Dycke Dinger

Wer in Deutschland auf einem Fleck die wertvollsten, interessantesten und schönsten Klassiker sehen will, kommt an Schloss Dyck nicht vorbei. Die “Classic Days“ bestehen fast nur aus Highlights: von der Präsentation extremer Einzelstücke bis zu Demofahrten auf schmalem Rundkurs

An der Ecke auf die L32 wird’s eng. Rai Lall hat mit dem Bentley Blower von 1930, Karosserienummer AD3666, alle Hände voll zu tun. Während sein Bruder Taj vom Beifahrersitz aus die Tropföler beobachtet und die Regentropfen von den winzigen Scheiben wischt, wuchtet der Londoner Rai den tonnenschweren Riesen um die Ecken der kurzen Rundstrecke. Der mächtige Kompressor am Bug sorgt wegen seines hohen Gewichts für  heftiges Übersteuern – Rai kann das Touchieren der fetten Heuballen nur deshalb verhindern, weil er frühzeitig die nicht sehr zuverlässigen Bremsen betätigt. Sein Papa – Mitglied im noblen Benjafields Racing Club, der nur für ausgewählte Besitzer von Vorkriegs-Bentleys offen ist – wird ihm dankbar sein, denn die Brüder Tall haben sich den wertvollen Engländer nur mal eben geliehen. Schließlich ist Schloss Dyck.

 

Und was das Schloss so auffährt, sind schon ein paar Dycke Dinger: So stehen in der Orangerie seltene Juwelen wie Mercedes-Benz 710 SS Cabriolet/4, Alfa Romeo 1750 GS Zagato, Horch 853, Lincoln Model K, Talbot Lago T26 Rekord Cabrio Worblaufen, Delahaye 135 MS Coupè Ghia Aigle, Autobleu Mille Miles 750, Cisitalia 202 Coupè, Bizzarini 5300 GT Strada oder der unglaubliche Porsche Typ 64 Berlin-Rom-Wagen aus dem Hamburger Prototypen-Museum – alle Teil des FIVA-Events Concours d’Elegance.

Doch das macht nur einen kleinen Teil der Classic Days aus. Im Schloss, auf den verschiedenen Obstwiesen und im Garten parken Racing Legends wie der Opel Track Racer, der Siemens Protos oder ein Mercedes Simplex, bei den Classics (1910 bis 1925) Locomobile M48 Speed Car oder Bugatti 35B. Die starke Klasse der Historics (1926 bis 1949) sind zum Beispiel vertreten durch Vauxhall 30/98 HP Velox Tourer, Hotchkiss 3 Litre oder Fiat 509 Special, die Modern (1950 bis 1961) von Allard J2 über Jaguar XK 120 Porsche 356 A GT bis Lotus Elite. Neben den Schloss-Shops Brillianten aus der deutschen Wirtschaftswunderzeit wie Fuldamobil NFW 200, NSU Prinz III und Glas Goggomobil TS 250, auf einer Wiese motorisierte Kutschen aus der Anfangszeit der Autos wie ein Nachbau von Fords Quadricycle ohne Starter und Bremse, auf einer anderen Campinggespanne aus der Anfangszeit der Individualreise. Auf weiteren Arealen Renn- und Sportwagen (zum Beispiel der ehemalige Can-Am-Porsche 908/2 von Steve McQueen), alte Motorräder und Gespanne, dazwischen wuseln Motorsport-Legenden wie Jochen Maaß, Gijs van Lennep und Hans Herrmann.

Das Schönste an Schloß Dyck: Dank einer kurzen Rundstrecke – etwa 2,8 Kilometer auf einem Stück der Landstraße 32 und durch eine alte Bergahornallee – können die Zuschauer viele der Boliden in voller Action erleben. In diversen Läufen lassen die Fahrer ihren PS freien Lauf. Zur Sicherung muss der Veranstalter für 15.000 Euro 250 Tonnen Heu ankaufen, die zum Stapeln eckig gepresst werden – was nur gelingt, weil ein Landwirt in der Nähe noch eine alte Maschine dafür besitzt.

