Roadstar 40er Mercury Roadster

Merkur, der Götterbote! In der griechischen Mythologie als Hermes bekannt, sind der geflügelte Helm und die geflügelten Schuhe seine Attribute. 1939 benannte Edsel Ford, Sohn des alten Henry, seine aus dem Boden gestampfte neue Automarke nach ihm.

Mit der Marke Mercury schloss man endlich die riesige Lücke zwischen den ganz billigen Ford und den ganz teuren Lincoln. Die Situation war ein bisschen so ähnlich wie bei BMW nach dem Krieg, als man dort nur die Isetta und den BWW V8, den berühmten „Barockengel“ im Programm hatte. „Nur Autos für Bankdirektoren und Tagelöhner“, wie Der Spiegel 1959 spöttisch anmerkte. Erst mit der Einführung der „Neuen Klasse“ ab 1962 änderte sich das. Bei Ford dauerte das sogar noch länger. 1922 hatte man Lincoln gekauft und für die nächsten 17 Jahre sollte es nur Sekt oder Selters geben.

Auf die Frage, warum das so lange gedauert hat, gibt es nur eine Antwort: Weil der starrköpfige alte Henry das nicht eher zugelassen hat. Die ersten Mercurys wurden in der Öffentlichkeit nur als „große Ford“ gesehen, 1945 gründete man die „Lincoln-Mercury Division“, um dieses Image zu ändern. Legende sind die „Bathtub Mercs“, die pontonförmigen 49er – 51er Mercurys, in der Kustom-Szene bis heute wohl die populärsten Modelle. Wie so viele amerikanische Marken gibt es auch Mercury inzwischen nicht mehr …

Aber das soll ja kein historischer Abriss werden, sondern wir wollen uns mit dem Mercury Kustom hier beschäftigen. „Roadster“ steht unter der Headline, aber wer sich auskennt, weiß, dass es nie einen Mercury Roadster gab. In der Tat war die Zeit, als jeder Hersteller auch einen Roadster im Programm hatte, 1939 schon vorbei, diese Karosserieform sollte in Zukunft vor allem den kleinen englischen Sportwagen vorbehalten bleiben. Aber ehe wir auf den Umbau vom Coupé zum Roadster eingehen, gehen wir noch mal zurück. Und zwar in der Geschichte.

Dick Dean

Dick Dean (1933 – 2008) gehört zu den großen Kustom-Legenden. Obwohl die meisten seinen Namen nicht kennen werden, weil er meist im Hintergrund (u. a. bei George Barris) arbeitete. Aber rund 1.000 gechoppte Autos, darunter etwa 300 „Bathtub Mercs“ sprechen für sich. Wie viele Kustomizer war er auch an zahllosen Filmautos beteiligt, z. B. an der legendären „Black Beauty“, dem Auto aus der 60er-Jahre-Serie „Green Hornet“ mit Bruce Lee, deren Neuverfilmung man ja gerade in den Kinos sehen kann. Nebenbei bemerkt war das eines der wenigen Corgi-Spielzeugautos, die ich als Kind nicht hatte. Leider. Dafür hatte ich aber das Batmobile, an dem Dick ebenfalls beteiligt war, genauso wie an so trivialen Sachen wie den Tretautos der Feuersteins oder den Geländewagen in „Jurassic Park“. Bis zu seinem Ruhestand 2005 führte er mit seinem Sohn Keith die Firma South End Kustom, die Keith dann übernahm.

Auftritt Harold Saul. Harold arbeitet bei 3M, ist seit 1964 Hot Rodder und Harley-Fahrer und hat schon viel geschraubt in seinem Leben. 1981 lernte er Dick und Keith Dean kennen und ist seitdem begeisterter Kustom-Fan. Im Laufe der Jahre haben die beiden acht Kustoms für ihn gebaut, zum Schluss Keith natürlich alleine. Diesen Mercury hat er auch für Harold gefunden, im Feld, nicht weit von seinem Shop in Hemet, in Südkalifornien. Der Besitzer hatte ihn aus dem Schuppen geholt, in dem er jahrelang gestanden hatte, und mit einer Sprühdose in Rot „For Sale, $ 500“ draufgesprüht. „Ich hätte auch 5.000 dafür bezahlt, wenn Keith einfach eine Null dazugesprüht hätte“, war Harolds Kommentar zu dem Preis. Aber das wäre wohl doch etwas viel gewesen, denn das Auto war in einem eher mäßigen Zustand. Abgesehen von deutlichen Rostschäden fehlten auch der komplette Vorbau und die Innenausstattung. Während Keith das Schrauben übernahm, war es Harolds Hauptaufgabe, die fehlenden Teile zu besorgen. Also wurden im nächsten halben Jahr ziemlich viele Wochenenden auf Swap Meets verbracht, was aber jetzt nicht sooo unangenehm war. Dann ging die eigentliche Arbeit los, die trotz des Umfangs nur 7 Monate dauern sollte.

