Warum wir es tun

Frau 8

Fragen Sie Frau 8

“Fragen Sie Frau 8” – Probleme mit dem Wagen, der Frau oder dem Leben an sich? In dieser Rubrik gibt Wiebke Brauer viele Antworten, mögliche Lösungen – oder einfach ein kleines Stück Hoffnung


Ego? Geld? Ein Auto im Einser-Zustand? Unwichtig. Es gibt Momente im Leben – da macht einen ein abgeschrabbelter Wagen so glücklich, dass nichts anderes mehr zählt.

Und warum ein V8-Motor?“ fragte mich der seriöse Mensch mit dem Einstecktuch. Der seriöse Mensch hatte sich just einen Mercedes 300 SL gekauft, wie ich erfuhr. Baujahr 1989, geleckter Originalzustand. Meine Möhre stand eine Autolänge weiter, auf dem Hof der Werkstatt unserer beider Vertrauen. Wie ein räudiger Köter sah mein 380 SL neben seinem Klassiker aus, ungeachtet des neuen Ersatzteils unter der Haube für mehrere hundert Euro, von dem ich bis heute nicht weiß, wie es heißt. Ich durchstöberte mein Hirn nach einer Antwort und versuchte unauffällig, einen Fettpropfen von der Stoßstange meines Wagens zu entfernen, den die konservierte Motorhaube wegen der Sommerhitze ausgeschieden hatte. „Klingt besser“, murmelte ich, während ich versuchte, die sämig-gelbe Molasse, die sich an meinen Händen befand, wieder loszuwerden. Der seriöse Mensch lächelte dünn und kehrte mir seinen halben Rücken zu.

Vielleicht hätte ich erwidern sollen, dass ich keine bescheuerte Anwaltskarre haben wollte, mit doofen sechs Zylindern, einem klitzekleinen Dreiliter-Motor und hässlichen Kanaldeckel-Felgen. Einen Wagen, den man nur als Wertanlage sieht, der nie gefahren wird, dessen Originalzustand wichtiger ist als seine Seele. Aber das wäre ungefähr genauso cool gewesen, als hätte ich die Antwort getanzt.

Vielleicht gab es keine Antwort. Vielleicht gab es nur die Erlösung, die folgte. Zwei Minuten später stieg ich in mein Auto und fuhr langsam vom Hof, vorbei am Klassiker des seriösen Menschen. Eingefangen vom Blubbern, Blobbern und Raunen des Motors, mit klebrigen Fingern an dem zu großen Lenkrad, das zuviel Spiel hat. Es war der letzte sonnige Tag, viel Zeit blieb nicht mehr, bis die Blätter fielen und der Wagen sich ins Dunkel der Garage verkroch, um zu überwintern. Das Krächzen der Krähen hatte bereits ein herbstliches Echo, und wenn man seinem Wagen nur fünf Minuten den Rücken zudrehte, hatten Spinnen alle Seitenspiegel mit ihren Netzen versponnen. Ich fuhr über Umwege nach Hause, der Motor hustete ein bisschen heiserer als sonst, knarzte kommod, röhrte maliziös, stank köstlich-bläulich zum Himmel.

Den hellsten (und saubersten) Eindruck hatte ich eben nicht hinterlassen, doch im Grunde war es egal. Der Sommer war lang, die Gespräche mit anderen Petrol-Spinnern erquicklich, und dieser Wagen war so eine Freude – was macht es da aus? Nichts. Aber sein Einstecktuch hätte mir der seriöse Mann doch anbieten können, damit ich mir die Finger abwischen kann.

Haben auch Sie eine Frage an Frau 8?
Mail an: frauacht@träume-wagen.de

Ein Gedanke zu “Warum wir es tun

  1. Sehr geehrte Frau Brauer, mit Schmunzeln und Freude habe ich wieder einmal Ihre Kolumne gelsesen.
    Ihre Themen sind erfrischend sprachlich und selbstironisch wie es den Männern meist nicht gelingt, formuliert.Dank ihrer ( sarkasmusfreien) Erkenntnisfähigkeit erlaube ich mir eine Frage zu stellen:
    Als zwischenzeitlich nicht nur optisch patinierter Anfangssechziger würde ich mir gerne zu meinem 65er Hardtop Sedan DeVille ein vergleichbares Cabrio zulegen. Meine Frau sagt, Convertibles sind für Mädels, Muscles nur für Buben, only real men are driving Limos. Stimmt das?
    Schon im Voraus danke für Ihre philosophische Analyse
    Edgar Mathe

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