Bungartens Ford Thunderbird – T-Bird meets Classic-Star

Der Mann ist nicht nur einer der besten deutschen Klassik-Gitarristen, sondern er hat auch noch ein Faible für besondere Autos: Frank Bungarten und sein 66er Ford Thunderbird sind unzertrennlich. Grund genug für Träume Wagen, beide zu besuchen

Schrauben darf er nicht. Könnte ja sein, dass er sich dabei in die Finger schneidet – das wäre eine Katastrophe. Denn normalerweise fliegen seine Hände über Bünde und Saiten einer Gitarre in einer Präzision und Emotionalität, die ihm nicht nur zwei Echos (Klassik-Musikpreise 2005 und 2011) eingebracht haben, sondern auch eine Professur für Musik in Luzern und eine an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Bis vor kurzem spulte er 50.000 Kilometer pro Jahr im Auto ab, seit 2011 sind es etwas weniger: Er lehrt nun “nur noch” in Hannover.

Wer jetzt glaubt, Bungarten setzt sich in den Fond eines deutschen Oberklasseautos, um sich bei Bach und Beethoven zum nächsten Event kutschieren zu lassen, irrt in jeder Beziehung. Am liebsten klettert er nämlich hinters Lenkrad seines 66er Ford Thunderbird Town Coupé und genießt den blubbernden Sound, der aus dem Auspuff quillt. Vielleicht mal unterbrochen von einer homöopathischen Dosis Heavy Metal aus dem CD-Player – “aber eigentlich lausche ich gar keiner Musik. Da würde ich viel zu viel hinhören…”

Der schwarze Donnervogel ist das bisherige Endergebnis eines restlos unsteten Autofahrer- und  -besitzerlebens.

Bungarten, 1958 in Köln geboren, erbte die autoaffinen Gene vom Großvater. Der war Chauffeur, Schrauber und Kfz-Mechaniker für Lastwagen. Sein Vater schlug dagegen die Beamtenlaufbahn ein und fuhr VW 1500 S, obwohl er lieber einen Mercedes besessen hätte. Bungarten: “Ich fand bereits im Alter von sechs Jahren so eine falsche Bescheidenheit scheiße und beschloss, erst dann den Führerschein zu machen, wenn ich mir ein ordentliches Auto leisten könnte.”

Die dunkle Macht

Spielerei: Infos unterm Dach und ein scheinbar schwebender Innenspiegel

Cockpit: Das Design kann man auch im Stand genießen

Die Instrumente sind nicht gut abzulesen, werden aber nie langweilig

Uhr? So etwas hat dieses zeitlose Auto fast nicht nötig…

Sogar Einstiegsleisten spendierte Ford dem Donnervogel

Als es soweit war, zählte er bereits 28 Lenze – auch wenn er sich schon lange vorher einen Mercedes 230.6 zulegte und durch seine damalige Wohngegend in Dithmarschen kurvte (“ein R4 als Studentenkarre war nie mein Ding…”). Dem Führerschein folgte sogleich ein Jaguar XJ12 Serie II – “jede Woche ein Werkstatttermin, sämtliche Flüssigkeiten liefen ständig überall heraus, und dann beendete ein Unfall die Freundschaft.” Das nächste Auto: ein XJ12 Serie III.

Es folgten Mercedes 380 SLC, Corvette C4 (“Das sah schon komisch aus, als der Interpret mit der Vette vor dem Konzerthaus hielt…”), begleitet von Kilometerfressern wie BMW 750er, gefolgt von einer Audi-Zeit mit A8 und TT, abgelöst von der BMW-Phase mit M3 (E36) und M5 (E39). Bungarten: “Aber plötzlich fand ich das alles sinnlos: Solche Autos sind zu aseptisch, zu perfekt. Nachdem ich einmal einen Lotus Seven fahren konnte, hatte ich keine Lust mehr auf so ein Konsumverhalten…” Das Ergebnis: Ein TVR Tamora Speed Six, “für den ich viermal in Großbritannien war und letztlich 23.000 Pfund bezahlt habe.”  Doch irgendwann hatte er auch keinen Bock mehr, ein Handtuch über den massiven Aluminiumschaltknüppel zu legen, um sich nicht dauernd die Hand zu verbrennen – wie es in TVR so üblich ist. “Da dachte ich dann über einen Mustang nach – aber im Internet lief mir der T-Bird über den Weg…”

Auch kein schlechter Platz: gut geschützt Im Fond

Wo man auch immer hinsieht, das Thunderbird-Signet ist allgegenwärtig

Prägnant, aber nicht aufdringlich: die Thunderbird-Front

Schön, schwarz und am Heck ausgestattet mit sequenziellen Blinkern, die von innen nach außen leuchten und deren Elektromotoren jammern, als würde ein Laie mit kaputtem Bogen auf einer ungestimmten Geige spielen – Bungarten war fasziniert. “Und dann habe ich den Wagen in Amerika für 6.000 Dollar ohne Besichtigung gekauft – genau so ein Risikoding, das man normalerweise nicht machen sollte.” Die Folge: Der Vogel flog, aber doch ein wenig flügellahm. “Er war zwar Rost-los, aber er war nicht ok. Ich wollte ihn zuerst als Ratte fahren, aber eigentlich ist das Auto doch ein Luxuscoupé – das hätte einfach nicht zusammen gepasst.”

