Viva Mexico! – Maserati Tipo 112

Tipo 112 alias Maserati Mexico ist der Prototyp eines italienischen Luxusklasse-Gran-Turismo – wie kein anderes Auto verbindet er souveräne Fahrleistungen mit Stil und dezenter Noblesse

am032012_7054_maserati_mexico_00Mafiabosse und Politiker müssen den Maserati Mexico geliebt haben – er hat den Charme, der in Politik und Casino Royal so beliebt ist. Seine elegant sportive Silhouette differenziert sich bewusst von brachialen Sportgeräten. Ein kleines bisschen Jaguar, ein bisschen Aston Martin – am Ende dominiert jedoch eine ganze Portion Maserati. Und das nicht nur wegen des goldenen Dreizacks im Kühlergrill. Seine edle, dezente Karosserie verdankt er Giovanni Michelotti, einem Designer, der für die italienische Designschmiede Vignale tätig war.

am032012_7054_maserati_mexico_01 am032012_7054_maserati_mexico_09
Der Stoff, aus dem Legenden sind

Der Stoff, aus dem Legenden sind

Über die Herkunft der Bezeichnung “Mexico” existieren verschiedene Versionen: Eine besagt, dass der Mexico eine Hommage an den Grand Prix Sieg des Cooper Maseratis von John Surtees 1966 beim Grand Prix von Mexico sei. Gegen diese Version spricht allerdings, dass der Wagen als Mexico bereits zwei Wochen zuvor auf dem 53. Genfer Automobilsalon vorgestellt wurde. Legende Nummer zwei gleicht einer Liebesgeschichte in zwei Akten: Der Mexikaner Diaz Boroso gab seinen Maserati 5000 GTI Allemano Coupé als Totalschaden zurück in das Maserati-Werk – da verliebte er sich sofort in den dort ausge-stellten “Mexico”-Protoypen von Vignale und kaufte ihn. Um Baroso den Import nach Mexico zu erleichtern, versah man den Protoypen mit der Chassisnummer seines Maserati 5000 GTI. Und da Baroso der erste Käufer des Mexico war, ehrte man ihn, indem man Tipo 112 den Namen des Herkunftslandes Mexico gab.

am032012_7054_maserati_mexico_02

Da stimmen die Proportionen: Silhouette des Maserati Mexico

am032012_7054_maserati_mexico_03 am032012_7054_maserati_mexico_04
Stilvolles Erkennungszeichen: dezente Kiemen am Kotflügel

Über den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte lässt sich ebenfalls streiten – fest steht: Das sind Stoffe für Legenden. Legenden, aus denen Marken wie Maserati entstanden. Von solchen Geschichten können moderne Autos nur träumen.

am032012_7054_maserati_mexico_05 am032012_7054_maserati_mexico_06
am032012_7054_maserati_mexico_07 am032012_7054_maserati_mexico_08
Königliche Insignien: edler Sportauspuff und goldener Maserati Dreizack

Schönheit ist eine Frage des Blickwinkels

Im Vergleich zu der bewegten Entstehungsgeschichte seines Namens gibt sich der Mexico optisch eher unaufgeregt. Von hinten betrachtet wirkt er unauffällig – die Front zeigt sich freundlich und kaum angriffslustig. Seine noble Herkunft macht der goldene Dreizack im Kühlergrill deutlich. Dennoch ist so viel Understatement für die Marke Maserati in dieser Epoche eher ungewöhnlich. Hatte der gute Michelotti etwa einen schlechten Tag, als er Tipo 112 zu Papier brachte? Wohl kaum, denn Schönheit ist beim Maserati Mexico eine Frage des Blickwinkels.

Betrachten wir den Mexico von der Seite, wird die ganze Noblesse des Gran Turismo deutlich: Eine perfekte Formgebung, die sich – von der Motorhaube bis hin zum Heck – in liebvollen Details wie der hübsch verchromten ANSA-Auspuffanlage oder den Kiemen hinter dem vorderen Kotflügel bemerkbar macht. Kiemen sind übrigens bis heute an den Maserati-Modellen Quattroporte V oder dem GT zu finden.