Roadster

Jeder gute Kustom hat einen Namen. Dieser heißt „Roadstar“, natürlich ein Wortspiel mit „Roadster“. In der Tat ging man hier sehr ungewöhnliche Wege. Die 40er Mercury Coupés gehören zu den beliebtesten Kustoms überhaupt, und zwar vor allem wegen ihrer ungewöhnlichen Dachform, die man gut zum Hardtop umbauen kann, so wie die Barris-Jungs das 1950 erstmals mit dem berühmten „Matranga Merc“ gemacht haben. Aber Keith wollte etwas ganz anderes und choppte das Dach ziemlich radikal. „Top Chop“ heißt ja Abhacken oder Abschneiden des Daches. Genau das machte Keith, nur dass er es hinterher nicht (gekürzt) wieder draufsetzte.Natürlich nicht, um sich die Arbeit zu sparen, denn was folgte, war ähnlich aufwendig wie ein „normales“ Top Chop. Zunächst wurde die „Cowl“, das Stück zwischen Innenraum und Motorhaube, das bei Vorkriegswagen ja noch sehr ausgeprägt ist, komplett überarbeitet. Es folgte eine DuVall-Scheibe. Obwohl es die fertig zu kaufen gibt, zog Keith es vor, seine eigene zu bauen.

Eine DuVall-Scheibe ist eine geteilte, V-förmige, flache und windschnittige Frontscheibe für Roadster. Der Name geht zurück auf ihren „Erfinder“ George DuVall, bekannt wurde sie durch den Einbau beim berühmten „Doane Spencer Roadster“, 1941. Ein „Sectioning“ ist normalerweise das Herausschneiden eines umlaufenden Blechstreifens, ähnlich wie bei den alten Corned-Beef-Dosen, mit dem Ziel, das Auto flacher zu machen, ein ganz alter Kustom-Trick. Allerdings auch der so ziemlich aufwendigste überhaupt. Denn ein Auto ist keine Dose, mit der Hülle ist es nicht getan, auch inwendig muss ja alles weggeschnitten werden. Erschwerend kommt dazu, dass ein Auto keine geraden Seitenwände hat wie die Corned-Beef-Dose. Man muss die Schnittstellen also so wählen, dass das übriggebliebene Blech auch aufeinanderpasst. Hier wurde das in zwei Etappen gemacht: drei Zoll untenrum und noch mal zwei Zoll obenrum. Auch die Kotflügel wurden entsprechend gekürzt, mit der Karosserie verschweißt und anschließend alles geglättet. Wollt ihr mehr?

Damit war man nicht im Entferntesten fertig. Der Türabschluss oben wurde „gerollt“ und geglättet, damit der nahtlos in die Karosserie überging. Natürlich musste auch der Raum hinter den Sitzen von oben geschlossen und im Zuge dieser Aktion die Kofferraumklappe mehr oder weniger neu gebaut werden. War nicht so schlimm in dem Fall, die alte war eh ziemlich verrostet. Dabei wurde das Auto auch obenrum etwas „abgeflacht“, das ist nicht mehr so rundlich wie vorher, außerdem wurde ein „tonneau cover“, eine Abdeckung für die hinteren Notsitze, aus Blech gefertigt. Das Auffälligste ist natürlich die „Kopfstütze“ hinter dem Fahrer, ähnlich wie man so was von alten Rennwagen kennt. Gebaut wurde sie aus einem 39er-Cadillac-Scheinwerfer.

