Herbstblues

Frau 8

Fragen Sie Frau 8

“Fragen Sie Frau 8” – Probleme mit dem Wagen, der Frau oder dem Leben an sich? In dieser Rubrik gibt Wiebke Brauer viele Antworten, mögliche Lösungen – oder einfach ein kleines Stück Hoffnung


Peter H. per Mail: Noch ein paar Tage, dann muss ich meinen Scirocco II für
den Winter einmotten. Haben Sie ein paar tröstende Worte für mich?


Lieber Peter! Seien wir ehrlich – nein. Mir blutet das Herz, weil die Tage kürzer werden und die Temperaturen fallen. Wobei man ja zugeben muss: Wäre da nicht der Winter, könnte der Herbst als die schönste der Jahreszeiten gelten. Man steht morgens auf und gießt sich Kaffee in den Magen. Eine letzte oder vorletzte Tour steht an, es soll heute trocken bleiben. Der Himmel ist klar, die Luft legt sich wie ein kühles Tuch auf die Haut und benetzt jede Fläche mit zarten Tautropfen. Fahle Sonnenstrahlen liegen über der Straße, dunstige Schlieren spiegeln sich im Autolack, Chrom funkelt golden. Selten sah die Karre besser aus. Die Temperatur stimmt, der Wind stimmt, der Sound des Motors stimmt, der Pflaumenkuchen am Ende der Strecke sowieso. Kilometer später sitzt man da mit seinem dampfenden Heißgetränk seiner Wahl. Der Blick ruht auf dem Wagen, der Wagen ruht auf dem Asphalt. Es ist still an diesem Tag. Nur ein paar Wespen taumeln zwischen Todesschwere, heller Wut und dem Traum von einem letzten Honigbrot. Blätter gaukeln lautlos zu Boden und landen auf der Motorhaube, die milchige Sonne wird schwermütig und sinkt herab Richtung Autohimmel. Worte braucht kein Mensch in diesem Moment.

Gleich wird der Becher leer sein und man wieder in den Wagen steigen, ein Tritt auf’s Gas, die Blätter wirbeln auf und drehen Pirouetten auf dem Asphalt. Und dann gleitet man über die Landstraße, hat diese ganze verdammte Melancholie und die Bittersüße der Vergänglichkeit im Nacken – und mächtig trübe Zeiten vor Augen.

Denn was als nächstes ansteht, ist die ganze harte Realität der herannahenden Winterstarre: Batterie abklemmen, Reifendruck erhöhen, Gelenke und Leder fetten, Volltanken, Gummis schmieren, Öllappen in Öffnungen stopfen. Das volle Programm, um seinen Freund in den Stillstand zu verdammen. Ja, traute Zweisamkeit voller meditativer Momente, aber ungefähr so heiter wie letzte Handgriffe in einem Beerdigungsinstitut. Zuletzt steckt man die Plane unter dem Auto fest, zupft hier und da an nicht vorhandenen Falten und führt stille Monologe. Mit sich, mit dem Auto, wer weiß das schon so genau. “Das ist kein Leichentuch. Ich komme dich besuchen. Denk an unsere letzte Fahrt zum Pflaumenkuchen. Denk an die nächste Fahrt zum Pflaumenkuchen.”

Und das ist vielleicht der einzige Trost: Der Winter mag kommen. Aber der nächste Frühling auch. Auch wenn die Zeit bis dahin noch ewig scheint.

Haben auch Sie eine Frage an Frau 8?
Mail an: frauacht@träume-wagen.de

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