Italienische Momente

Bekanntlich ist es zuhause am Schönsten – das gilt auch beim Mexico. Soll heißen: Wer sich einmal in die formidablen Ledersitze fallen lässt, der steigt so schnell nicht mehr aus. Gemütlich wie in einem feinen italienischen Restaurant gibt sich der Innenraum. Das schicke Holzdekor, das Leder, das wunderschöne Holzlenkrad und die Armaturen laden zum Verweilen, Staunen und Reisen ein. Der Maserati-Schriftzug auf dem Handschuhfach trägt sein Übriges zum Edelambiente bei. Ja, der Maserati Mexico ist ein waschechter italienischer Gran Turismo, dem Komfort bereits auf den ersten Blick verpflichtet. Dieses Auto stammt aus einer Zeit, in der die Ingenieure und Designer noch genügend Zeit und den nötigen Freiraum hatten, zu träumen – und diese Träume am Ende auch verwirklichen durften.

am032012_7054_maserati_mexico_10

Ein Cockpit zum Verlieben

am032012_7054_maserati_mexico_11 am032012_7054_maserati_mexico_12 am032012_7054_maserati_mexico_13
Schaltzentrale: Auf dem Armaturenbrett reihen sich die Kippschalter perfekt aneinander

Und genau diese Liebe zum Detail bereitet dem Fahrer heute unglaublich viel Freude. Kippschalter reihen sich am Armaturenbrett aneinander und warten nur darauf, bedient zu werden. Mit einem davon kann man den Tank wechseln. Da der Mexico über zwei Spritreservoirs im Heck verfügt, muss man lediglich den Schalter umlegen, schon wird die Reichweite verdoppelt. Dennoch darf der Fahrer die Tankuhr nicht außer Acht lassen, schließlich wurde der Mexico in einer Zeit gebaut, als Spritsparen und Energieeffizienz noch Fremdwörter waren.
Apropos zwei: Der Mexico verfügt auch über zwei verschiedene Hupen. Eine war gedacht für die Benutzung in der Stadt, die andere sollte bei Überlandfahrten für freien Weg sorgen.

am032012_7054_maserati_mexico_14 am032012_7054_maserati_mexico_15
Seltenes Vergnügen: Wer in einem der nur 480 Mal gebauten Mexico Platz nehmen darf, kann sich glücklich schätzen

V8 mit genug Kraft

Obgleich zum Komfort verpflichtet, ist der Mexico keinesfalls ein Leisetreter und auch keine jener trägen Luxuslimousinen, die ihr Übergewicht durch die Lande schleppen. Der 260-PS-Motor des Mexico ist auch mit mehr als vierzig Jahren in den Töpfen noch putzmunter. Dennoch war und ist das Aggregat keine Rennmaschine. Schon der von uns gefahrene, kleinere 4,2-Liter-V8 ermöglicht eine souveräne Fortbewegung. Etwas mehr Leistung lieferte der 4,7-Liter-Motor, der mit 290 PS noch 30 zusätzliche Pferde besaß.

am032012_7054_maserati_mexico_16

Formidabler V8 Motor

Dennoch vermissen wir nicht das “mehr” an Leistung. Denn der Mexico war und ist kein Supersportler, sondern eine souveräne und komfortable Reiselimousine. Obgleich er mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 240 km/h in den sechziger Jahren – gemeinsam mit dem Quattroporte I – zu den schnellsten Autos auf den Straßen zählte. So manchem Sportwagenfahrer dürfte in den 1960er Jahren vor Schreck die Sonnenbrille von der Nase gerutscht sein, wenn der unauffällige Mexico im Rückspiegel größer und größer wurde und zum Überholen ansetzte.

am032012_7054_maserati_mexico_17 am032012_7054_maserati_mexico_18
am032012_7054_maserati_mexico_19 am032012_7054_maserati_mexico_20
Feinste Fahrkultur: Der 4,2-Liter-Motor ermöglicht souveräne Fahrleistungen

Mit dem hausinternen Konkurrenten Quattroporte I teilt sich der Maserati Mexico auch seinen V8-Motor, der vier obenliegende Nockenwellen besitzt. Trotzdem wird der Mexico unter Kennern aufgrund seiner hervorragenden Reisetauglichkeit und komfortablen Fahreigenschaften als der “bessere Quattroporte I” gehandelt.

Das hausinterne Duell entschied am Ende der Quattroporte für sich. Vom Mexico wurden bis 1973 nur 480 Exemplare gebaut. Der Quattroporte I rollte hingegen mehr als 750 Mal aus dem Werk, der Name existiert bis heute.

Vielleicht ist es ja die besagte Unauffälligkeit, die dem Mexico eine längere Geschichte verwehrte. Umso bemerkenswerter ist es, das Diaz Baroso sich auf den ersten Blick in den Protoypen des Mexico verliebte…

Maserati Mexico
Motor: V8, vier obenliegende Nockenwellen
Bohrung x Hub: 88 x 85  mm
Hubraum: 4,2 Liter
Leistung: 260 PS bei 5.000/min
Getriebe: 5-Gang, manuell
Leergewicht: 1.500 Kilo
Beschleunigung 0-100: keine Angabe
Höchstgeschwindigkeit: 240 km/h
Drehmoment: 393 Nm
Reifen: 205 VR 15 Pirelli Cinturato
Betriebsspannung: 12 Volt/72 Ah

 

Bilder: Malte Ruhnke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code