So fand er in “Classic Speedshop” in Hannover den richtigen Partner, um den Thunderbird nach seinem Geschmack aufzuarbeiten. Die Speedies ersetzten den eingebauten 428er Big Block gegen einen 429er Thunderjet-Block mit den originalen Performance-Fächerkrümmen, gestroked auf 521 cui Hubraum. Speedshop-Chef Hjalmar Schreiber setzte Schmiedekolben, -pleuel und -kurbelwelle ein, spendierte Edelbrock-Aluzylinderköpfe, eine Edelbrock- Ansaugbrücke, Holley 750 Vakuum-Vergaser, MSD-Zündung und ein Ford-C6-Getriebe. Das Ergebnis: Irgendwas zwischen 500 und 550 PS – genug, um gemeinsam mit den zu engen Auspuffrohren die Hannoveraner von den heimischen Sofas zu donnern. Die Billet-Custom-Felgen hat Bungarten selbst im Internet gesucht und gefunden, wozu allerdings das Blech der Thunderbird-Radkästen gebördelt werden musste. Denn sonst hätten die Scheibenbremsen, mit denen der 66er ausgerüstet ist, nicht gepasst.

Blinker-Show: Die Lichter sind seriell geschaltet

Die Doppelscheinwerfer liegen geschützt in ihrer Design-Höhle

Sauber überarbeitet, leicht gestärkt: der V8 von Bungartens Thunderbird. Die meisten anderen sichtbaren Teile sind original

Ganz serienmäßig glänzt der Ford mit verspieltem Luxus. Innen demonstriert das ein Cockpit, an dem man sich nicht satt sehen kann.

Die Zeitschrift “Car Live” schrieb damals zur Vorstellung: “…ausreichend, um Jungs jeden Alters zu beschäftigen…” Es gibt Warnlichter für die Bauchgurte, elektrisch dreifach verstellbare Sitze und eine abgeschirmte Rücksitzbank. Denn als Town Coupé besitzen die superbreiten C-Säulen keine Fensterlöcher – schön kuschelig. Und der T-Bird glänzt als erstes US-Auto mit dem “Silent-Flow-?Ventilationssystem”. Das sorgt dafür, dass das Auto selbst bei geschlossenen Fenstern genug belüftet wird. Dazu wird ein Hebel in der Mittelkonsole betätigt, der über einen Unterdruckmechanismus den Lüftungsschlitz unterhalb der Heckscheibe öffnet.

Mit dem Thunderbird hat sich Ford bereits 1955 ein erfolgreiches Ei ins Nest gelegt. Im ersten Jahr produzierte Ford 16.155 Stück. 1966, also dem Baujahr von Bungartens Black Beauty, waren es 69.178 Stück. 1978 war das Konzept zwar bereits mächtig verwässert, trotzdem verkaufte Ford vom Thunderbird in diesem Rekordjahr 324.192 Stück.  1997 verabschiedete sich Ford vom Donnervogel, die kurze Wiedergeburt mit einem kleinen Zweisitzer im Jahr 2002 war nicht von langer Dauer.Auch wenn Bungarten bislang eher sprunghaft war, was die Wahl des Autos angeht, scheint der Lehrer von mehr als 100 Meisterkursen diesem Thunderbird mal wirklich treu zu bleiben. Kein Wunder: Heute ruht der Musiker viel mehr in sich selbst. Und braucht deswegen nicht mal Handy, Fernseher, Radio.

Ford Thunderbird Town Coupé
Motor: V8, 429er Thunderjet Block, auf 521 cui gestroked (urspr. 428 cui, 345 SAE-PS)
Leistung: zwischen 500 und 550 PS
Verdichtung: 9,8:1
Getriebe: Ford C6 Dreigang-Automatik
Fahrwerk: vorne: doppelte Dreieckslenker, Schrauben-federn;
hinten: Starrachse, Blattfedern
Bremsen: vorne Scheiben, hinten Trommeln
Gewicht: 1.981 Kilo
Radstand: 2.875 mm
Höchstgeschwindigkeit: 193 km/h (mit 428 cui)
Beschleunigung: 9,0 s (mit 428 cui)
Stückzahl: 15.633
Preis 1966: 4.483,- Dollar
Wert heute: ca. 60.000,- Euro
Bilder: Oliver Franke

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