Auf die Länge kommt es an!

Die 60s sind eine ganz besondere Ära. Nie wieder waren die Autos so groß und dabei trotzdem nicht überladen

Cool.
Die Weiterentwicklung gestaltete sich bei Buick wie bei allen anderen Marken dieser Zeit auch: Die fast waagerecht stehenden „Delta Finns“ der späten 50er verschwanden bald, und der zuerst allein performende 6,6-Liter (401 cui) Nailhead-V8 wurde in den 60ern noch durch den Siebenliter (430 cui) und den 7,5-Liter (455 cui) Buick-V8 erweitert. Neben der Zweigang-Dyna­flow-Automatik kam das modernere TH-400-Dreigang-Automatikgetriebe ins Programm. Rainer Graves große Liebe kommt aus der dritten Generation Electra, die ­zwischen 1965 und 1970 in South Gate, Kalifornien und Flint, Michigan, gebaut wurden.

Die rundliche Klobigkeit der 50er hatte diese Modellreihe schon komplett ­abgelegt und zeichnete den Weg in die kantigen Spätsech­ziger, als vor allem die Hubräume der Motoren in der Oberklasse eskalierten und die Dimensionen von Schiffsdieseln annahmen (dem sollte in den späteren 70ern mit den Ölkrisen und den störrischer werdenden Versicherungen ein Riegel vorgeschoben werden).
Die noch immer fast sechs Meter lange Schwägerin ­orderten solvente Kunden als 4-Door Sedan und 4-Door Hardtop (ohne B-Säule) sowie als ebenfalls B-Säulen-­losen 2-Door Hardtop und 2-Door ­Convertible. Die ­fließenden Linien des kommenden „Coke Bottle ­Designs“ ­zogen sich durch die gesamte GM-Palette, bei den Zweitürern wurde die C-Säule im Fastback-Stil noch weiter abgeflacht. Groß, lang, schön.

Rainer dankt Thorsten und Luiza Brack vom Pixel Cafe Cologne, die nicht nur die Bilder gemacht haben, sondern auch ganz besondere und hilfsbereite Menschen sind. www.pixel-cafe.com

Vorangetrieben wurden die Electra nun ausschließlich von der Dreigangautomatik. Schalten war Kinderkram, das konnten die jungen Wilden in ihren „billigen“ Muscle Cars gern für sich behalten. In sechs Jahren wurden fast 700.000 Einheiten produziert, dann kam die Wachablösung mit der 4. Generation bis 1976, deren Jahrgang 1975/­1976 mit einer Fahrzeuglänge von 5,95 Metern der längste im Hause Buick war.
Grave steht nicht etwa paralysiert vor dem Auto, eher entschlossen. Alles geht ziemlich schnell, er will den Electra haben, kauft ihn im Februar 2014 und ist kurz darauf schon mit dem Blechriesen auf der Straße unterwegs. Alles passt, zumindest für ihn. Für eine DIN-Garage oder eine alltagsübliche Parklücke nicht so. Ärger gab es seitdem nicht wirklich – ein paar Dichtungen wurden erneuert, ein Satz neue Reifen aufgezogen und die elektrischen Fensterhebermotoren getauscht. Mehr nicht.

Als wir durch das Kölner Fabrikgelände cruisen, fallen die nicht perfekt abdichtenden Fenster auf, aber das stört Grave ­angesichts der fehlenden B-Säule nicht. Who cares? Der klassische 6,6-Liter-V8 schnorchelt vorne unter der Haube die gute Luft weg wie ein schwarzes Loch und wirkt dabei zufrieden und stoisch kraftvoll. Amis aus den 60ern sind eine Klasse für sich, und dieser hier ganz besonders: Oberklasse. Der Motor nimmt kaum an Drehzahl auf, trotzdem wird der rote 225-Zoller mit Macht immer schneller.
Seitenhalt in den Sitzen? Null. Es sind auch keine wirklichen Sitze, es sind die durchgehenden Sofas einer Lounge. ­Um Kurven kommt man ja mit dem Schiff sowieso nicht rum, aber wenn man sich auf‘s entspannte Geradeausfahren beschränkt, sitzt man recht kommod. Will man sich auf der Rückbank auf den Weg machen vom linken Seitenfenster zum rechten Seitenfenster, sollte man sich ein bisschen Proviant mitnehmen. Und ’ne Landkarte. Nach vorn zum Fahrer allerdings hat man es nicht ganz so weit: Die Fahrgastzelle des 5,7-Meter-Schiffes hält bei der Beinfreiheit nicht ganz so viel, wie die Gesamtlänge des Buick verspricht. Das mag daran liegen, dass ein Drittel der Länge auf die Haube und das zweite Drittel auf den Kofferraum entfallen. Dazwischen ist nur noch Platz für ein weiteres Drittel.
Ein verspielter Drittelmix, angesichts der Dimensionen und Formen heutiger Autos regelrecht absurd wirkend. Doch die riesige Miss Electra wirkt mit ihrer schlanken Gürtellinie nicht überheblich, trutzig oder bedrohlich. 1965 zeigte man einfach in verschwenderischem Maße, was man hat. Und das war beim Buick Electra eine Menge.

Ein knackiger und dabei schlicht konturierter Hintern: Selbst die kleinen Flößchen strahlen keine Überheblichkeit, sondern Erhabenheit aus

Technische Daten

Buick Electra 225 4-Door Hardtop
Baujahr: 1965
Motor: V8
Hubraum: 6.569 cm3 (401 cui)
Leistung: 239 kW (325 PS)
Max. Drehmoment: 603 Nm
Getriebe: Dreigang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5.690/2.030/1.420 mm
Leergewicht: 2.012 Kilo
Beschleunigung 0-100 km/h: 9,2 s
Top-Speed: 185 km/h
Wert: ca. 9.000 Euro

Text: Jens Tanz
Fotos: Pixel Café Cologne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code