Das Formtief

avatar_6Wie sieht ein schönes Auto aus – sind die Linien weich und anschmiegsam? Oder doch kantig wie mit dem Geodreieck gezogen? Folgt man dem Massengeschmack, haben nur weiche Rundungen Bestand. Schade eigentlich.

„Design ist ja so eine Sache“, sagte ich, während ich versuchte, aus einem DIN A4-Blatt eine Concorde zu falten. „Kann man sagen“, meinte Jens, während er sich auf seinem Telefon Fotos eines Motors ansah. Jeder amüsiert sich eben auf seine Art. Vor uns lag die Skyline des Hamburger Hafens unter einer mittelgrauen Wolkensuppe, mittelblasse Menschen tranken sich rasch abkühlenden Tee und wickelten sich in Decken der Schweizer Armee. Ein Herbst in Deutschland eben. Ich falzte weiter an dem Blatt herum und dachte über das so genannte „Faltpapier“-Design der 70er Jahre nach. Vor allem Giorgetto Giugiaro und Nuccio Bertone kämpften damals um die schärfsten Kanten und spitzesten Ecken – wobei man den Designern von Volvo später wiederum vorwarf, sie könnten nur mit dem Lineal zeichnen. Der Maserati Boomerang war 1971 vielleicht der erste, der dieser Formensprache folgte, danach kamen der DeLorean, der Lotus Esprit, vielleicht auch der VW Scirocco, der erste Golf und der Lancia Delta. „Aber Kanten sind ja nicht mehr so in Mode“ setzte ich übergangslos hinzu. Moderne Autos sehen aus wie belutscht, organische Rundungen bevölkern den Asphalt, amorphe Bobbel rollen über die Straßen der Welt. Sicher kann man sich über Design streiten, ein weites Feld, reine Geschmackssache, laberrhabarber.

Nicht uninteressant ist es, wenn man sich die erste Serie des Aston Martin Lagonda ansieht. Bei seiner Vorstellung im Jahre 1974 erhielt das Auto einen Design-Preis, die Masse verschmähte den Wagen jedoch. Nur sieben Fahrzeuge wurden damals gebaut. Der letzte wurde 1976 hergestellt und im Sommer 2008 für einen Preis von 254.000 Pfund bei einer Auktion verkauft. Die zweite Serie unterschied sich äußerlich von der ersten deutlich, um es mal vorsichtig zu formulieren. An dem Wagen finden sich – von den Radläufen einmal abgesehen – keine Rundungen. Die Karosserie ist keilförmig, läuft spitz zu, das Ding besteht eigentlich nur aus Knicks, Ecken und Kanten. Ist der Wagen schön? Geht so. In jedem Fall fiel er auf. Die britische Fachzeitschrift „Thoroughbred & Classic Cars“ soll 2003 über ihn geschrieben haben: „Wer um das Jahr 1980 herum ein auffälliges Luxusauto fahren wollte, musste je nach Geschmack auf einen Rolls-Royce Camargue oder einen Aston Martin Lagonda zurückgreifen – oder, falls man ein erfolgreicher Pornostar ist, auf einen Stutz Blackhawk.“ Das wiederum spricht ja nun eindeutig für den Lagonda, denn ein Wagen, den man als erfolgreicher Pornostar fährt, kann nicht ganz schlecht sein. „Aber“, fügte ich abschließend meinem inneren Monolog laut hinzu, „Kanten gehen nicht gut. Frauen kaufen Knutschkugeln mit Kulleraugen, Männer 911er, und die Nummer mit der Concorde nahm auch kein gutes Ende.“ Mein Papierflieger war fertig, ich schickte ihn in die Lüfte – und passend zu meiner Design-Depression stürzte er nach einem Meter senkrecht ab. Das Leben stinkt eben manchmal.

3 Gedanken zu “Das Formtief

  1. Hey Frau 8,
    da kann ich nicht so ganz zustimmen…. Meine persönliche Vorliebe geht auch Richtung “klare Kante”. Mir ist es egal, ob ich damit zu einer aussterbenden Gattung gehöre. 😉
    Ich weiß ja, das Eure Zeitschrift sehr der Marke Porsche zugetan ist, aber kein einziger meiner männlichen Mitarbeiter setzt einen 911er auf seine persönliche Traumwagenliste. Auch keiner meiner Freunde…. Warum unterstellt Ihr Männern im allgemeinen immer diese Vorliebe? Weil viele Eurer finanziell gut darstehenden Kunden einen als Statussymbol in der Einfahrt stehen haben?

    Okay, da es um Design geht muss man gestehen, das Porsche ein wirklich zeitloses Design getroffen hat. Wahrscheinlich die größte Auszeichnung, die man bekommen kann. Anders ließe es sich auch nicht erklären, das ein und die selbe Grundform sich über Jahrzehnte erfolgreich verkauft. Ganz ehrlich, wer sich über den Golf aufregt, mag mal gucken, wie sehr sich ein 911er im Laufe der Zeit verändert hat. Ist nicht Euer ernst oder?

    Ich weiß, das ich mit diesem Kommentar anecken werde, aber wir “Männer” möchten nicht immer als Porsche-Design-Liebhaber abgestempelt werden 😉

    • Auch ich mag es kantig und eckig. Allemal besser als “amorphe Boppel”, wie so treffend beschrieben. Ein Stutz Blackhawk ist von allem etwas, somit also nichts ganzes *schüttel* 😉
      Es wäre schön, wenn die Hersteller wieder etwas mehr “Kante” zeigen würden. Heutige Modelle sind ausdruckslos und überfrachtet mit Sicken und Rundungen.
      Das nennt sich dann “Spooncut” und Tornadolinie, oder Seitenspeer. Ich beneide heute keinen Designer mehr!
      Mein lieblings-Designer Paolo Tumminelli schrieb, am Bsp Mercedes, 2010:
      “Der Mercedes ist tot, es lebe die Freiheit. Mit jedem Modell gewinnt die Gestaltung an Kuriosität und Skurrilität. Ein organisiertes Verbrechen foltert jeden Freiraum, knetet die Oberflächen in Kanten, Schwünge und Sicken (…) Neu ist das alles und gleichzeitig nichts. Alles ist mehr und gleichzeitig weniger”
      Zitat Ende.
      Fast sieht es so aus, als habe der Mann die neue A-Klasse vorrausgeahnt.
      Ich finde, er hat recht.

      Frohes Fest
      Bronx

  2. Lieber Touranus,

    vielen Dank für Ihren Kommentar! Wenn ich ernsthaft annehmen würde, dass alle Männer Porscheliebhaber wären und alle Frauen ausschließlich rosa Knutschkugeln kauften, müsste ich auch annehmen, dass jeder Popel einen Opel fährt und jeder Mercedes eine eingebaute Vorfahrt hat. Nun, was die eingebaute Vorfahrt angeht… aber lassen wir das. Fazit ist: Ich bin sehr beruhigt, dass es Männer wie Sie gibt, die auch andere Fahrzeuge zu schätzen wissen. Das macht die Welt dann doch bunter.
    Und überhaupt: Frohe Weihnachten!
    Ihre Frau 8

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code