Was für Landschaften…

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Erinnerungen beim Anblick eines Cockpits aus den Tagen vor der digitalen Revolution

Ich sitze im frostfrei eingelagerten Ford Taunus meines Freundes Örg und kann es kaum glauben. Die Reifen sind schlapp, auf dem Blech steht eine zentimeterdicke Staubschicht und drinnen müffelt es unangenehm – nach Fäulnis und verstaubter alter Zeit. Im Fußraum wuchern Biotope aus vertrocknetem Gras, weihnachtlichen Apfelsinenresten, Sand und herein gewehten Sämlingen (Jahrgang ’94). Aber das Armaturenbrett… Ich hatte so eine absurde Landschaften wie gerade direkt vor meinen Augen schon fast vergessen. Zeugen aus der Zeit, als ich begann, die wahrzunehmen. Es war eine kleine, sorglos verrückte Welt, bevor ich halbwegs erwachsen wurde.

Auf diesem Taunus-Sitz scheine ich für einen kurzen Moment die Welt eines Comic-zeichners zu erleben. Örg hat alles, was seinen Weg kreuzte, auf sein Cockpit geklebt, gesteckt oder geschraubt. Spielzeugautos fahren hin und her, Plastiktiere laufen eine nie endende Safari. Nadeln halten Zettel und Fotos. Ketten, Anhänger und Girlanden sind kunstvoll dazwischen drapiert – eine bunte Welt, wie mit PLAKA-Farbe kreiert: Statt des Sekundenzeigers der Zeituhr dreht sich sogar ein kleiner Rochen aus Plastik.

Alles wirkt wie eine analoge Symbiose aus Kunst und Wahnsinn. Fast wie bei 
Joseph Beuys, dabei ist es nur ein Alltagsauto. So ist Örg rumgefahren, und bei so mancher Polizeikontrolle hat er sich den unangenehmen Fragen der Beamten stellen müssen. Immer wieder. Und alles sieht noch genau so aus wie damals. Nur ein bisschen schimmeliger.

Örg will das heute nicht mehr. Er fährt jetzt Golf, weil der so unglaublich praktisch ist. Auch er wird älter. Und – normaler. Heißt das, die  Zeit der übersichtlichen Armaturenbretter und des Klüngelkrams darauf ist vorbei?

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Es scheint so. Die Autohersteller produzieren immer glattgelutschtere Armaturenbretter, mit integrierten Navigationssystemen, mit Multifunktions-Entertainment-Panels. Plastik sieht wie Plastik aus, und in vielen Fahrzeugen sind Übersicht und Funktionalität vom Design gefressen worden. Wo sich in unseren Flegeljahren die aufgepinnten Relikte befanden, dominieren heute LEDs, Displays und Mikroschalter. Bunte Monitore geben Auskunft über jede noch so unwichtige Befindlichkeit irgendeines Steuergeräts, die dudendicke englische Bedienungsanleitung liegt griffbereit im Handschuhfach. Muss auch, denn niemand kann sich die Dreifachbelegung der mehr als 20 Tipptasten allein auf dem Lenkrad merken. So geht jegliche Intuition im Auto komplett flöten. In einigen Modellen findet man nicht einmal auf Anhieb die Möglichkeit, den Motor zu starten.

Dann doch lieber den Taunus-Tacho mit Kitsch drumherum. Das war bunt und flippig und hat nicht mit halbwichtigen beleuchteten Informationen von dem abgelenkt, was beim Autofahren existenziell wichtig ist: dem Blick auf die Straße. Denn man kann es auch übertreiben mit der Informationsflut. Wenn ich bunte Lichter will, geh ich in die Disco. Wenn ich dafür nicht auch schon zu alt bin…

tanzumsauto@träume-wagen.de

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