Sternenbilder

Frau 8

Fragen Sie Frau 8

“Fragen Sie Frau 8” – Probleme mit dem Wagen, der Frau oder dem Leben an sich? In dieser Rubrik gibt Wiebke Brauer viele Antworten, mögliche Lösungen – oder einfach ein kleines Stück Hoffnung


Roxette12 per Mail: Liebe Frau 8! Ich frage mich, inwieweit unser Autogeschmack von unseren Eltern geprägt ist. Was sagen Sie dazu?

Liebe Roxette12! Das ist mal eine gute Frage, die könnte glatt von mir sein. In der Tat gehe ich manchmal in die Garage, zücke das weiche Tuch, poliere den Stern und grübele darüber nach, ob ich ein Verhalten repetiere, mit dessen Anblick ich groß geworden bin. Ich bin in diesen Momenten nicht sicher, ob ich die Nummer mit dem freien Willen nicht schlicht vergessen kann. Kann jemand bewusst und freiheitlich entscheiden, dass er gern Mercedes fährt, wenn er auf der Rückbank eines /8ers groß geworden ist? Offenbar bin ich die Summe der Erfahrungen, die ich zwischen drei und zwölf Jahren gemacht habe – und die besteht aus einem Vater, der den Stern seines Wagens hingebungsvoll putzte. So wie ich es heute für mein Leben gern tue, meditativ, sorgfältig, still. Sogar mit der gleichen verdammten Chrompaste von Autosol, die er einst verwendete. Ich bin ein automobiler Wiederholungstäter, ein gegenwärtiger Schlagschatten der Vergangenheit. Demnach wäre der vermeintlich gediegene Autogeschmack keine Frage von individuellen Vorlieben, sondern reine Sozialisation. Und nein, ich glaube nicht, dass Neigung erblich ist. Dass so etwas wie ein Mercedes- oder Ford-Gen existiert, wage ich stark zu bezweifeln.

Aber sei es nun Genetik oder Sozialisation, die uns prägt – wenn wir eh nur das wieder erleben wollen, was wir einst schon einmal taten, das besitzen wollen, was in unseren Familien gebräuchlich war, brauchen wir eigentlich auch keine neuen Autos. Wir könnten auf ewig das gleiche Modell fahren, Generation für Generation. Immerhin sind Fahrzeuge genau genommen nur leere Hülsen, metallische Leinwände, die von uns mit neuen Erfahrungen bepinselt werden, mit Ereignissen, mit Worten, die darin gesprochen wurden, mit Erinnerungen, die sich wie Nikotinschwaden unter dem Autohimmel sammeln. Man schreit darin sich und andere an, schlägt auf das Lenkrad, trinkt Kaffee und verbrüht sich die Zunge. Frisst Kilometer. Stopft Franzbrötchen in sich hinein und versucht, nicht darin zu krümeln.

Was nun aber die Beantwortung Ihrer Frage angeht: Ja, ich würde meinen, dass unser Autogeschmack stark von unseren Eltern geprägt ist. Allerdings nicht so erheblich, dass es uns nicht doch nach Neuem gelüsten würde. Und das, muss man sagen, ist auch ganz gut so. Denn wenn ich da so stehe und den Chrom wienere, muss ich doch sagen: Mein Stern ist um einiges cooler als der, den einst mein Vater polierte. Wie heißt es so schön? Es muss sich alles verändern, damit alles so bleibt, wie es ist.

Haben auch Sie eine Frage an Frau 8?
Mail an: frauacht@träume-wagen.de

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