Nachts im Porsche Museum – Ein Hort deutscher Autokultur

Kann man sich Schöneres vorstellen, als in einem menschenleeren Automuseum endlos Zeit zu haben? TRÄUME WAGEN durfte sich bei Porsche nach Lust und Laune umsehen und war deshalb stundenlang ungeschützt dem Geist der Kultmarke ausgesetzt

Es hallt ein bisschen, als die Stimme von Ferdinand Porsche leise einsetzt: “Diejenigen, die das Glück haben, aus einem Traum ein Geschäft zu machen,” (und Ferdinand spricht sehr langsam), “schulden es der Welt, die Hüter dieser Träume zu sein…” Dann huscht ein Schatten durch die Autos, ein 365er stöhnt mit knarrender Feder, irgendwo tropft es kaum hörbar, und da hinten, in der Ecke – wird da nicht gerade ein Motor gestartet?

Stop! Man kann tatsächlich ein bisschen irre werden im Kopf, wenn man völlig ungestört zwischen all den historischen Porsche hier im Stuttgarter Museum steht. Natürlich denkt der Geist von Ferdinand nicht daran, persönlich mal durchs Blech zu schlüpfen (auch wenn das obige Zitat tatsächlich vom porschigsten aller Porsches stammt). Aber es kann einem so vorkommen. Vielleicht, weil in den Tiefen des Museums eine Endlosschleife läuft, in der Rennlegenden wie Hans Herrmann leise erzählen, wer wie welche Fahrzeuge mitentwickelte.Und vielleicht putzt ja gerade eine vertrauensvolle Kraft die Sounddusche, unter die sich jeder stellen kann, der die verschiedenen Porsche Renn-Motoren im perfekten Surround-Sound genießen will. Und überhaupt: Porsches allererstes Auto, der Typ 64, blendet geradezu mit seiner Karosserie aus nackten Aluminium, wenn man von den ewig langen Rolltreppen ins Obergeschoß nahezu unvorbereitet in so eine unglaubliche Familien- und Firmenhistorie entlassen wird – der Flash sitzt beim ersten Anblick. 5.600 Quadratmeter Ausstellungsfläche beherbergen seit Januar 2009 mehr als 80 Autos, vom Nachbau eines Lohner-Porsche-Elektrowagens bis zum modernen Panamera.

356 Coupé von 1950, Ferdinand Porsches letzter Privatwagen

959 Paris-Dakar 1986

908/03 Spyder von der Targa Florio 1970

935/78 “Moby Dick” von 1978. Der schnellste 911 aller Zeiten, mit 845 PS

Fehlen die Menschen – pro Tag kommen zwischen 800 und 1.500, insgesamt schleusten sich bereits mehr als 700.000 durch den vom Architekturbüro Delugan Meissl futuristisch gestalteten Ausstellungsbereich – macht eine geradezu unwirkliche Atmosphäre breit. Erst jetzt fällt auf, die filigran die ersten Porsche sind, wie verletzlich die Autos wirken, so völlig ohne Absperrung. Ihr Schutz ist einzig und allein der Respekt, den die Besucher den Autos entgegen bringen, und bislang hat das sehr gut funktioniert. Und auch wir nähern uns, als könnten sich die Technikmonumente persönlich beschweren, würde man ihnen zu nahe treten.

959 von Porsche-Exclusive, 1989

917/30 von 1973, der stärkste Porsche aller Zeiten, 1100 PS

Porsche Panamericana von 1989, Geschenk für Ferry Porsche zu seinem 80. Geburtstag 1989

917 KH von 1970

v.r.n.l.: Porsche Typ 60 (“Käfer”), Typ 360 Cisitalia und 356 Nr. 1

Zum Beispiel der Nummer 1, der silberne 356 Roadster. War fahrbereit am 8. Juni 1948. Mit einem auf 35 PS gesteigerten VW-Motor nahm das Auto beim Innsbrucker Stadtrennen teil. Oder dort, eines von nur 52 gebauten 356er-Coupés, noch in Gmünd handgedengelt. Oder der tiefschwarze “Ferdinand”. Der bekam 1950 tatsächlich diesen Beinamen, wie alle Versuchsfahrzeuge einen erhielten. “Ferdinand” war ein Geschenk zum 75. Geburtstag vom gleichnamigen Professor, der ihn am 3. September feierte, und gehörte zu den ersten in Stuttgart gebauten 356ern. Mit 40 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h wurde “Ferdinand” zum rollenden Prüfstand. Und wenn uns nicht alles täuscht, möchte er gern wieder auf die Straße…

