Das schwarze Biest

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Pferdeliebhaber dürfen sich freuen. Die Population der in den USA wild 
lebenden Mustangs hat sich in den letzten Jahren deutlich erholt. Inzwischen kann man dank anhaltender Retrowelle auch in Europa immer öfter Artgenossen auf freien Asphaltbahnen – vereinzelt sogar eigene Custom-Zuchtlinien – entdecken

Der Kult um die 1964 aufgelegte Ford-Baureihe grassiert in den USA bereits seit Jahrzehnten. In den Top-Ten der US-amerikanischen Traumautocharts hat der 1967er Mustang Fastback längst einen Stammplatz abonniert. Hauptrollen in Filmen wie „Bullitt“ oder „Gone in 60 Seconds“ und eine bemerkenswerte Individualisierbarkeit ab Werk trugen in erheblichem Maße zur Legendenbildung bei. Kein anderes US-Car erfuhr bis heute in Minuten hochgerechnet eine derart große Filmpräsenz.

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Eyecatcher: schwarz, stark und böse kauert das 67er Fastback über der Straße

Cool wie Steve McQueen

Man muss nicht cool wie Steve McQueen sein, um am Style und der klaren Linienführung des lässigen Klassikers mit dem harmonischen Fastbackschwung Gefallen zu finden. Hamburg hat zwar keine Golden Gate Bridge, aber über die Köhlbrandbrücke in den Sonnenuntergang zu rollen macht auch mächtig Laune. Deshalb cruisen wir im Custom-Car am Wochenende die Elbe entlang, vorbei an den riesigen menschenleeren Hafenanlagen und vielleicht weiter in Richtung Obstanbaugebiet „Altes Land“. Autos vom Schlage eines Mustang haben eben ein einnehmendes Wesen. Mal kurz die Probefahrt um den Block machen geht mit ihnen nicht. Schnell wird die Ausfallstraße zum Highwayersatz, bei offenem Fenster mit der Coke in der Hand vereinen sich wohliges V8-Blubbern und der immer wieder großartige Sound von Johnny Cash.

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Kraftraum: amerikanische Motorenbaukunst mit viel Hubraum und noch mehr Drehmoment kennzeichnet die Kernkompetenzen des verbauten Ford Stroker-Motors
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Massive Verstärkungen, eine vollsequentielle Schaltung und die stark modifizierte Hinterachse sind ein Tribut an die Fahrbarkeit der schwarzen Höllenmaschine
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Gewaltiges Potenzial

Carroll Shelby machte mit dem GT 500 einst vor, welch gewaltiges Potential unter der Hülle des zahmen Ponycars schlummerte. Seine Jünger eiferten dem Meister nach und optimierten ihre Fahrzeuge
immer weiter.
Der jüngste Neuaufbau der Hamburger Custom-Schmiede Westside-Cars ist ein Musterbeispiel dafür, was mit heute beinahe 50 Jahre alten Mustang-Modellen der ersten Baureihe möglich ist, wenn absolute Perfektion verlangt wird und Geld keine Rolle spielt.
Innerhalb von 18 Monaten nach Kundenwünschen neu aufgebaut, beeindruckt die Frame-off-Restauration durch ihre Konsequenz. Vollständig zerlegt bis auf das letzte Kleinteil und restauriert entstand unter der Regie der Hamburger Spezialwerkstatt in monatelanger Tüftelarbeit ein Supercar der etwas anderen Art. Das Fahrzeug sollte nicht nur in den Neuzustand versetzt werden, sondern später qualitativ und fahrdynamisch keine oldtimertypischen Kompromisse machen.
Im ersten Schritt wurde der 67er S-Code-Mustang komplett zerlegt und entlackt, die Blecharbeiten wurden penibel mit Zinn statt Spachtel durchgeführt. Keine Partie der von der Substanz her eigentlich sehr ordentlichen Basis blieb unangetastet. Dort wo sich Rost fand wurde er fachmännisch entfernt oder durch Blechteilersatz ausgermerzt. Behutsames Ausbeulen gehörte ebenso dazu. Natürlich wurde das zeit- und arbeitsaufwändige Prozedere für wirklich alle Partien – also auch die später unsichtbaren – angewandt. Dachkanten, Unterboden, Koffer-, Motor-, Innenraum: jede Karosseriekante wurde sandgestrahlt und direkt danach mit Rostschutz konserviert, Falzkanten neu abgedichtet.
Unendlich viel Arbeit steckt besonders in den Details, die am Ende das perfekte Fahrzeugfinish ausmachen. Alle verwendeten Schrauben, Federn und Klemmen und Schließvorrichtungen: chromatiert oder verzinkt. Die Idee, europäische Maßstäbe für die Spaltmaße von Türen und Anbauteile des alten Mustang anzuwenden, war der Wahnsinn. Er bedeutete wochenlanges Feintuning, denn die Ford-Werker in Michigan sahen das Thema Verarbeitung in den Sechzigern serienmäßig locker.

