Der Tanken-Tod

avatar_6Es war einmal ein romantischer Ort, der hieß Tankstelle. Und während wir heute im Neonschein auf die Zapfsäule starren, war Tanken einst ein beliebter Freizeitspaß. Oder so ähnlich.

Tanken macht keine Freude. Ich rede hier nicht von den Benzinpreisen, von den Haaren, die man sich ausrauft, während der Wagen säuft, die Uhr läuft und sich das Konto leert. Das ist ein völlig anderes Thema. Es geht um den Ort an sich, die Anlaufstelle, das Drumherum. Nennen wir es Ambiente. Es geht um das seuchengelbe oder kalkblaue Licht, in dem man frierend steht und einen Metallhahn in seinen Wagen steckt. Um das Gefühl, das sich einschleicht, während man zur Kasse wandert und seine Karte zückt, während die Regale mit den Schokoriegeln und Kaugummis immer näher zu rücken scheinen und man sich von ausdünstenden Salami-Baguettes und sich aufrollenden Käsescheiben hinter Glas beobachtet fühlt. In diesen Minuten hofft man nur eins – dass es bald vorbei sein möge.

Vielleicht war früher alles besser, ich weiß es nicht. Vielleicht waren Tankstellen einst behagliche Sozialidyllen in lauschigen Häusernischen. Oder architektonische Wunderwerke mit geschwungenen Pfifferling-Dächern, unter denen technisch versierte Männer hausten, mit denen man plauschte. Männer, die fachkundige Kommentare zum Weltgeschehen oder zur Lage der Nation von sich gaben und kostenlos und ungefragt eine Hand an das Fahrzeug legten, damit der Wagen ein bisschen glücklicher von dannen fuhr. Nun, wahrscheinlich war es nicht so.

Fakt ist jedoch: Stöbert man in der Geschichte herum, wird man nachlesen können, dass Spritmarken einst so klangvolle Namen wie „Strax“, „Olexin“ oder „Sphinx“ trugen. Das war in den 20er Jahren, als das Geschäft mit dem brennenden Nass aufblühte und Tankstellen wie Pilze aus dem Boden schossen. In den 60er Jahren wiederum packte man „den Tiger in den Tank“, weil Esso eine breit grinsende Raubkatze als Firmenmaskottchen hatte. Und heute? Tanken wir „V-Power“ und „Ultimate 102“. Sexy.

Dazu besteht die Konversation in diesen Zeiten aus einem mehr oder weniger genuschelten „Punkte oder Rabatt?“, und wer eine Station mit Tankwart-Service anfährt, tut gut daran, sich schützend über sein Fahrzeug zu werfen, wenn sich einer der Ein-Euro-Jobber nähert. Freundliche Kerle, keine Frage – aber wohl kaum zu vergleichen mit den Angestellten, die man früher vorfand. Einst wurde das Personal an Tankwartschulen ausgebildet, man trug Uniform mit Mütze.

Dabei hat sich der Gedanke, dass eine Tankstelle mehr als Kraftstoff bieten sollte, ja durchgesetzt. Benzin ist inzwischen zur Nebensache geworden, man fährt das „Petit Bistro“ an und läuft auf Neonschilder zu, die „Das bequeme Shoppen“ versprechen. Allein, mit Service hat das nichts zu tun. Noch obskurer wird es, wenn man folgende Zahlen vergleicht: 1970 fuhren auf den Straßen etwa 14 Millionen Fahrzeuge herum. Heute sind etwa 43 Millionen zugelassene PKW. 1970 existierten 46.091 Tankstellen. Heute 14.410. Alles super? Geht so.

Und da soll man nicht zum Kulturpessimisten werden.

 

 

Wunderbare Bilder von Tankstellen und eine Fülle von Informationen findet man in dem Buch:

„Volltanken, bitte! – 100 Jahre Tankstelle“ von Christof Vieweg, Delius Klasing, 140 Seiten, 29,90 Euro

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