Aston Martin à la carte

Klassiker, aktuelle Modelle und Probefahrt

Es lohnt sich, bei Aston Martin Works in Newport Pagnell hereinzuschauen:
Hinter neuen Mauern werden die aktuellen Sportwagen verkauft, gewartet und repariert, hinter alten Backsteinen aus David Browns Zeiten die Klassiker aufbereitet. Perfekt wird der Aston-Besuch zum 100. Geburtstag, wenn man dann noch die neuesten Traumwagen Vanquish und
DB9 Volante fahren kann

Tradition hat bei AM Tradition

Ein Teil der Nordseite der Tickford Street im beschaulichen Ort Newport Pagnell, Buckinghamshire, sieht nicht mehr sehr einladend aus. Ein paar dürre Birken sprießen aus einem ungepflegten Gelände, ein unscheinbares Gebäude mit einst nettem Balkon gammelt verlassen vor sich hin, flankiert von ein paar wenigen alten Backsteingebäuden. Dass dieses mal ein bedeutender Ort war, lässt sich nur durch die Nachbarschaft erahnen: Das futuristische Gebäude auf der südlichen Straßenseite und die davor parkenden Edel-Sportwagen auf dem gut 14.000 Quadratmeter großen Gelände lassen erahnen, dass sich hier einst das Headquarter von Aston Martin Lagonda Ltd. befand. In den 50er Jahren war das verfallene Balkongebäude die Hauptverwaltung, dahinter wurden DB2 bis DB6 montiert. Nachdem Brown 1972 ausstieg, wurde von der darbenden Firma gerade mal noch ein Auto pro Woche produziert, aber sie blieb am Leben. Es folgte der V8, bis Ford einstieg, den DB7 in Bloxham produzierte und das neue Top-Model, den Ur-Vanquish (gebaut von 2001 bis 2007), hier von Hand dengeln ließ – zwischen Eimern, die das durch das marode Dach leckende Regenwasser auffingen. Newport Pagnell ist der Geburtsort von immerhin insgesamt rund 15.000 Autos – bis 2007 die Fabrik in Gaydon öffnete.

Echte Handarbeit: Bei Aston Martin Works wird in der Klassiker-Abteilung noch manuell gefertigt, nachgebaut, repariert und gedengelt

 

Nun ist die ehemalige Fabrik abgerissen bis auf ein paar Gebäude, und der Platz wartet auf eine neue Bestimmung – in Newport Pagnell munkelt man etwas von einem unwürdigen Supermarkt. Gegenüber aber war schon immer – und bleibt auch – Aston Martin Works, die Service-Abteilung. Neu ist, dass AM hier sogar selbst als dem einzigen Standort weltweit mit Neuwagen handelt. Aber dahinter wird geschraubt.

In der klinisch sauberen und aufgeräumten Haupthalle mit den aktuellen Modellen ist Gucken erlaubt – fotografieren nicht. Und zwar nicht deshalb, weil ein Aston nicht kaputtgehen darf, sondern weil man eventuell an den Nummernschilder den Besitzer erkennen kann. Und das wollen die meistens nicht – der durchschnittliche Aston-Martin-Besitzer ist ein eher introvertierter Typ. Gehen wir also weiter, widerwillig das Supercar One-77 missachtend, das unter eine Plane ruht und nicht enthüllt werden darf. Aber die weiteren Hallen versöhnen uns wieder.

Künstler sind erst im Chaos wirklich kreativ – das scheint auch für die Schrauber in der Klassik-Abteilung bei AM zu gelten. Hauptsache, sie selbst finden da durch

 

Denn nach der scheinbar virenfreien Vorzeigewerkstatt und dem ebenso sagrotangetauchten Lackierbereich kommen wir in die Abteilung, die sich um die wirklich alten Autos kümmert. Und hier scheint nicht nur der Geist von David Brown herumzuspuken – man könnte sich auch nicht wundern, würde er höchstselbst hier auftauchen. Da stehen Modelle vergangener Zeiten, halb oder ganz ausgenommen, wunderschöne DB4 auf Hebebühnen, daneben ein Haufen Speichenräder. Als würden hier die Freigeister arbeiten, die man einfach machen lassen muss, weil sie nur so kreativ sein können und die Arbeit erledigen, die für andere zu diffizil ist. Jedes Chaos hat schließlich seine Ordnung, und es reicht ja, wenn es der versteht, der es angerichtet hat.

Vergaser werden hier noch per Hand eingestellt, natürlich mit Schraubendrehern, die Holzgriffe besitzen, weil solche aus Plastik nicht sensibel genug sind. Der Bau eines Türgriffes kann schon mal eine Woche dauern, ein neuer Grill für einen DB4GT Zagato entsteht in 60 Arbeitsstunden.

Wir dürfen in ein weiteres Gebäude – das ist wirklich aus den 50er Jahren. Innen ist es dämmrig und noch viel chaotischer als in dem Raum zuvor. Hier ist die Zeit komplett stehen geblieben: Hartgesottene AM-Handwerker dengeln an alten Geräten Aluminium-Häute, zwei andere stellen Rohre für einen Gitterrohrrahmen her. Der soll unter einen DB3S. Vom Original ist nur ein mageres Rohr übrig geblieben – in England kein Grund, den Wagen nicht zu „restaurieren“ und ihn später als Original zu betiteln. Andererseits – wäre es besser, wenn die Welt um so ein wunderschönes Modell ärmer wäre?

AM in Newport Pagnell: Gegenüber dem neuen Niederlassungsbebäude (oben links) steht noch der alte Verwaltungsbau (oben rechts), dahinter wurden die Wagen gebaut (links). Daneben ein Luftbild vom Gesamtkomplex Ende der 90er Jahre

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code