Big Red 300

Zeitreise im 300er Chrysler

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Bei Chrysler gab es von 1955 bis 1962 – und dann ab 1971 wieder – jedes Jahr in alphabetischer Reihenfolge einen anderen Buchstaben hinter der Modellbezeichnung. Leser Enno S. fehlt so ein Buchstabe – Grund genug, mit seinem extrem seltenen 300 2-Door Convertible zurück zu dem Ort zu fahren, wo er das Alphabet erlernte

Das flache rote Auto ist ein Fremdling in der beschaulichen Kulisse von Plön, Schleswig-Holstein. Der Herbst hat sich über den Schlossberg gelegt und bedeckt mit trockenen Blättern die Kleinstadtidylle. Man fährt VW Passat, 5er-BMW oder E-Klasse in gedeckten Farben. Die Welt ist einigermaßen in Ordnung, solange das Abendbrot rechtzeitig auf dem Tisch steht.

Rebell auf konservativem Terrain

Der langsam den Berg hoch kriechende amerikanische „Three Hundred“, ein Chrysler 300 Convertible, wirkt deshalb hier ein wenig deplatziert. Er ist riesengroß, laut, bunt und in jeder Hinsicht unvernünftig. Kurz: Er passt zu Enno S. Der Projektentwickler im Immobilienbereich baut eigentlich schöne Häuser in der Innenstadt von Hamburg und ist schon längst dem Backsteinklinker der Holsteinischen Schweiz entwachsen. Aber heute kehrt der Mann, der seinen Nachnamen für sich behalten will, zurück an den Ort, wo seine Sozialisierung begann, bevor er erwachsen wurde: ins Plöner Internat.

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Internatsleben bedeutete, das damalige Internat Schloss Plön mit 160 mehr oder weniger wilden Menschen zu teilen, sich anzupassen oder die richtigen Lücken zu finden. Gewohnt wurde im Schloss, unterrichtet im fußläufig erreichbaren, altehrwürdigen Gymnasium unten am See. Ein fest vorgegebener beaufsichtigter Tagesablauf, streng getrennt von den Mädchen drüben im zierlichen Prinzenhaus, und immer mit dem Leistungsdruck des zu erreichenden Abiturs 1990 im Nacken.

Vielleicht waren es diese engen Schubladen, die Enno schon immer zu Autos greifen ließen, die eine Seele haben. Sein erstes Auto noch während der Schulzeit war ein BMW 1602, der wohl die Liebe zu langen Motorhauben verursachte. Es folgte ein Mercedes W123, danach nur noch Firmenwagen wie Golf IV und 3er BMW (er nennt es „Neuwagengekröse“). Fünf Jahre nacheinander trieb er sich auf den Street Nats in Hamburg herum und war begeistert von der Kraft, der Größe und der Lautstärke der alten Dinosaurier – irgendwie musste es nun endlich mal ein Ami sein.

Die bei norddeutschen Querdenkern begehrten Klassiker Dodge Challenger und Charger Baujahr 1968/69 rangierten preislich schon an der Oberkante und schossen über den Orbit hinaus, als der Wunsch seiner lieben Ehefrau auf den Plan kam, es möge doch – wenn überhaupt – bitte ein Cabrio werden. Enno rückte also den Focus auf ein Mopar-Fullsize-Car und verliebte sich immer mehr in den seltenen 300.
Mit dem C-300 warf Chrysler 1955 sein leistungsstärkstes Modell mit dem schweren „New Yorker“ als Basis auf den Markt. Der Hemi-V8 entwickelte die namensgebenden 300 PS und war das stärkste amerikanische Serienfahrzeug der damaligen Zeit.

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