Brazzeln als Lebenszweck

Großes Event im Technik Museum Speyer

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Wer erleben will, wie Männer beim Präsentieren von alten, starken und 
teilweise so sinnlosen wie unterhaltsamen Vehikeln mit bis zu 8.000 PS wieder zu staunenden kleinen Jungs werden, muss zum „Brazzeltag“ nach Speyer. Das jährliche automobile Spektakel erinnert an moderne Ritterspiele

Der Duden zuckt bedauernd mit den Seiten. Wikipedia stöbert vergeblich in seinen digitalen Speichern, und selbst das Synonyme-Woxikon fragt höchstens, ob man vielleicht „bröseln“, „bröckeln“ oder „berieseln“ meint…

Nein, wir meinen „brazzeln“. Gut möglich, dass das „bröseln“, „bröckeln“ und „berieseln“ beinhaltet, denn was einmal im Jahr im Mai zwei Tage lang am Oberrhein durch die Menschenmassen brazzelt, verliert zum Beispiel wegen hohem Alters, schlechter Wartung oder auch nur so schon mal gerne kleine Teile, Rost oder Flüssigkeiten. Aber wenn es nicht so wäre, würden sie ja auch nicht brazzeln.

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„Brazzeln“ ist aber auch ein Sound. Wenn Treibstoff unregelmäßig verbrennt, wenn fette Auspufftöpfe nur die wildesten Bass-Explosionen dämpfen, wenn Motoren mit Geräuschen arbeiten, die der junge Zeitgenosse in seiner Playstation niemals kennen lernen wird.

Und „brazzeln“ ist ein anderes Wort für „automobilen Spaß“. Denn was brazzelt, zeigt dem TÜV sein unzulassungsfähiges Heck, rasselt der Dekra einen mit seinen (Antriebs-)Ketten vor und faucht in die Welt, was Brazzler im Allgemeinen von der Technischen Überwachung halten.

Dafür lädt das Technikmuseum Speyer als Brazzel-Gastgeber alles in den alten rheinland-pfälzischen 50.000-Seelen-Ort ein, was brazzeln kann: Automobile, Motorräder, Traktoren, Lkw, Busse und selbst das, was sich nicht in eine Kategorie pressen lässt – Hauptsache Baujahr vor 1975. Klar, dass jeder kommt, der seinen Eigenbau sonst nirgends fahren kann, dessen Vehikel einfach nur Angst einflößt oder dessen mobile Idee von einer Musterzulassung noch weiter entfernt ist als eine moderne Mittelklasse-Limousine von Faszination. Entertainment ist das Zauberwort, laut, spektakulär, dreckig, stinkig – also all das, von dem der durchschnittliche beschlipste Manager bei langweiligen Sitzungen träumt.

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Chris Williams at his best: Wenn der Brite seinen Mavis fliegen lässt, brennen nicht nur die Strohballen.

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Brutus jagt über die Brazzelstrecke – und die Beifahrerin hat sichtlich Spaß

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TRÄUME WAGEN überall: Der Verlags-Mach 1 ist selbstverständlich auch dabei

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Heißer Event: Einige Fahrzeuge von Brazzeltag-Teilnehmern suchen Schutz vor der Sonne unter dem Flügel des kanadischen Löschflugzeugs

Logisch, dass das Technikmuseum zur Freude von Mitarbeitern und Publikum an dem Tag auch viele Exponate aus der eigenen Sammlung anfeuert – der Gedanke, dass es den Brazzeltag sogar hauptsächlich deswegen gibt, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Egal: Die Maschinen schnauben, stöhnen, ächzen, rauchen und – na klar – brazzeln. Bis es die Zuschauer auch tun.

Und dazu werden sie ständig angefeuert – zum Beispiel vom Seenotrettungskreuzer John T. Essberger. Der steht zwar auf dem Festland, aber das hält ihn nicht ab, ordentlichen Druck aufs Nebelhorn auszuüben und damit die Region wachzurütteln. Schließlich ist „Brazzeln“ nur einmal im Jahr und ein noch recht junger Event: Diesmal war es das dritte Mal. Und klotzen statt kleckern hilft: So ein Rumgebrazzel bringt mehr als 10.000 Menschen auf die Beine. Was das Publikum zu sehen bekommt, muss sich nur vor Gutachtern verstecken: Da ist natürlich „Brutus“, der museumseigene Platzhirsch. „Brutus“ wird von einem 47-Liter-12-Zylinder-Flugmotor von BMW mit 550 PS Dauerleistung und 750 PS Spitzenleistung angetrieben, das Ketten-angetriebene Chassis ist von 1907. Die Flammen aus seinem Motor haben schon so manches Würstchen gegrillt (siehe TW Heft 4/2014).

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