Kölner Baustelle – Ford Granada Coupé 1975

Der “Fastback” aus der Serie, die schon ohne den begehrten Hüftschwung daherkam und mit einem Reihenvierzylinder bestückt war, präsentierte sich John Bostelmann noch arbeitsintensiver als geplant. Der Motor war platt, da musste ein neuer rein. Weil das Aggregat auch im Taunusnachfolger Sierra und im Scorpio verbaut wurde, war Ersatz schnell beschafft, der Tausch ist mit zwei Mann an einem Nachmittag zu machen. Mit seinem Freund und Automechaniker Moritz schweißte er das Blech, lagerte das Fahrwerk mit frischen Gummis neu und belegte die Bremsen neu. ‘Ne Bassbox in den Kofferraum – und ab dafür mit TÜV, H-Kennzeichen und Zulassung. Jetzt war das Coupé so wie John es wollte: Ein bisschen schrottig, aber doch ziemlich cool.

Der heute 27 Jahre alte Segeltrainer stellte nach Jahren fest, dass der Granada auch im ganzjährigen Alltag nicht totzukriegen ist und gönnt dem Wagen regelmäßige technische Pflege. Aber eben auch nur technische. Die Fachwerkstatt Mitsubishi Förster & Fink halfen dem Hamburger mit viel Liebe und Fachwissen beim Erhalt des alten Kölners und nahmen von dem jungen Mann immer nur einen ganz schmalen Taler, was die Unterhaltskosten des Oldtimers weit unter das Niveau aktueller Kleinwagen drückte. Denn Wertverlust gibt es ja keinen, ganz im Gegenteil.

Und damit dieser Alltagszustand, dem man seine Schrammen und Kampfspuren nach 40 Jahren ansieht und ansehen darf, erhalten bleibt, spendierte Bostelmann dem Granada 2012 eine komplette Hohlraumkonservierung mit Timemax. Gesund soll das Auto sein, aber auf Showroom-Condition hat er keinen Bock. Und an die mitleidigen Blicke beim Tanken gewöhnt man sich als cooler Norddeutscher recht schnell.

Die Rechnung geht auch im Hamburger Innenstadt-Alltag auf. Das Coupé, man möchte es nicht glauben, ist nur fünf Zentimeter länger als ein aktueller Golf VII. Und genau so breit. Spannend, wie die Wahrnehmung sich mit der Zeit verändert. Das Raumgefühl ist sagenhaft, und in dem Wagen riecht es genau so, wie es in einem alten Ford immer riecht: Ein bisschen nach Teppich, ein bisschen nach Kühlwasser und ein bisschen alt. Das ist wie nach Hause kommen.

Der Vierzylinder mit oben liegender Nockenwelle schrabbelt geduldig und drehfreudig vor sich hin, und John drängt zum Weiterfahren. Der Ford will immer in Bewegung bleiben, sonst wird der Motor zu heiß. Er hat schon ständig die Heizung mitlaufen, sehr zum Leidwesen Mitreisender. Auf diese Weise kann man auch im tiefsten Winter immer mit heruntergekurbelten Fenstern fahren – John wollte cool sein, John ist cool.
Er dreht am dünnen Bakelitlenkrad ohne Servolenkung und legt routiniert die vier Gänge ein. Alles funktioniert, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht. Die vergaserbefeuerten knapp 100 PS des kleinen Motors reichen locker, um den 1,2 Tonnen schweren Dampfer zügig im Straßenverkehr mitschwimmen zu lassen. Das Coupé geht gut in die Kurven, nichts quietscht oder knarzt dank der damals neu gelagerten Achse. So soll es bleiben.

Der Granada ist weit entfernt von dem, was man heute als “Ratte” bezeichnet, also ein mattschwarzes Auto mit viel Patina/Rost, bei dem die meisten Teile schon abgebaut sind. Aber man sieht ihm sein gelebtes Leben deutlich an, und das ist sympathisch. John Bostelmann schminkt sich ja auch nicht (na gut, der ist auch noch jünger). Aber bei dem Coupé erzählen Kratzer die Geschichte von einer zu schmalen Hofeinfahrt, Dellen berichten von einer kontaktvollen Vergangenheit und dem Lack und dem Vinyldach sieht man das Laternenparken an.

Das ist die konservierte Geschichte eines Autolebens. Davon sollte es noch viel mehr auf den Straßen geben.

Technische Daten Ford Granada Coupè

Baujahr: 1975
Motor: Reihenvierzylinder
Hubraum: 1.993 ccm
Leistung: 99 PS
Max. Drehmoment: 148 Nm
Getrieb: Viergang-Handschalter
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.572 / 1.791 / 1.389 mm
Gewicht: ca. 1.190 kg
Sprint 0-100 km/h: 16 s
Top-Speed: 160 km/h
Wert: k.A.

Text und Fotos: Jens Tanz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code