Die Karosserie wurde um fünf Zoll (ca. 12,5 cm) gechannelt, das heißt über den Rahmen gestülpt, und dabei die Trittbretter entfernt. Logisch, dass der Boden komplett rausgetrennt und entsprechend nach oben versetzt wieder eingeschweißt werden musste. Aber der war ja eh verrostet … So kommt die Karosserie näher an den Boden, praktisch eine Tieferlegung ohne Fahrwerksmodifikationen. Dazu nahm man nicht das Originalchassis, sondern das von einem 80er Buick Regal, den man für $ 400 gekauft hatte. Das passte prima von den Abmessungen. Der Buick-Motor wurde dabei durch einen Corvette-Motor mit dazugehörigem Getriebe ersetzt. Die restlichen Karosseriemodifikationen waren da ja schon fast eine Kleinigkeit. Nein, eigentlich nicht wirklich. Die Front wurde komplett umgebaut, die Originalscheinwerfer wurden nach innen und tiefer gesetzt, ähnlich wie beim 37er Ford. Der Grill erinnert an die Packard-Grills, die man in den Vierzigerjahren gerne im Kustom-Bau verwendet hat, allerdings wurde er handgebaut, so wie eigentlich fast die komplette Front aus Tafelblech entstanden ist. Der Grilleinsatz ist ein halber 57er-Buick-Einsatz, hochkant. Wer hat’s erkannt? Ich nicht, muss ich zugeben.

Fremdarbeiten

Die vordere „Stoßstange“ wurde aus zwei alten Suchscheinwerfern gebaut. Der Heckdeckelgriff mit Emblem stammt von einem 51er Mercury, die Rücklichter von einem 58er Chevy. Die Radkappen sind vom 49er Pontiac, die Mercury-Embleme wurden in durchsichtiges Acryl eingegossen. Das Shaving, das Glätten der Karosserie durch Entfernen von Türgriffen und Ähnlichem, gehörte natürlich zu den Pflichtaufgaben. Alle diese Arbeiten, auch die Lackierung, hat Keith durchgeführt, aber in seinem Vater hat er ja auch den perfekten Lehrmeister gehabt. „Fremdarbeiten“ waren das Pinstriping von „Jones“, der schon seit den 60er-Jahren alle Autos von Harold stripet, und die Innenausstattung von „Joel’s Upholstery” aus Riverside. Die Sitzbank stammt dabei aus dem Buick, der schon sein Chassis zur Verfügung gestellt hatte. Aber bevor Joels Jungs loslegen konnten, hatte Keith noch eine selbst gebaute Lenksäule mit einem 56er-MG-Lenkrad (mit Mercury-Hupknopf) installiert.

Das Armaturenbrett blieb relativ original, wurde aber geglättet und statt des Radios der „Aschebescher“, wie de’ Maddin sagen würde, eines 51er Mercury eingebaut. Ähnlich wie „Hollywood Hot Rods“ das machen (siehe Heft 13/10), haben wir hier ein Auto mit alter Optik – in dem Fall sogar 40er-Jahre-Stil – und modernerer Technik. Was man auf den Bildern nicht sieht, ist, dass der Wagen von unten genauso gut aussieht wie von oben. Kein Wunder also, dass er schon jede Menge Pokale gewonnen hat, selbst auf der renommierten „Grand National Roadster Show“ 2010, auf der Keith passenderweise auch gleich in die „Hall of Fame“ aufgenommen wurde. Und das sicher mehr als verdient. Schade, dass sein Vater das nicht mehr miterleben konnte, er wäre bestimmt stolz gewesen.

FAKTEN

Mercury Kustom 1940
Motor: Grauguss-V8, zentrale Nockenwelle
Verdichtung: 9:1
Bohrung x Hub: 101,6 x 88,4 mm
Hubraum: 350 ci / 5.735 ccm
Leistung: ca. 280 PS
Drehmoment: ca. 400 Nm
Gemischaufbereitung: Edelbrock-Spinne und -Vergaser
Antrieb: Hinterrad
Kraftübertragung: Dreigang-Automatik TH 400
Vorderradaufhängung: Doppelte Dreieckslenker, Schraubenfedern
Hinterradaufhängung: Starrachse, Blattfedern
Bremsen: Scheibenbremse vorne, hinten Trommeln, Unterdruck-Servo
Reifen: G78-14
Karosseriemodifikationen: Roadster-Umbau, Channeling, Sectioning, Shaving
Stückzahl: 16.189 (Serien-Coupé)
Neupreis 1940: 987.- Dollar

Infos:
South End Kustom
1433 Mesa View St.
Hemet, CA 92543
USA
Tel.: 001 951 634 3763

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