Abschiedstournee

Letzte Spritztour mit dem 280er SEL

Wenn ganz große Charakterdarsteller von der Bühne abtreten und ihre Karriere beenden, sind Krokodilstränen angebracht. Eine kleine Geschichte über den Abschied vom langen Benz

Für euren 126er sehe ich kein Land; da sind zu viele Löcher – leider!“ Jürgen Langer ist d i e Hamburger Mercedes-Koryphäe, und sein Urteil kommt einer Vernichtung gleich. Unser Benz soll also schon nach 29 Jahren am Ende sein? Keine neue TÜV-Plakette ein mickriges Jahr vor dem H-Kennzeichen? Eine traurige Vorstellung – im doppelten Sinn.

Traumschiff

Dabei war der Lange doch einmal zu Großem berufen. Als exotischer 280 SEL mit Minimalmotorisierung und Maximalkarosserie im Schwäbischen auf die Welt gekommen, kombinierte er das Beste aus zwei Welten.

Die alte M110er Doppelnockerlegende unter der gewaltigen Haube war ein wunderbares Relikt, denn sie erinnerte an einen überhell erstrahlenden Stern der sechziger und siebziger Jahre. An eine Zeit, als große Daimler die Autos der Bosse waren und keine Nebenbuhler in Form von aufmüpfig drängelnden BMW oder Audi ertragen mussten. Der 126er war gar staatstragend, mobilisierte die Upper Class in der ganzen Welt: Das Kürzel SEL stand für das was drin war. Gestatten: Sonderklasse Einspritzer Lang.

Scheinbar ohne Anstrengung schob der alte Graugussmotor mit dem eigentümlich kernig röhrenden Sound die XXL-Karosserie in Würde nach vorn. Das lapisblaue Traumschiff legte kurz an, um Passagiere an Bord aufzunehmen und dann im Anschluss gleich wieder über die Verkehrsmeere zu kreuzen.

Ignorama

Dass der Rost sich langfristig immer durchzusetzen vermag, nahmen wir nur allzu lang auf die leichte Schulter. Eisenoxyd versus penibel verarbeitetes Stuttgarter Panzerblech, was sollte da schon schief gehen?

Die alte W126er S-Klasse ist wahrscheinlich die beste Mercedes-Baureihe aller Zeiten und sie fährt auch im maroden Zustand noch ganz wunderbar. Trotz immer häufiger wie Pickel auftretender Rostflecken und vorsätzlich von hundsgemeinen Gestalten zugefügten Kratzern bewahrte die von Bruno Sacco gezeichnete Karosse auf wundersame Art immer ihren Qualitäts-Nimbus.

Der Lange beherrscht den Spagat: Früher staatstragender Promikreuzer, heute lässige Chill Out-Lounge für Rock´n´ Roller

Der siebte Autohimmel

Das Design der ersten Serie bis 1985 mit den geriffelten Planken im Kontrastfarbton altograu, die heute unfassbar zierlichen 14 Zoll Barockalus mit 195er-Bereifung und das dicke Chrom der Langversion schaffen den seltenen Spagat aus Opulenz und Bescheidenheit. Spätestens innen haut es dich um: Es ist das Raumangebot einer Kathedrale. Dezent packen dich flauschig beiges Velours und dicke Teppiche in Watte, vorne surren die Fenster geräuschlos auf und ab, die Viergangautomatik schaltet geschmeidig-perfekt wie eh und je. Wir erleben noch einmal die Oberklasse der Bonner Republik in ihrer reinsten Form und befinden uns im siebten Autohimmel. Theoretisch gab es an Bord sogar mal eine funktionierende Klimaanlage, lange vor dem Zeitalter des großen Reparaturstaus.

Sternzeichen Rost

Jetzt heißt es langsam Abschied nehmen, aber nicht ohne Stern voraus. Ein Blick in das Handschuhfach schafft zufriedene Gewissheit: Das vielleicht wichtigste Ersatzteil ist zum Glück noch immer an Bord: Der Reservestern kommt doch noch einmal zum Zug. Er darf den Kühlergrill krönen, uns den Weg weisen und uns für einen Moment von den gravierenden strukturellen Problemen ablenken.

Der Unterbau ist morsch, und zwar komplett. Nach Art eines Schweizer Käse perforierte Bodenpartien macht selbst beherzte Schweißaktionen hoffnungslos, der kariöse Daimler könnte locker quadratmeterweise frische Blechtafeln in sich aufnehmen. Eine derart brüchig krosse Konsistenz kennen wir sonst nur vom Croissant am Frühstückstisch, doch rot-brauner Blätterteig hat nichts an den Blechen einer klassischen Oberklasselimousine zu suchen.

Schwäbisches Wertmetall in seiner ganzen Pracht: Leistung, Luxus und Machart erzeugen ein Ambiente, das auch stark strapaziert noch Sonderklasse ist

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code