Porsche 356 America Roadster, ein Sportwagen in Kleinserie für die USA 1952/53

Porsche-Schlepper

Blick vorbei am Porsche-Schlepper in das Museum

verschiedene 917: 917 KH, 917 LH und 917/20 “Sau”

356 B Carrera, eine seltene Sportvariante des 356

911 Carrera RS 2,7 von 1972, der erste 911 mit der Bezeichnung “Carrera”

Die Sammlung von wertvollen 356ern und dessen Derivaten nimmt gar kein Ende. Natürlich darf ein American Roadster nicht fehlen, eine nur 605 Kilo leichte?US-Ausführung des Sportwagens, ideal für den Rennsport und Vorläufer des Speedster. Ein 1500er Coupé  von 1954 markiert die Knickscheiben-Ära, ein 356 A 1600 S Coupé deren Ende: 1956 ist so ein Auto der 10.000ste jemals gebaute Porsche. Dieses Modell startete auch bei der Mille Miglia. Der 1500 Speedster wird auf Wunsch des genialen Porsche-US-Importeurs Max Hoffmann gebaut und dort für 3.000,- Dollar vertrieben. Ein voller Erfolg. Dazu einer der ersten “Carrera”, ein 356 B 2000 GS Carrera GT. Den Zunamen bekamen alle Straßenporsche, die mit Rennmotoren ausgerüstet wurden, so auch der Carrera 2, der den Zweiliter-Königswellenmotor besaß.

Übersicht über die Fahrzeuge für die Targa Florio

356 Nr. 1 von 1948

Typ 360 Cisitalia, 1949 fertiggestellt mit 385 PS, 12 Zylinder und 1,5 l Hubraum

911 Vorläufer Typ 754 T7

911 S 2,2 Viersitzer von 1971

“Rennen…” hallt es von den Wänden wieder, um auf die wunderbare “Targa-Florio-Insel” hinzuweisen. Hier stehen ein paar der technischen Legenden, mit denen Porsche das schwierigste Straßenrennen der Welt zwischen 1956 und 1973 insgesamt elf Mal gewann. Zum Beispiel der 718 RS 60 Spyder, der Boxster-Urvater, mit dem Joakim Bonnier und Hans Herrmann 1960 einen Ferrari schlugen, der mit fast doppelt so großem Hubraum antrat. Oder die “Großmutter”, der 718 W-RS Spyder, der so genannt wird, weil er 1961 bis 1964 im Einsatz war – eine lange Zeit für ein Objekt des technischen Wettbewerbs. Und natürlich der “Dreikantschaber” 356 B 2000 GS Carrera GT, der letzte Porsche mit Alu-Karosserie, der seinen Namen wegen der aerodynamisch bedingten, steil abfallenden Heckscheibe erhielt. Dazwischen die Spyder 908/02 und 908/03 und ein 911 Carrera RSR, der wunderbar zum neuen Porsche überleitet.

Übersicht: die Fahrzeuge für Le Mans

Mit dem 911 2.0 Coupé von 1964 beginnt die Zeit der neuen Form. Und da steht auch ein guter Bekannter von uns, der 911 S 2.2 Targa. Mit dem haben wir die Targa Florio 2011 bestritten (siehe Heft 12/11), deswegen zwinkert er uns zu – oder ist das nur ein Lichtreflex? 911 Turbo, 914/8, 924, 928, 944, 968, sie sind alle da, die Heroen unserer Jugend. Selbst der allradgetriebene 959 macht die Tür auf und lädt zur Spritztour – nein, das mit der Tür war wohl eine Fata Morgana. Aber fahrbereit sind fast alle diese Autos. Eine kleine oder große Inspektion und sie könnten wieder schnurren.