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Besser als neu: das Interieur zelebriert den Mustang-Charme vergangener Tage und profitiert dennoch von Errungenschaften der Moderne

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1.260 Newtonmeter Drehmoment

Wenn ein Erlebnis für alle Mühen entschädigen kann, dann ist es der Ritt im schwarzen Mustang. Er ist ein Sleepercar allererster Güte. Unter seiner klassischen Hülle im Bullitt-Stil wartet ein böses 500-PS-Monster darauf, von der Kette gelassen zu werden. Unglaubliche 1.260 Newtonmeter wuchtet der Ford-Stroker-Motor laut Prüfstand maximal auf die Kurbelwelle. Das Herzstück ist ein auf 408cui vergrößerter 351er-Block, ein 750er Holley-Vergaser versorgt das uramerikanische Kraftwerk mit Kraftstoff. Das Ergebnis reicht aus, um an der verstärkten TCI-4Link-Hinterachse beliebig viel Gummi in Rauch und Wärme zu verwandeln oder wahlweise lange schwarze Streifen auf den Asphalt zu zaubern.
Bis dies jedoch endlich soweit war, mussten die Westsider viel Recherche und Entwicklungsarbeit leisten. Die Erbauer selbst sprechen von einer „Prototypengeschichte“. Jetzt schaltet der Mustang wie im Motorsport vollsequentiell, aber auch Bremsen, Reifen und Fahrwerk sind dem heftigen Performance-Paket angepasst. Vorder- und Hinterachse wurden wie das Chassis massiv verstärkt. Achse Nummer zwei trägt am Neun-Zoll-Achskörper sogar einzelne Federdämpfer-Einheiten. Rundum greift eine üppig dimensionierte Scheibenbremsanlage unerbittlich zu, stilechte „American Racing Wheels“ von Torq-Trust mit polierten Betten im Sechzehn-Zoll-Format liefern die passende Größe und den stimmigen Look. Um auch bei den in Deutschland
möglichen Autobahngeschwindigkeiten stets Herr der Lage zu sein, wurde trotz der selbstbeschränkten Höchstgeschwindigkeit von 210 Kilometer pro Stunde die Lenkung auf eine direkter ansprechende, servounterstützte Zahnstangenvariante umgebaut.

Das Fahrerlebnis lässt sich mit wenigen Worten beschreiben: brachial und ehrlich. Oder unbeschreiblich herrlich. Steve McQueen mag ein verdammt cooler Hund gewesen sein, doch den besseren 67er Mustang dürfen wir dank viel Know-how und Perfektionswillen hier und heute im guten alten Europa genießen.

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Stolzer Erbauer: Jens Wolfram, Geschäftsführer von westside.cars, ist zu Recht stolz auf das Einzelstück, das auf Kundenwunsch in seiner Werkstatt entstand
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Schöner endet kein anderer Mustang: sanft ausklingendes Fastback-Heck
TECHNISCHE DATEN
Ford Mustang Fastback (S-Code)
Baujahr: 1967, 2015 (kmpl. Neuaufbau)
Motor: V8
Hubraum: 6.686  cm3 (408 cui)
Leistung: 368 kW (500 PS)
Max. Drehmoment: 1.260 Nm
Getriebe: vollsequent. Sechsgangschalter
Antrieb: Hinterachse
Maße:  4.663/1.801/1.311 mm (L/B/H)
Gewicht: 1.244 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 5,0 Sek.
Top-Speed: 210 km/h (begrenzt)
Preis/Wert: unverkäufliches Einzelstück

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