Der Sound des Chevelle

Fragen Sie Frau 8

Fragen Sie Frau 8

“Fragen Sie Frau 8” -Probleme mit dem Wagen, der Frau oder dem Leben an sich? In dieser Rubrik gibt Wiebke Brauer viele Antworten, mögliche Lösungen – oder einfach ein kleines Stück Hoffnung


Hans P. per Mail: Mein Auto ist im Winterschlaf, ich bin übellaunig. Was tun?


Lieber Hans, willkommen im Club der Unausstehlichen! Das Frühlingserwachen liegt in weiter Ferne, die Finger sind klamm, die Kolben kalt, und das Wort „Dunkeldeutschland“ bekommt eine neue Bedeutung. Menschen schleichen in geduckter Haltung in ihre Garage, um an ihrer Karre zu werkeln, andere versammeln sich in Rudeln in Hallen und Höhlen, um alle halbe Stunde eine Ducati anzuwerfen und dem Motor zu lauschen. Und den Rest der Zeit? Verlieren Ehepartner die Nerven und der Haussegen hängt so schief wie das „Castrol“-Schild an der Garagenwand. Weil wir in altöligen Gedanken versinken, während sich die Wahrnehmung merkwürdig verändert. Ein Beispiel: Man latscht an einem normalen Mittwochmorgen über eine Fußgängerampel, es graupelt und düstert, der Autoverkehr rauscht monoton. Plötzlich hört man es. Diesen ganz bestimmten Sound. Acht Zylinder erheben sich über den Geräuschmatsch. Die Ohrmuscheln scheinen sich wie ein Radar diesem Laut zuzuwenden, der ganze Körper spannt sich auf und lauscht – wahrscheinlich sieht man gerade aus wie ein Erdmännchen, aber was soll’s. Aus gefühlt 250 Motorengeräuschen horcht man ihn he-raus, lass es im besten Fall ein Chevrolet Chevelle SS Coupé sein, in Kirschrot, Baujahr 1971, mehr als fünf Liter Hubraum. Vielleicht ist es auch nur ein britzebratzeneuer weißer Dodge RAM mit einem dubios aussehenden Fahrer, aber das macht in diesem Moment keinen Unterschied. Wie tiefe und klare Bassnoten durchbricht der Motorenklang die Kakophonie des Verkehrslärms. Ein Akkord aus pumpenden Zylindern und blubbernden Rohren füllt Ohren und Herz, nichts anderes hat mehr Raum. Dann verklingt der Sound mit Schall und Rauch und verhallt im Brei. Vorbei, das war’s.

In Fachkreisen nennt man dieses gezielte Hören übrigens „Cocktailparty-Phänomen“. Es bezeichnet „die Fähigkeit des menschlichen Gehörsinns, bei Anwesenheit mehrerer Schallquellen die Schallanteile einer bestimmten Schallquelle aus dem Gemisch des Störschalls zu extrahieren“, wie es im Internet so schön heißt. Anders gesagt: Wir hören nur das, was wir wollen. Übrigens fanden Wissenschaftler der Neurologischen Klinik und Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung am Universitätsklinikum Tübingen heraus, dass Männer das selektive Hören sehr viel besser als Frauen beherrschen. Der Grund läge wohl in der menschlichen Evolution, da der jagende Mann an sich das Beutetier schneller akustisch lokalisieren musste, als er es sah. Ob das so stimmt, sei dahin gestellt. Zumindest verschafft uns diese Fähigkeit in grauen Wintermonaten den einen oder anderen wunderbaren Moment. Insofern, lieber Hans, Ohren auf und durch.

Haben auch Sie eine Frage an Frau 8?
Mail an: frauacht@träume-wagen.de

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