Das gilt sogar für die Studien. Wie den Typ 754 “T7”, ein Zwischenschritt zum letztendlichen 911-Design. Einst als Viersitzer gedacht, von Ferry Porsche zum 2+2-Sitzer geschrumpft, dafür aber mit dem angedachten Fließheck. Daneben buhlt ein etwas merkwürdig anmutender 911er um Aufmerksamkeit, der Typ 915. Dessen Radstand ist um 350 Millimeter länger als bei normalen 911ern, um vier Erwachsenen Platz zu bieten. Bemerkenswert auch der “Panamericana”, eine Studie auf Basis des 911 Carrera 4.  Letztlich ein Geschenk zu Ferrys 80. Geburtstag, ein Showcar auf der IAA 1989 und ein Entwicklungsschritt zum neuen Targa und zum Boxster. Ach, und die ganzen Le-Mans-Autos, die mit ihren aerodynamischen Hilfen zu winken scheinen – ein Traum. 908, 917, 936, 962 und wie sie alle heißen, dazu ein Phalanx von 917ern – hinter ihnen zuckt eine Lichterwand und erzählt Geschichten.

911 S 2,2 Targa von 1970

Und dann kommen wir zum exakt einmillionsten 911, und wir sind froh, ihm nie auf offenem Feld begegnet zu sein: ein Polizeiwagen. Am 15. Juli 1996 gebaut, ging er kurz darauf auf der Autobahn auf Sünderjagd. Da wünscht man sich den benachbarten 911 GT1 in der Straßenversion, da hatte man wenigstens noch eine Chance…

Inzwischen hat sich das Stuttgarter Stadtwappen vollends unserer Gehirne bemächtigt, wir schweben langsam selber durch die Halle, vom 904 Carrera GTS mit Kunststoffkarosserie und Achtzylindermotor zum berühmten 550 Spyder, vom 906 zum Bergspyder 910/8, von “Moby Dick” (Porsche 935/78) zum Paris-Dakar-959er.

Und irgendwann ist der Datenspeicher im Kopf voll. Die letzten freien Zellen registrieren noch einen Porsche-Trecker, den 928erKombi, den Jagdwagen, die GT2-Fronthauben-Kunstausstellung, bevor es unter anderem an Käfer, Cisitalia, Austro-Daimler-Motorspitze und dem Rennwagen “Sascha” von 1922 – allesamt Autos, die vom alten Ferdinand maßgeblich beeinflusst wurden – zur Rolltreppe nach unten geht. Als wir den Ausstellungsbereich verlassen, wird es dort oben völlig still. Oder… ?Klimpern da nicht ein paar der aufgehängten Pokale gegeneinander?  Hören wir nicht Wortfetzen zwischen Vater und Sohn Porsche, “…hätte ich genauso gemacht…”? Dengelt nicht doch noch einer irgendwo ein bisschen am Alu? Das kommt davon, wenn man sich hier zu lange aufhält…

Informationen:
Porsche Museum, Porscheplatz 1, 70435 Stuttgart-Zuffenhausen
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 09:00 bis 18:00 Uhr, die Kassen schließen um 17.00 Uhr. Montags geschlossen
Eintrittspreise: Erwachsene: 8 Euro, ermäßigt: 4 Euro. Kinder bis 14 Jahre in Begleitung eines Erwachsenen ?freier Eintritt.
Geschlossene Führungen: 60,- Euro zzgl. des jeweilig geltenden Eintrittspreises (max. 25 Personen nach
Voranmeldung). Für Gruppen ab 10 Personen ohne Führung kostet der Eintritt pro Person 6 Euro inkl. Audioguide.
Allgemeine Informationen: Tel.: 01805-356911 (Festnetzpreis 14 ct/min; Mobilfunkpreise maximal 42 ct/min)
E-Mail: info.museum@porsche.de – www.porsche.com/museum
Bilder: Löwisch, Porsche

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code