Museum wider Willen

Im dänischen Kolding warten 30 Jahre alte Neuwagen auf Erstbesitzer

Es gibt Männer, die haben eine Meise: Ihnen fliegen alte Autos naturgemäß zu. Jens Sørensen, Fiat-Händler aus dem dänischen Kolding, ist so etwas passiert. Nur geplant hatte er seinen Bestand von über 450 Neu- und Gebrauchtwagen aus drei Jahrzehnten nicht, die jetzt als Klassiker verkauft werden. Ein Besuch mit der Zeitmaschine

Es ist nicht immer einfach, Sohn zu sein. Kjeld Sørensen sagt das nicht so direkt, aber man kann es herausfühlen aus seinen bedächtig gewählten Formulierungen. Hier, im Neuwagen-Showroom des väterlichen Fiat-Autohauses im dänischen Kolding, verging die Zeit wie Kjelds Jugend: scheinbar langsam, ziemlich langsam. Und noch heute, mit rüstigen 72 Jahren, erinnert sich der langjährige Junior an die ausgedehnte Gründerzeit der Fiat-Vertragsniederlassung.

„Den Beton für den Fußboden der Neuwagenhalle habe ich selbst angerührt,“ sagt Sørensen, indem er mit der Sohle seines abgewetzten Arbeitsschuhs darüber streicht. Leicht, ganz leicht sieht das aus. Aber es lastet wohl noch immer ein wenig auf ihm. So, wie die pralle Sommersonne auf der streng skandinavischen Architektur des 1963 bis 1970 errichteten Autohauses. „Schubkarre für Schubkarre in den Rohbau fahren, auskippen, mit Schaufel und Maurerbrett das Material glatt ziehen – Puh.“ Die Wärme lässt die massiven Leimbinder des Neuwagenhallendachs dann und wann knacken. Darunter kauern sie, die Neuwagen: Fiat 127, Fiat Ritmo, lackiert in den quietschbunten Farben der 70er Jahre. Fiat 131 und 132, gehalten in etwas seriöseren Farbtönen. Fiat 1500… Wie, bitte?

Kjeld Sørensen lacht leise, wobei er einem orangen Fiat Ritmo 60 CL von 1981 aufs Dach klopft. Er kennt diese Reaktion. Ein Neuwagen mit 16 Kilometern auf dem Gesamtwegstreckenzähler und Korrosion an den typischen Schwachstellen italienischer 70er-Jahre-Autos. Das Ganze entstanden im Laufe von 32 Jahren in der Neuwagenhalle – irre! Irre?

“Marina, Marina, dein Chic und Charme der gefällt” sang Rocco Granata 1959 – meinte damit aber nicht den simplen Morris gleichen Namens. Der kam erst 1971 auf den Markt, immerhin gefühlt zwölf Jahre zu spät. In Kolding sucht das orange Marina Coupé einen Liebhaber

 

Gemach: Dass sich heute noch rund 100 Youngtimer der 60er bis 80er Jahre unter Sørensens Showroom-Dach befinden, ist beinahe ein ganz normaler Vorgang. In etwa so normal, als würde man von jedem Frühstücksbrötchen aus 20 Jahren jeweils eine Hälfte aufheben und sagen: „Dieses hier war am leckersten!“ Und etwas verbissen war er wohl tatsächlich, dieser Sørensen Senior. Denn als Fiat Danmark ihn 1981 zur Entscheidung zwischen Fiat-Pkw und Iveco-Lkw auffordert, beendet er zwar das Pkw-Geschäft – verkauft jedoch die rund 200 Neuwagen und Inzahlungnahmen auf seinem weitläufigen Firmengelände nicht, wenn der Preis nicht stimmt. „Er hat es allein auch nicht geschafft, die zusätzlichen 250 Lkw auf dem Gelände zu verkaufen,“ berichtet Sohn Kjeld trocken. Sein eigenes frühes Gastspiel als Verkäufer währte exakt 14 Tage, dann wechselte der Junior in die Werkstatt zurück.

