Der Morgan stirbt nie

Morgan 3 Wheeler

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Zum 100. Geburtstag der Morgan Motor Company hat sich die kleine britische Familien-Firma ein Vehikel gegönnt, das an die Anfänge der Erfolgsgeschichte im Jahr 1909 erinnert: den 3 Wheeler. Allerdings macht das Dreirad auch erlebbar, wie Fahren ohne Komfort, Platz und Elektronik funktioniert. Kurz: Lange nicht mehr so viel Spaß gehabt. Auch wenn man kräftig Lehrgeld bezahlt

Plötzlich ein Kantholz auf der Fahrbahn? Ha, lächerlich. Mit einigermaßen guten Reflexen nimmt man das Teil erst vorne zwischen die Räder und dann hinten…. S C H E I S S E E E E E….!!!!!

Das mittige 17-Zoll-Rad mit dem 175er Reifen knallt voll auf das blöde Stück Holz, das Heck hüpft bei etwa 90 km/h in die Luft. Was für ein Glück, dass vorne die Spur so breit ist – das Heck setzt wieder auf der Fahrbahn auf, ohne dass der Morgan unruhig wird. Lehre Nummer 1: Ein Dreirad ist kein Vierrad.

Das klingt banal. Aber wenn man ganz normal mit diesem Auto umgeht… – wieder falsch: Mit diesem Morgan, der schlicht „3 Wheeler“ heißt, kann man gar nicht normal umgehen. Schon die Existenz des gesamten Auto-Portfolios, wenn nicht auch die der ganzen Firma Morgan ist anachronistisch. Morgan ist nicht nur der älteste und größte englische Autohersteller in englischer Hand, sondern auch noch der einzige, der wie vor Jahrzehnten Eschenrahmen unter die Karosseriepaneele baut. Und vor kurzem haben die auch noch ein Auto gebracht, dessen Vorgänger im Jahre 1909 entwickelt wurde. Lehre Nummer 2: Die spinnen, die Briten.

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Mehr Show geht nicht – der Morgan 3 Wheeler trägt seinen Zweizylinder-Motor am rechten Fleck, nämlich ungeschützt vorne

 

Aber ihr Spleen ist so genial, dass selbst der gestrenge deutsche TÜV den Daumen gehoben hat – auch wenn zwei wilde Sidepipes um Respekt buhlen, die beiden Vorderräder einsamer im Wind stehen als die fetten Pneus von Formel-1-Rennern, der Blinker sich nicht von selbst zurückstellt, der Sound aus den verchromten Ofenrohren klingt, als würden Harley und Davidson um die Wette das R rollen und die Kopfstütze ein ungepolsterter Überrollbügel ist. Lehre Nummer 3: Morgan ist, wenn er trotzdem fahren darf.

Es war wahrscheinlich eine Menge Ale im Spiel, als die bei Morgan beschlossen, Großvaters Mega-Erfolg mit modernen Mitteln nachzubauen. H.F.S. Morgan mischte mit einer erstaunlich simplen Konstruktion den Cycle-Car-Markt Anfang des vergangenen Jahrhunderts auf (siehe Kasten) – und eine scheinbar simple Konstruktion ist es auch heute wieder. Gitterrohrrahmen, die besagten Holzrahmen für Alupaneele, ein 82 PS starker Zweiliter-Zweizylinder von S&S (wo niemand anderer dahinter steckt als Harley-Davidson), das Getriebe mit den kurzen Schaltwegen vom Spaßroadster Mazda MX5, ein Riemenantrieb zum so gut wie unsichtbaren 175er Pneu hinten, zwei Instrumente für die wichtigsten Infos, vier Kippschalter (Licht, Nebellampe, Warnblinker und Hupe), ein Starterknopf, ein abnehmbares Lenkrad, zwei Gurte, zwei Sitzschalen, fertig. Das Konglomerat aus Purismus und Verzicht wiegt gerade mal 525 Kilo und verspricht Spaß, blaue Flecken und ein absterbendes linkes Bein. Lehre Nummer 4: Ein Morgan ist ist auch immer ein Masochist.

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Jetzt aber endlich hinein in die Zigarre aus Malvern Link, die uns Lutz Leberfinger vom Morgan-Park bei Hamburg zur Verfügung stellt. Apropos link: Elegant wirkt die Besteigung des 3 Wheeler erst nach dem vielleicht 20. Mal. Man kann das abnehmbare Lenkrad auch montiert lassen, denn man muss sowieso von oben in das dachlose Vehikel hineinrutschen. Das hat den Nachteil, dass sich die Klamotten über den Nieren ständig nach oben verschieben und man recht ungeschützt auf dem Kunstleder klebt. Egal, Wärme wird sowieso überbewertet. Genauso wie das Angurten. Im Halbrund des Morgan muss man den Gurt von rechts nach links ziehen, was nicht weiter schlimm wäre, säße man nicht aus lauter Platzmangel meistens direkt auf dem Gurtschloss. So muss man sich mit dem voll gelängten Gurt halbwegs wieder aufraffen, per Wahrscheinlichkeitsrechnung die Gurtschnalle einrasten lassen und sich nicht wundern, dass der Rücken mit noch weniger Textilien auskommen muss.

Dann können wir endlich den Motor starten. Der ist erst 380 Kilometer gelaufen und darf deshalb nicht über 3.800 Touren (von rund 5.000 möglichen) gedreht werden. Wir sind froh, wenn er überhaupt dreht: Eine pure Ewigkeit scheint die Prozedur zu dauern, der Anlasser nudelt und nudelt und nudelt. Nach einer gefühlten Minute poltert der Motor protestierend los, die Erweckung schmeckt ihm nicht wirklich. Und klingt vorne, als würde ein Kochtopf mit Filzschlegeln bearbeitet werden. Die Auspuffenden spotzen dagegen wie ein Dieselkutter, der Benzin frisst. Jetzt noch die Beine sortieren in der Pedalhöhle, Mütze auf, Pilotenbrille auf, fertig. Lehre Nummer 5: Der Schritt vom Alltagsauto in einen Morgan 3 Wheeler ist wie der vom Golfplatz in den Jurassic Park. Oder anders ausgedrückt: Mann kann sich plötzlich wieder vorstellen, Sex zu haben…

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Mehr braucht kein Mensch – zwei Rundinstrumente, dazwischen der Starterknopf, …

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… darunter vier Kippschalter – das ist Ergonomie auf englisch

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Eine Sidepipe wie ein Ofenrohr und ein Auftritt wie ein Großer. Mit dem angetriebenen fetten Hinterrad lässt es sich bestens driften

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