Auszeit mit der Mercedes Pagode

Sternzeit W113 – unterwegs durch blühende Landschaften

 Der Kofferraum verdient seinen Namen. Der Verdeckkasten ist – natürlich – voll abgeschottet

 

Abgespecktes Buchhalterflair

Normalerweise lechzen Young- und Oldtimerfans ja nach seltenen und neu ehemals kostspieligen extra Zusatzausstattungen. Nicht so bei diesem Exemplar: Hier fiel die Entscheidung nachträglich sogar zuunsten einer Umrüstung auf 14-Zoll-Stahlfelgen mit originalen Radzierkappen. Ein Hauch bodenständiges Buchhalterflair an der stark designorientierten und dennoch sachlich gebliebenen Ikone SL war früher gar nicht so unüblich, wie es uns die heutigen Ausstattungsorgien auf Oldtimertreffen gerne weismachen wollen. Aber auch ohne Vollausstattung fährt sich der W113 dank Servolenkung, hydraulischer Bremskraftunterstützung und serienmäßigen Gasdruckstoßdämpfern so gar nicht wie ein waschechter Oldtimer der sechziger Jahre, sondern verblüfft mit erstaunlicher Agilität. Ein echter Sportler ist er dennoch nicht – gut bemerkbar, wenn man den Vorgänger gefahren ist.

Der kräftige Reihensechser passt bestens zum Charakter des offenen Gleiters

 

Die kräftige Heizung heizt den Insassen bei Bedarf zusätzlich ein und kompensiert im Nu den einen oder anderen fehlenden Sonnenstrahl. Dazu schützt die Frontscheibe bei Landstraßengeschwindigkeit wirksam vor unerwünschten Windturbulenzen, ohne den Passagieren das Frischluftvergnügen vorzuenthalten.

Gegenläufig gewölbtes Hardtop

Wer wollte und konnte, dem bot die Aufpreisliste bereits Anfang der siebziger Jahre ein kostspieliges und exotisches Spektrum an Extras: Ein fest eingebautes Autotelefon vom Hoflieferanten Becker stand für fast 10.000 D-Mark wohl nur für schwerreiche Stars und Industriebarone zur Auswahl. Das wintertaugliche Hardtopdach für 1.460 D-Mark in Pagodenform hingegen war gleichwohl zweckmäßig und für das Image des Wagens richtungsweisend. Apropos: Die Bezeichnung Pagode ist der Form des gegenläufig gewölbten Dachs geschuldet. Eigentlich ist sie ein feiner Kunstgriff, denn sie sorgt so für etwas mehr Kopffreiheit im knapp geschnittenen Innenraum des flach bauenden Roadsters.


170 PS und 240 Nm zum Gleiten

Der legendäre 2,8-Liter-M110-Doppelnocken-Reihensechszylindermotor stellt die Topmotorisierung innerhalb der Baureihe dar. Er hängt gut am Gas und hat immer genügend Drehmoment auf Lager. Bei Bedarf sind es quicklebendige 170 PS und 240 Newtonmeter. Eine wunderbare Soundorgie lassen die Angst vor Tankstellenbesuchen verfliegen, Pagodefahren ist immer auch ein Ja zur automobilen Unvernunft.

Die schmalen Landstraßen entlang der Elbe sind wie gemacht für eine Pagodentour. Eine Bilderbuchkulisse mit den zahlreichen historischen Fachwerkhöfen und Obstplantagen zieht wie im Film an uns vorbei. Wir atmen noch einmal tief durch und beschließen, dass der Sommer diesmal ewig dauert…

Technische Daten

Mercedes-Benz 280 SL W113 E28
Baujahr: 1971

Motor: Sechszylinder-Reihenmotor
Hubraum: 2.778 ccm
Leistung: 125 kW (170 PS) bei 5.750/min
Max. Drehmoment: 245 Nm bei 4.500/min

Getriebe: Viergang-Handschalter
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.285/1.760/1.320 mm
Gewicht: 1.360 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 9,0 Sek.
Top-Speed: 200 km/h

Preis Jan.1971: 26.640,- DM (ohne Hardtop)

Fotos: Salonlöwen

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