Sørensen Senior war wohl das, was man einen Patriarchen nennt. Sein Autohaus erlebte nie einen anderen Verkäufer als ihn, den Geschäftsführer, obwohl gleich mehrere Verkaufsbüros sich um die Neuwagenhalle gruppieren. Zudem fungierte der Senior als Werkstatt-Meister. Und natürlich hat er sein Autohaus ohne Inanspruchnahme von Krediten gebaut, deshalb aber auch von 1963 bis 1970 …

„Jetzt ist es leichter, Preise zu machen,“ sagt Kjeld Sørensen viel- und doch eindeutig. Mit „jetzt“ meint er die Zeit seit dem Tod des Vaters, der 2006 friedlich einschlief. 92 Jahre wurde er alt, bis zu seinem 90. Geburtstag war er aktiv im Autohaus tätig und entscheidungsberechtigt. Extrem entscheidungsberechtigt.

Gleich neben dem knubbeligen Ritmo stehen zeitgenössische Werbetafeln für Fiat’s damaliges Kompaktmodell, so bunt und knuffig wie das Auto mit den Glupschaugen selbst. Da lacht das gierige Ebay-Herz, doch in Sekunden wird es weich: Hier muss alles so bleiben, wie es ist. Die Zeitreise geht weiter: Fiat 127, Baujahr 1979, zitrusgelb, Laufleistung 13 Kilometer. Raschelnd bläht sich die werksoriginale Schutzfolie über den Polstern – Neuwagengeruch! Das Merkblatt mit den Einfahrvorschriften liegt ordnungsgemäß im Handschuhfach, ebenso die komplette Servicemappe nebst Betriebsanleitung. Der 127er hier, er ist noch sehr gut. Kein Rostbläschen zeigt sich, der Lack scheint frisch poliert, die schwarz matt lackierten Blechstoßstangen schimmern. Preis? Kjeld Sørensen schüttelt lächelnd den Kopf: „Den hier behalte ich, zusammen mit drei, vier anderen Autos, die mich an meine Jugend erinnern.“ Ja, Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Androhung von Bargeld einmal ausgenommen.

“Hallo, Herr Sørensen! Ich hätte gern einen fabrikneuen Fiat 127!” – “Kein Problem, in welcher Farbe?” Alltäglicher Dialog für den 72-jährigen Juniorchef des kuriosen Autohauses, das viele weitere Schätze birgt

Eine von Kjeld Sørensens Erinnerungen ist das Fiat 128 Sportcoupé in Orangerot. Gleich zwei Exemplare parken einträchtig nebeneinander. Und dann kommen sie, die Autos, die uns einst umgaben. Wie auf dem Parkplatz einer längst vergessenen Supermarkt-Kette abgestellt, fahren uns unverkaufte Inzahlungnahmen zurück ins Jahr 1980.

Da ist der grünmetallic-farbene Fiat 132 für 3.500 Euro; so einen fuhr bei uns die Stadträtin von den Grünen. Dass sie ihrem silbernen Exemplar trotz fehlenden Katalysators bis zu ihrem Tod die Treue hielt, zeugte von persönlichem Faible und Gelassenheit. Der schwere Samthimmel des 132 hängt wie immer durch, doch das serienmäßige (1979!) Fünfgang-Getriebe lässt sich noch immer so sportlich-knackig schalten, wie damals im Prospekt beworben. Ach…

Zeitzeuge, Zeitreise: Weil der Seniorchef keinen Kredit aufnehmen wollte, dauerte der Bau des Fiat-Autohauses Sørensen im dänischen Kolding sieben Jahre – von 1963 bis 1970. Der Bau ist originalgetreu erhalten, selbst in den Geschäftsräumen atmet man scheinbar Büroluft der Siebziger Jahre

 

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