Der Sonne entgegen

Endlich: Das Wetter lädt ein zum Ritt in einer luftgekühlten Vollkommenheit: dem Porsche 964 als Cabrio. Dank reichlich Frischluft für Motor und Insassen werden Ausflüge mit dem Nachfolger des 911-G-Modells zu einem unvergesslichen Erlebnis

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Der Sommer rückt näher, die Tage werden länger und Sie besitzen noch kein klassisches Cabrio? Wir hätten da eine Idee – ein wunderbarer Youngtimer aus Zuffenhausen. Ende der achtziger Jahre lief der Neunelfer der Generation 964 frisch vom Band, und bei Fans der Traditionsmarke steht die genau 63.762 Mal gebaute Baureihe trotz der komplett in Wagenfarbe lackierten, rundlich gestalteten Stoßfänger und des durchgehenden Leuchtenbands bereits seit einigen Jahren als Klassiker hoch im Kurs. Der Grund ist simpel: Die zum 25. Elfer-Geburtstag präsentierte Linie betörte letztmalig mit der Kombination aus klassischem Design mit stehenden Frontscheinwerfern und rasselndem Luftboxersound. So etwas soll es nach dem Produktionsende 1994 in dieser Form bis heute nie wieder geben.

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Die damalige Werbung würdigte die Qualitäten des neuen 964 mit einem Augenzwinkern: „Sie können länger frühstücken. Sie sind früher zum Abendessen zurück. Gibt es ein besseres Familienauto?“

Rasante Landpartie

Unser Fotomodell Cathy schätzt bei der ersten Ausfahrt aufs Land neben der brillanten Fahrwerksbalance die kompakten Außenabmessungen und das prägnante Bedienkonzept mit fünf Rundinstrumenten und stehender Pedalerie. Dank des automatisierten Verdecks aus Sonnenlandstoff hat der Elfer einen weiteren, ultimativen Trumpf auf seiner Seite: 
Sonnenanbeter kommen an Bord des schnörkellosen 2plus2-Sitzers binnen weniger Sekunden voll auf Ihre Kosten. Die Hydraulik öffnet per Tastendruck links neben der Lenksäule das Dach und legt es akkurat hinter den Notsitzen zusammen. Die manuelle Persenningmontage ist da schon problematischer, aber dann steht dem ungefilterten Fahrvergnügen nichts mehr im Wege. Sich nur durch die gewölbte Windschutzscheibe und zwei kleinen Dreiecksfenstern geschützt den bei hohem Tempo bisweilen kräftigen Sturmböen auszusetzen und dabei der Soundkulisse des röhrenden Sixpacks zu lauschen – das ist ein Erlebnis mit erhöhtem Suchtpotenzial.

Ein mondänes 964 Carrera Cabriolet steht übrigens nicht nur unserer 
blonden Hanseatin erstklassig, sondern macht auch unter der Haube eine tolle Figur: Mit dem damals neu entwickelten, 250 PS starken 3,6-Liter-Boxermotor mit Doppelzündung und Klopfregelung ist die offene Version (genauso wie das Coupémodell) ein kompromissloser Heckmotorsportwagen und bietet imposante Fahrleistungen. Das Fünfganggetriebe ist dabei deutlich dynamischer und passender als die damals neu eingeführte, subjektiv etwas zugeschnürt agierende, aufpreispflichtige Tiptronic. Denn in nur 5,7 Sekunden ist der Standardsprint auf Tempo 100 erledigt, erst bei 260 Kilometern der Topspeed erreicht.

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Der neu entwickelte 250 PS starke 3,6-Liter-Boxer verfügt über Doppelzündung und Klopf-regelung und beschleunigt den Beau in nur 5,7 Sekunden auf 100 Sachen. Für eine bessere Straßenlage fährt der normalerweise unsichtbare Heckspoiler ab Tempo 80 automatisiert nach oben

