Dodge Polara

Besuch der alten Dame

Falsche Entscheidungen und mutiges, aber erfolgloses Design haften am Dodge Polara wie ein Kaugummi unter dem Hacken. Dabei ist der Wagen ein Meisterstück: unaufdringlich, geräumig, komfortabel, seidenweich. Wir sind mit einem rostfreien Ersthand-Exemplar samt gepflegtem Flair einer alten Dame unterwegs

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Ein Gefühl, als würde man an der Seite der alten Dame, der er mal gehörte, durch die Felder ringsherum schweben. Nein, er ballert nicht ruppig vor sich hin. Läuft er überhaupt schon? Tatsächlich ist dieser Dodge ein Ami, der die Explosionen in seinen acht Töpfen nicht in die Welt pöbelt. Laute Doppelauspuffanlagen sind ja geil, und sie machen Eindruck vor allem in Tunneln, aber das muss nicht jeden Tag sein. Wer mal mit armdicken Sidepipes von Hamburg nach Frankfurt gefahren ist, wird das verstehen – es gibt so einen break-even zwischen Sound und Komfort, zwischen cool und anstrengend, zwischen autofahren und wahnsinnig werden. Der Dodge Polara aber ist wundervoll leise.

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Nachwirkungen des „Space Age“. Alles ein bisschen Rakete, aber dank der entspannten 60er alles ein bisschen dezenter

Der vorn im Polara werkelnde Chrysler LA-V8 mit seinen 318cui pendelt ein bisschen zwischen den Welten der Extremisten.  Für amerikanische Verhältnisse der 60er-Jahre hat der Small Block mit seinen 5.2 Litern grad mal halbwegs die Dimensionen eines Cadillac-Anlassers und wird unter Musclecar-Fans als „zu klein“ bezeichnet. Für deutsche Verhältnisse (und da müssen wir nicht mal zurück in die 60er gehen) hat schon dieser Motor mehr Hubraum als so manch zeitgenössisches Vehikel allein an Kofferraumvolumen vorweisen kann. Sind wir also nicht engstirnig und honorieren, dass dieser bis 2003 gebaute Treibsatz den ihn umgebenden Wagen sehr kommod und zurückhaltend vorantreibt. Ladylike. In einer Eleganz, die auch 50 Jahre später noch begeistert.
Mit dem Häuschen oder dem Auto am Straßenrand zeigt man allgemein, wie man so drauf ist. Wie müssen Dodge-Käufer Anfang der 60er Jahre bloß drauf gewesen sein? Das Schwesterchen Matador wurde eingestellt, und der nun allein herrschende Polara bekam von Virgil Exners Designabteilung die vielleicht gewagteste Überarbeitung dieser Zeit überhaupt. Die Flossen begannen schon an der Heckscheibe und zogen sich nach hinten kleiner werdend bis über das Rücklicht, das seitlich eingelassen war. Das Heck des neuen Polara sah aus, als wenn sich ein Elefant auf einen Alienkopf gesetzt hätte. Kann klappen, muss aber nicht. Die Verkaufszahlen brachen um die Hälfte ein, von diesem GAU verkauften sich nur rund 14.000 Stück – vom kleinen Dart mehr als zehn Mal so viele.

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