Fünf + vier = Ikone – Audi Urquattro mit Fünfzylinder-Turbo und Allradantrieb

1988er Audi quattro

Es gibt Autos, die nicht nur deshalb faszinieren, weil sie Geschichte geschrieben haben, sondern auch, weil sie mit Konzept oder Design oder Fahrspaß überzeugen. Eines vereinigt all das: der Audi Urquattro mit Fünfzylinder-Turbo und Allradantrieb

Nein, das gute, voll konservierte Stück aus dem Museum kommt nicht auf die Straße, sagt der Mann von Audi Tradition. Aber der hier, Baujahr 1988, der ist zum Fahren gedacht, den können wir uns schnappen. Wunderbar rot, schon lange in Audi-Besitz, und ein paar Dinge sind schnell erklärt: Rückwärtsgang hinten rechts langsam einlegen, der ist nicht synchronisiert. Die Knöpfe für die elektrischen Außenspiegel liegen in der Mittelkonsole, und Sitzheizung hat er auch. Viel Spaß.

Man könnte meinen, so eine Übergabe ist fast zu unfeierlich, um eine Ikone zu entern. Schließlich bietet uns Audi Tradition nichts anderes an, als ein verdammt gut erhaltenes und fahrbereites Exemplar der Gattung „erster Serien- und Straßen-Pkw mit permanentem Allradantrieb“ zu bewegen, und das sowohl auf spanischer Landstraße als auch auf dem privaten Racetrack Ascari bei Ronda im Süden der iberischen Halbinsel

Dass wir das Schmuckstück auf der Rennstrecke nicht bis in den roten Bereich drehen oder im spanischen Outback zum Offroaden missbrauchen, muss uns der Mann von Audi Tradition nicht sagen. Erstens würden wir das auch nicht tun, wenn es unser Auto wäre, andrerseits überkommt einem am Steuer sofort eine Art Ehrfurcht. Davor, wie er zustande gekommen ist und was er für ein Konzept beinhaltete. Und was er damit für die Zukunft leistete.

Seine Existenz ist eigentlich einem Zufall zu verdanken. Jörg Bensinger, Chef der Audi-Fahrentwicklung, rutscht im Winter 1976/1977 bei Tests in Skandinavien mit starken Audi haltlos im Schnee herum, während ein für niedere Arbeiten begleitender, allradgetriebener VW Iltis (der Nachfolger des DKW Munga) mit seinen mageren 75 PS Kreise um die Boliden fährt. Bensinger schlägt darauf hin seinem Chef, dem Audi-Technikvorstand Ferdinand Piëch, vor, einen Allrad-Prototypen zu bauen. In ersten Versuchen kombiniert er einen Illtis-Antrieb mit einem Serien-Audi 80. Der Quattro-Prototyp EA 262 entsteht danach in nur drei Jahren – mit dem Motor aus dem Audi 200 5T mit 200 PS, Radaufhängungen vom Audi 100, der Bodengruppe des Audi 80, wobei der Radstand von 2675 auf 2525 Millimeter verkürzt wurde, und der Grundkarosse vom Audi Coupé. Der Allradantrieb ist permanent.

Am 3. März 1980 wird der Urquattro erstmals dem Publikum auf dem Genfer Salon gezeigt. Die Frontlichter der ersten Serie sind kleine, rechteckige Funzeln, Zentral- und Hinterachsdifferenzial per Seilzug manuell sperrbar. Das Auto ist höchst attraktiv, der Preis gepfeffert: Fast 50.000 Mark sind eine Ansage. Doch niemanden stört es, dass der Kofferraum eine kleine, dunkle Höhle ist und zeitlebens bleibt, das Ersatzrad ein Notrad ist und sich der Einstieg wegen der stark geneigten A-Säule als problematisch erweist. Und niemand regt sich auf, dass trotz des hohen Preises die markanten vier Ringe an den Türen und die Zierstreifen schlicht aufgeklebt sind oder die Drehschalter und das Armaturenbrett vor Billigplastik nur so strotzen.

All das ist nichts gegen die technischen Raffinessen: alltagstaugliches Sportcoupé, vier vollwertige Sitzplätze, sozialverträgliches Auftreten, 200 Turbo-PS unter der biederen Fronthaube, 7,5 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h, 222 km/h Spitze. Wow.

Behutsam wird der Überflieger weiterentwickelt. 1982 werden das Cockpit mit trendigen Digitalanzeigen modernisiert und die Scheinwerfer überarbeitet. Schon ein Jahr später gewinnt das Auto im Motorsporttrim – bis auf 400 PS aufgerüstet – die Rallye-Weltmeisterschaft mit Hannu Mikkola am Steuer. 1984 wachsen die Reifen aus optischen Gründen in die Breite und werden zu 215/50ern. Die Federung wird härter – Spurhaltung und Nässe-Bremsverhalten leiden dadurch kräftig. 1987 hält ein selbst sperrendes Torsen-Zwischendifferenzial Einzug. All das sorgt dafür, dass der Preis 1988 auf 85.020 Mark klettert. Bis Ende des Jahrtausends verkauft Audi nach dem Urquattro unglaubliche 818.000 Pkw mit Allradantrieb.

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