Interessante Widersprüche

Gemeinsam wollen wir statt motorischer Höchstleistungen lieber die für das Modell so charakteristische Gradwanderung nachvollziehen. Der 964 ist ein interessantes Auto voller Widersprüche, denn mit ihm verbinden wir aus heutiger Sicht die Schnittstelle puristischer Klassik und luxuriöser Moderne. Porsche bewahrte Luftkühlung und Designkonzept, rühmte sich damals aber gleichzeitig damit, 80 Prozent aller Teile gegenüber dem Vorgänger erneuert zu haben. In der Tat zündete man ein buntes Technikfeuerwerk. Zusätzlich zu einer neuen Bodengruppe mit McPherson-Radaufhängung und Schraubenfedern bot der aerodynamisch stark optimierte Nachfolger des legendären G-Modells serienmäßig Dinge wie ABS, Servolenkung und ab Februar 1990 ein etwas klobig anmutendes Fullsize-Airbaglenkrad.
In den Heckdeckel zog serienmäßig ein normalerweise unsichtbarer Heckspoiler ein, der aus aerodynamischen Gründen oberhalb von 80 Kilometern pro Stunde automatisiert, oder aber auch just for show vor der Eisdiele per Knopfdruck ausfährt. Weitere Zusatzausstattungen wie eine Klimaanlage, elektrische Ledersitze, ein Soundsystem mit CD-Player oder der erstmals lieferbare permanente Allradantrieb des Carrera 4 wurden von der zahlungskräftigen Neuwagenklientel natürlich gerne on top geordert und sind heute auf Klassikerbörsen stark nachgefragte Gimmicks.

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So lieben wir ihn: ein klassischer Elfer-Innenraum, aufgeräumt wie ein schwäbischer Haushalt. Gradlinig, ergonomisch, nah an der Perfektion

Hohe Nachfrage

Da der Markt in Europa leer gekauft ist, finden sich in deutschen Garagen heute zunehmend Spätheimkehrer: Feinheiten wie kleine Gummibumper zwischen Nebelscheinwerfer und Blinker, eine markant aufgesetzte dritte Bremsleuchte oder der in Meilen skalierte Tacho verraten Kennern auf den ersten Blick das Natur belassene Exportmodell: Seinen ersten Lebensabschnitt verbrachte Cathys Foto-964 in Übersee, genauer im Sonnenstaat Kalifornien. Trotzdem ist bei dem im Juni 1992 ausgelieferten Cabriolet weder der Lack verbrannt noch das hellgraue Interieur von UV-Strahlen zerstört. Das feine Cobaltblaumetallic der Außenfarbe passt bestens zum hanseatisch-gediegenen Auftritt des gebürtigen Schwaben, seine schnörkellosen 16-Zoll-Aluräder im Cupdesign wirken in der heutigen Zeit wie pures Understatement.

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Wer möchte hier nicht Platz nehmen: Porsche-typisches Bedienkonzept mit fünf Rundinstrumenten und stehender Pedalerie. Ab Februar 1990 zierte das Cockpit ein wenig elegant wirkendes Airbaglenkrad Das Handling des damals verbauten manuellen Fünfganggetriebes war deutlich dynamischer als die damals neu eingeführte aufpreispflichtige Tiptronic.

Fazit

Kein Wunder, dass Cathy vom 964 Cabriolet restlos begeistert ist. In seiner Gesamtwirkung unvergleichlich strahlt gerade das Cabriolet als Vertreter der klassischen 911-Schule trotz des hohen Reifegrades immer auch ewige Jugend aus. Dieser Schlüsselreiz der Heckmotorlegende zieht bei Männern genauso wie bei Frauen.

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Das Verdeck des Cabrios konnte bequem per Hydraulik auf Tastendruck ein- und ausgefahren werden. Nervig allerdings die anschließende händische Montage der Persenning. Gut zu sehen das durchgehende Leuchtenband unterhalb der Motorhaube
TECHNISCHE DATEN
Porsche 911 Carrera 2 Cabrio
Baujahr: 1992
Motor: Sechszylinder-Boxer
Hubraum: 3.600 cm3
Leistung: 250 PS (184 kW) bei 6.100/min
Max. Drehmoment: 310 Nm bei 4.800/min
Getriebe: Fünfgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Heckantrieb
Länge/Breite/Höhe: 4.250/1.652/1.310 mm
Gewicht: 1.450 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 5,7 s
Top-Speed: 260 km/h
Preis: 39.500 Euro

 

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