Die Schneekatze

Jaguar XJ 4.2 Serie II

Wir sind auf der Pirsch durch die Frankfurter Nacht. Das Objekt unserer Begierde ist eine seltene „lenis feles rapax“, zu deutsch: die sanfte Raubkatze. In Gestalt eines späten Jaguar XJ 4.2 der Serie 2 erblicken wir sie, wie sie friedlich schlummernd vor dem Haupteingang des alten McKinsey & Company-Verwaltungsbürogebäudes auf ihren Besitzer wartet

Alles beginnt mit einem „E“. Hinten links zwischen Rückleuchte und Nummernschild zeichnen sich unter dem Jaguar-Schriftzug die zarten Umrisse eines alten Länderkennzeichens ab. Der einsame Buchstabe auf dem Lack erzählt vom ersten Leben der britischen Großkatze: Gut zehn Jahre verbringt sie im sonnigen Süden. Im Jetset-Badeort Marbella dient sie einem deutschen Promi-Gastronom von April 1977 bis 1987 als mondänes Urlaubsauto auf seiner Sommerresidenz.

Cool Britannia: Dieser XJ ist ein stilsicherer Glamour-Gleiter

Clubatmosphäre: Hier finden sich alle Zutaten, die den englischen Autoadel auszeichnen

20 Jahre unter Tage

Es folgt das zweite Leben beim nächsten Besitzer. Via Spedition aus Spanien nach Süddeutschland überführt, beginnen 20 düstere Jahre unter Tage ohne jeden Auslauf. Vergessen in einer Tiefgarage steht sich die Raubkatze im Münchener Untergrund ihre 205/70 VR15-Reifen platt, sieht dabei maximal hin und wieder ein paar Minuten Neonlicht. Unter einer dicken Staubschicht verschwindet der letzte Glanz der feinen Chromteile. Das einst so stolze Geschöpf erlahmt und hofft dennoch still auf seinen Retter.

Fundort Tiefgarage

2009 dann die Annonce im Internet. Katzenfan Jan Altmann stolpert über die eher unscheinbare Offerte. Der Autonarr mag die alten Engländer, schwelgt vom genialen Konzept des Ur-Minis, dem puristischen Roadster MGB, aber auch von exklusiveren Limousinen-Modellen. Und genau in diesem Moment kann er nicht widerstehen, denn sein Retterinstinkt ist geweckt.

Es ist die große Liebe. Sie kommt spontan und schwer zu erklären, vermutlich ausschlaggebend ist die außergewöhnliche Farbkombination: Als kräftigen Kontrast zum puristisch-weißen Äußeren trägt die stolze Katze grün getöntes Colorglas und innen ein herrliches, kräftiges „russet“-Rot auf Ledersitzen und Teppichen. Dass sie nach so langer Zeit nicht gleich bei Kauf anspringen will, wer kann es ihr verübeln? Who cares, kommt in den besten Familien vor.

„Voll porno“ würde man neudeutsch vielleicht zu diesem gewagten Farbenmix sagen. Wir versuchen es lieber frei nach Shakespeare mit „as you like it“ und erfreuen uns an dem in den bayrischen Katakomben perfekt konservierten Zeitgeist.

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