Ob das Heu im Notfall auch die “schnellsten Lastwagen der Welt“ (Ettore Bugatti über die mächtigen Bent-  ley der 30er Jahre) auffangen würden, ist zum Glück noch nicht ernsthaft getestet. Wenn die knapp 20 Riesen des Benjafields Racing Club gleichzeitig losdonnern, bebt selbst das rhombenförmige, etwa 1,2 Kilometer lange benachbarte Miscanthusfeld. In dem ursprünglichen Schilfgras-Kunstprojekt parken die insgesamt 6.000 Klassiker der rund 90 anwesenden Motorclubs und Zuschauer. Man muss schon hart im Nehmen sein, um dort nicht wegen rund 30 BMW Z1 auf einem Fleck, 20 TVR oder 50 Austin Healey den Verstand zu verlieren. Auch deshalb sind die “Classic Days“ auf Schloss Dyck fester Bestandteil aller Klassik-Fans, obwohl das Spektakel in Jüchen bei Neuss vom Enthusiasten Marcus Herfort erst im Jahr 2006 ins Leben gerufen wurde. Der hatte dafür zwei Gründe. Erstens: Um den wichtigsten Deutschen Nachkriegsrennfahrer, den Horremer Graf Berghe von Trips, zu ehren, der 1961 in Monza beim Formel-1-Finale tödlich verunglückte. Zweitens: Um den Bestand des Schlosses zu sichern, denn die gesamten Einnahmen der “Classic Days“ erhält die Stiftung Schloss Dyck, die damit Gebäude und Ländereien saniert und erhält. Bislang wird von den 60 Hektar Dyck-Land etwa die Hälfte für die Veranstaltung belegt, viel mehr soll es auch nicht werden.

Es ist sowieso ein Wunder, dass die Behörden das Spektakel erlauben. Denn trotz aufwendiger Ölauffangplatten und -pappen tropfen die alten Wagen doch hier und dort ein bisschen, selbst der Rasen in der Orangerie steht nicht nur unter Natur-, sondern sogar unter Denkmalschutz. Denn der Schlossgarten ist das wohl einzige Werk in Deutschland des berühmten schottischen Gartenarchitekten Thomas Blaikie (geb. 1751, gest. 1838). Auch die Rennstrecke ist recht eng und winkelig. 2007 brach Rennfahrer Bernd Schneider in einem Formel-1-Auto die Radaufhängung, der Unfall verlief glimpflich. Ein Jahr später drehte sich ein übermotivierter Formel-Fahrer in die Heuballen und warf fünf Zuschauer um (ohne weitere Folgen), die sich dort unerlaubt aufhielten. Nicht weniger erschrocken war ein Oldtimerbesitzer 2007, als Auftragsdiebe seine Karosse vom Besucherparkplatz nachweislich nach Russland entführten…

Deshalb gilt jedes Jahr immer mehr: Safety First. In die Schlosshöfe und in die Orangerie werden aus Sicherheitsgründen nicht mehr als 1.200 Menschen gleichzeitig eingelassen, weil es nur zwei enge Zugänge gibt. In diesem Jahr wurde sogar einer davon nur in einer Richtung für den Publikumsverkehr freigegeben – in etwas übertriebener Sorge vor einer zweiten Drama a la Duisburger Love-Parade.

Egal – noch kommt der zahlende Besucher (Tageskasse: 24 Euro ein Tag, 38 Euro das gesamte Wochenende) an fast jedes Auto blechnah heran, kann das wunderbar verbleite Benzin riechen und ölverschmierte Mechaniker und Besitzer bei erfolgreichen und weniger erfolgreichen Reparaturversuchen akribisch auf die verölten Finger schauen. Inzwischen besuchen rund 30.000 kompetente Experten und Fans so ein außergewöhnliches Dyck-Wochenende, teilweise stilecht ausgestattet mit Klamotten der 20er bis 50er Jahre, geflochtenen Picknickköfferchen und ausladenden Sonnenhüten. Für die meisten auch das ein Grund, um wiederzukommen. Auch für die Dyck-Novizen Rai und Taj Lall. Wenn der Vater ihnen noch einmal das Auto leiht.

 

Bilder: Roland Löwisch

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