Das Raubtier unter dem Pony-Plüsch

Mercury Cougar 1969

Der Cougar entwickelte sich in der Käufergunst in den ersten vier Jahren vom Mustang-Konkurrenten zu einem “Plüsch-Pony-Car”, was gut ankam und der Lincoln-Mercury-Division stattliche Verkaufszahlen von über 420.000 Exemplaren in diesem Zeitraum bescherte. 1969 legte man noch ein Convertible nach, verzichtete aber auf die in den Staaten üblichen unzähligen Performance-Packages. Das Plüsch-Pony war ab Werk schon üppig ausgestattet. Wer es sportlicher wollte, orderte den GT. Das war’s. Die Welle schwappte noch bis 1973, dann verloren die Amis nach und nach die Lust am klassischen Muscle Car. Der Mustang in seiner Generation II rollte verkleinert in die erste Ölkrise und am Geschmack der Amerikaner vorbei, der Cougar wollte diesen Schrumpfschritt nicht machen. Er blieb wie er war, wurde nur umdesignt und definierte sehr erfolgreich eine neue Generation der “Personal Luxury Cars”. Der bedeutsame Name des Puma starb Anfang 2002.

Hannaks Cougar der ersten Generation hat zwar schon die horizontalen Leisten in dem breiten Grill (und sieht damit nicht mehr ganz so arg nach einem Elektrorasierer aus), ist aber heute – anders als seine Nachfolger – definitiv unter dem Begriff “Kult” verbucht. Pony-Technik, Pony-Zuverlässigkeit – aber viel, viel seltener. Nach dem Import aus Arizona kamen nur die üblichen Umbauten für die „German Hauptuntersuchung“ und ein paar kosmetische Tupfer, und seitdem läuft die Raubkatze tadellos.

Tatsächlich fährt es sich in dem fast fünf Meter langen Muscle Car angenehm kommod, wenn man den V8 nicht allzu sehr aus der Reserve lockt. Das Dashboard ist für die 60er Jahre üppig bestückt, hat aber noch nicht die flauschige Überheblichkeit der 70er. Die Holzapplikationen verströmen zusammen mit dem schwarzen Vinyl/Leder des Interieurs einen komfortablen Wartezimmer-Hauch und laden zum Verweilen ein. Und noch bevor die frechen Möwen sich erneut schreiend um einen vergammelten Fisch streiten können, verscheucht Hannak sie mit Anlasser und Gaspedal.

Der 351cui-V8 brüllt kurz bassig auf und schrabbelt dann im Standgas, während der Puma langsam Fahrt aufnimmt. Oder losrennt. Wie sagt man? Straff und geduckt liegt das fast 50 Jahre alte Auto auf der Straße und lässt sich auch durch die etwas forschere Gangart des Airbus-Mannes nicht aus der Ruhe bringen. Alles Pony oder was? Die lange Haube frisst die vorbeiziehende Straße, der Motor grummelt zufrieden vorn vor sich hin wie eine Raubkatze und hinten blubbern die acht Töpfe klassisch raus, ohne dabei zu laut zu sein. Was will man mehr?

Die Wolken werden dichter, es fängt leicht an zu regnen. Es kommen Gedanken an James Bond, der 1969 mit so einem Cougar und Skiträgern am Heck “Im Geheimdienst ihrer Majestät” durch den Schweizer Winter fuhr. So weit kommt es heute allerdings nicht. Der Mercury zeigt abschließend noch eine seiner liebenswerten Macken und lässt die Scheinwerfer aufklappen, ohne dass Hannak am Lichtschalter gezogen hätte. Großes Gelächter überall. Das macht er manchmal von alleine, immer dann, wenn er nach Hause will.

Am Ende des Tages ist das Teil eben kein Wildpferd, sondern eine Katze. Und das ist auch gut so.

 

Technische Daten Mercury Cougar

Baujahr: 1969
Motor: V8
Hubraum: 5.689 ccm (351 cui)
Leistung: 172 PS
Max. Drehmoment: 420 Nm
Getrieb: Dreigang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.920/ 1.885 / 1.310 mm
Gewicht: ca. 1.700 kg
Sprint 0-100 km/h: 8,0 s
Top-Speed: 200 km/h
Wert: ca. 15.000,- Euro

Text und Fotos: Jens Tanz

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Jens Tanz

Über Jens Tanz

Das Leben ist zu kurz für kleine Autos und austauschbare Geschichten.
Steht auf: Deutsche Alltags-Oldtimer
Fokus: Rollende Klassiker und ihre Menschen
Leidenschaft: Ein gutes Glas Rotwein, Gitarre und die 70er

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