Auf in die Moderne

NSU Ro 80

„Die Horizontale, das Zeichen der Bewegung, besiegt die Vertikale der Erdenschwere“

Wir begeben uns auf die Spuren eines gestalterischen Manifests: Mit einem ganz besonderen Automobil, dem NSU Ro 80, reisen wir zur Wiege der modernen europäischen Architektur. Wir starten an einem Frühlingsmorgen von der Autostadt in Wolfsburg. Unser Chauffeur ist der Zeithausmitarbeiter und Oldtimerexperte Pablo Rother. Er freut sich, zusammen mit uns dem kupfermetallicfarbenen Museumsexponat ein wenig Auslauf geben zu dürfen. Unsere Reise führt uns über 200 Kilometer Autobahnen und Alleen, durch Dörfer und Kleinstädte bis nach Dessau, in die Stadt der Moderne. Dort erleben wir die großartige Verknüpfung von Architektur- und Automobilgeschichte. Ein normales Arbeits-Event sieht anders aus

Claus Luthe gelang mit dem NSU Ro 80 ein ganz großer Wurf. Der NSU-Haus- und Hof-Designer bekam den Auftrag, dem Autohersteller mit einem großen Wagen in die gehobene Klasse zu verhelfen. Interessanterweise gab es dabei kein Lastenheft-Korsett, folglich durfte (fast) alles anders sein. Ohne Rücksicht auf den bisherigen Hausstil oder Design-Hierarchien machte Luthe sich ans Werk und schuf einen Technologieträger in Serie.

Auf 478 Zentimetern Länge und 176 Zentimetern Breite wurde der Weltöffentlichkeit 1967 pure automobile Revolution präsentiert. Eine derart futuristische Limousine aus deutschen Landen hatte es bis dato nicht gegeben. Selbst den Vergleich mit rollenden Denkmälern vom Schlage einer Citroen DS konnte der Ro 80 bestehen. Kurzum: ein Architektenauto.

Das Meisterwerk Ro 80 fasziniert selbst nach 45 Jahren noch den Betrachter

Die Suche nach dem Ursprung des modernen Designs führt in Deutschland zwangsläufig zum Bauhaus. Seine Ideen prägen die Lehre zu Design und Form bis heute. Auch Claus Luthe wird sich im Rahmen seiner Entwicklung mit ihnen auseinandergesetzt haben, jedenfalls erkennen wir im Ro 80 viele Elemente wieder.

Klare Flächen, präzise definierte Lichtkanten und eine bislang unbekannte Keilformkarosserie, die gleichzeitig durch ihre Schlichtheit faszinierte. Kein protziger Kühlergrill, keine aufgesetzten Ornamente, kein ausuferndes Chromornat. Dazu besonders ausgefeilte Details wie aerodynamisch konstruierte vollverglaste Doppelscheinwerfer als integraler Bestandteil der schlank zulaufenden Frontpartie.

An Bauhausschüler Marcel Breuer erinnern einzelne Innenraumdetails, wie die Struktur der fein ausgeführten Türpappen. Breuer erkannte die Bedeutung haptischer Erlebnisse, dass eine Hand etwas berühren möchte und gab seinen industriell gefertigten Möbeln feine Kanten und angenehme Materialien mit auf den Weg.

Die Automobilindustrie hatte auf einen Schlag ihren neuen Designbenchmark, und dies nicht etwa für Jahre, sondern für Jahrzehnte. Der detailversessene Karosseriebaumeister und Designer Luthe hatte zusammen mit seinem Team ein futuristisches Meisterwerk geschaffen. Die große Karosserie hatte im Windkanal das Flüstern gelernt und war mit einem cw-Wert von nur 0,35 besonders strömungsgünstig. Sie faszinierte Techniker und Ästheten gleichermaßen mit perfekt anmutenden, bisher so noch nie da gewesenen Blechproportionen.

Die beinahe flächige Rundumverglasung der Scheiben mit extrem zierlichen Säulen schaffte das Kunststück, das Fahrzeugdach optisch förmlich schweben zu lassen und die Passagiere in Tageslicht zu tauchen. Der Innenraum profitierte vom gewaltigen Radstand: 286 Zentimeter waren Oberklasse-Gardemaß, das Raumangebot des Fronttrieblers wurde ebenfalls diesem Prädikat gerecht.

Der Federungskomfort dankte den üppigen Achsenabstand und die gelungene Feder-Dämpfer-Abstimmung mit einer erstaunlichen Geschmeidigkeit. Ein aufwändiges Fahrwerk mit Einzelradaufhängung rundum, vier üppig dimensionierte Scheibenbremsen mit tollem Ansprechverhalten, dazu eine sehr feinfühlig ansprechende Lenkung mit Servounterstützung waren eine mehr als logische Ergänzung dafür.

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