelt, legt der hier noch 50 Sachen oben drauf. Ein unvorbereiteter Körper hat damit Probleme, weil die Physik an der Wirbelsäule zerrt und der leistungsgesteigerte Drei-Liter-Direkteinspritzer seine kraftvollen Vibrationen direkt an die Nerven weitergibt. Dieses hier ist ein Auto –  alle anderen sind in diesem Moment nur noch bessere Transportmittel.

Kein Unbekannter. Engels SLR geistert seit 20 Jahren durch die Presse. Aber das kennt er von seinen Autos.

Tickend und knackend steht der SLR in der Nachmittagssonne an der Uferpromenade – kaum eine Chance, ihn ohne fragende Passanten zu fotografieren. Kein Wunder – der Motor allein, auch wenn es sich nicht um den Reihenachtzylinder der Mille-Miglia-Rennwagen handelt, ist schon ein Kunstwerk.

Herbert Engel besitzt diesen Wagen seit mehr als sechs Jahren. Der Benz ist ständig zugelassen und wird regelmäßig bewegt.

An schönen Sommertagen donnert Engel mit seiner Frau Inka gern einige Runden über die Nordschleife am Nürburgring und erlebt dabei immer wieder die Technik, die Natur, die mechanischen Geräusche und den Wind. Die Zaungäste jubeln, das alles macht den SLR für ihn zum “geilsten Auto der Welt”. Trotzdem: Altersbedingt wird er sich bald von seinem Traumwagen trennen müssen. Die 723 ist inklusive Wertgutachten und kompletter Historie zu haben. Wie noch viele weitere Exoten in den Hallen dieses charmanten Enthusiasten.

Das Auto polarisiert Fachleute und Originalitäts-Füchse. Na und? Es ist so echt, wie es sich anfühlt.

Engel zirkelt das blubbernde und fauchende Auto wieder zurück in seinen Raum. Schade – es war ein Blick in die Urgewalt des Fahrens, zu kurz. Es wäre immer zu kurz gewesen, und der Herzschlag wird sich ab heute nicht mehr so recht beruhigen. Die Legende ist greifbar. Wohl denen, die so etwas einmal im Leben erfahren dürfen.

Mercedes-Benz 300 SLR (Replica)
Grundmodell: Mercedes-Benz 300 SL Roadster
Baujahr: 1957, Umbau ca. 1987
Motor: M-198 Reihensechszylinder-Direkteinspritzer
Hubraum: 2.996 cm³
Leistung: 245 PS
Drehmoment: 275 Nm bei 4600/min
Höchstgeschwindigkeit: 260 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 9 s
Bilder: Jens Tanz

3 Gedanken zu “MB 300 SLR Clone – Die Macht der Legende

  1. HALLO HERR TANZ
    MEIN SOHN HAT MIR HEUTE DIESEN ARTIKEL PER E-MAIL GESCHICKT.
    ES HAT MICH SEHR GEFREUT DAS ICH NICHT VERURTEILT WURDE WEIL ICH DIESE AUTO SO GEBAUT HABE. ICH KANN IHNEN VERSICHERN S WAREN DIE 5 INTERESSANTESTEN JAHRE IN MEINEM LEBEN.
    FALLS SIE MEHR ERFAHREN MÖCHTEN ÜBER DIE ZEIT ALS ICH DIESEN 300 SLR NACHBAUTE
    MELDEN SIE SICH BEI MIR WENN SIE EINMAL BEABSICHTIGEN DURCH DENN KANTON TESSIN ZU FAHREN. ICH WOHNE IN MORCOTE AM LUGANERSEE, 1 KM VON MEINEM FREUND PETER KRAUS ENDFERNT, (BEKANNET OLDTIMER BESITZER UND GITARRENSSPIELER) BIN AUCH EIN FREUND VON GUTEM WEIN SCHÖNEN AUTOS, HATTE 11 OLTIMER IN MEINEM MUSEUM STEHEN, HABE ALLES VERKAUF BIN PRIVATIER UND FAHRE EINEN FERRARI MARANELLO 550. IM UMKREIS VON MORCOTE STEHEN KLASSIKER UND SPEZIALAUTOS IN EINER MENGE DIE SIE SICH NICHT VORSTELLEN KÖNNEN.
    BUGATTIS ALT VERONS ETC-FERARRIS 2 ORIGINAL GTO- ENZOS-GTOS F50 MERCEDES KOMPRESOR FLÜGELTÜREN ETC, ES GIBT EINE HALLE MIT 300 AUTOS VON PRIVATEN LEUTEN
    GRUSS UND SCHÖNE FESTTAGE
    WK

    • Hallo Herr Kaiser,

      es ist mir eine Ehre, Ihren Kommentar hier zu lesen!
      Ich habe mich schon per Mail bei Ihnen gemeldet, wenn Sie dabei sind starten wir im kommenden Jahr mal einen emotionalen Roadmovie am Luganer See. Peter Kraus macht Musik dazu!
      Bis dahin ein wundervolles Weihnachtsfest und einen guten Start im Jahr 2013!

      Jens Tanz

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