Ein Schwede gibt Vollgas

Asphaltbrenner Volvo P 122

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Peter Krenn hat sich nicht nur in die Form des Volvo Amazon verliebt, sondern auch gleich in die Möglichkeiten, die das Auto für einen Umbau bietet: Jetzt rollt der Volvo mit 430 PS durch Berlin. Eine weitere Kraftkur auf 650 PS ist bereits in Arbeit

Dass „volvo“ „ich rolle“ bedeutet, weiß inzwischen jeder. Dass die Automarke Volvo 1915 nur als Versuchslabor für den Kugellagerhersteller SKF gegründet wurde, vielleicht nicht. Dass sie 1927 eine eigenständige Automarke wurde und sich erst nach der Umstellung Schwedens auf Rechtsverkehr in ganz Europa etablierte, vielleicht noch weniger. Und dass die Schweden Ende der 50er Jahre bereits Crashtestst mit dem Amazon, wie er zunächst nur in Skandinavien hieß, durchführte und die nur 1.050 Kilo schweren Amazon ab 1959 als erste Autos weltweit Dreipunkt-Sicherheitsgurte auf den Vordersitzen erhielten, wissen wohl nur Insider.

Den Berliner Peter Krenn hat das alles nur marginal interessiert. Er verliebte sich spontan in die Form, als er den Amazon, Baujahr 1961, entdeckte – zum Zeitpunkt dessen Baus war Krenn noch nicht einmal geboren. Als Monteur bei TCB Fahrzeugtechnik in Berlin hatte Krenn die Möglichkeit, den Volvo (der merkwürdigerweise nur Beckengurte vorne besitzt!!!) technisch auf Vordermann zu bringen, so dass der TÜV-Abnahme nichts im Wege stand. Ziemlich glücklich mit seinem Oldie kutschierte er durch die Gegend, bis er feststellte, dass rund 70 PS nicht das Gelbe vom Ei sind, wenn man mit Freunden unterwegs ist, deren Heckklappen Embleme wie GT, GTI oder GSI schmücken.

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So reifte der Gedanke vom „Rusty Racer“ und Peter verzog sich einen langen Winter jede freie Minute in die Werkstatt, um ein wahrhaft höllisches Gerät zu erschaffen, was auch die Hauptrolle in dem Disney-Streifen „Cars“ spielen könnte. Er stöberte durch diverse Kataloge, fuhr etliche Schrottplätze ab und suchte im Netz, bis seine Einkaufsliste abgearbeitet war.

Eine Bremsanlage aus dem Volvo 240 Turbo wurde modifiziert und angepasst, der Kardantunnel vergrößert und der gesamte Vorderwagen verstärkt. Der TÜV-Prüfer war begeistert von dem Sicherheitsbewusstsein des jungen Mannes – bis er dem Ingenieur seine jüngste Idee präsentierte. Denn das alles wurde vorbereitet um einen Volvo-16V-Turbomotor zu montieren. Wogegen der Prüfer nichts einzuwenden hatte, da alle Schritte dokumentiert werden sollten. Krenn fand einen Motor, der einen leichten Lagerschaden hatte, zerlegte ihn und machte sich daran, einige Modifikationen vorzunehmen. Nach und nach wanderten eine geschmiedete Kurbelwelle, leichtere Pleuel und Wiseco-Schmiedekolben sowie eine Eigenbau-Ansaugbrücke mit zwei Einspritzbänken in und an den Motor. Kombiniert mit einem Eigenbau-Stoßaufladungsabgaskrümmer, einem Twin-Scroll-Garrett-Turbolader und einer durchgehenden Drei-Zoll-Abgasanlage sollte der Volvo dann auch unter den GTI mithalten können.

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Nach ersten Testläufen wurde ein Spezialist von Maf-Map Engineering dazugezogen, der das Kennfeld und andere Parameter programmierte. Dazwischen wurde ein größerer Ladeluftkühler angepasst und 195er Breitreifen auf die neuen Stahlfelgen gezogen, bevor es schließlich auf den Prüfstand ging.

Der Volvo wurde langsam warm gefahren, der vierte Gang eingelegt und siehe: Die Nadel des Prüfstandes kletterte auf unglaubliche 430 PS bei 1 bar Ladedruck, was die Erwartungen des Schraubers mehr als nur erfüllte.

Als wir von dem Auto erfuhren, war klar: So etwas muss man sehen, fühlen und fahren, denn so ein Leichtgewicht mit dieser Leistung entspricht den Werten eines modernen Supersportlers.

In Berlin angekommen geht es sofort los zur Probefahrt in der schwedischen Donnerkugel. Krenn sagt, dass die Kupplung etwas geschont werden müsse, da die neuen Teile noch nicht eingebaut sind, was dem Spaß jedoch keinen Abbruch tut. Wir fahren durch die Stadt und über die Autobahn – nichts klappert, nichts ruckelt, das Lenken ist nur im Stand schwierig wegen fehlender Servounterstützung. Einzig die Beckengurte sorgen nicht für vollstes Vertrauen. Der Motor nimmt Gas an wie es eben ein moderner Serienmotor tut und das Schalten ist mit dem alten Schaltknüppel so, wie es 1961 üblich war: hakelig, aber immerhin nicht schwammig.

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Bei Erreichen der Stadtgrenze treten wir dann mal ordentlich auf das Gaspedal: Jetzt zeigt der Oldie sein wahres Gesicht. Ein wildes Röhren und Zischen lässt sich hören, hinter uns bildet sich eine Wolke aus verbranntem Gummi.

Das wiederholt sich bis in den vierten Gang und ein Blick auf den Tacho zeigt, dass wir bereits mehr als 200 km/h fahren. Erst bei 265 km/h stoppt der Vorwärtsdrang des Oldies, was die Frage nach der Geschwindigkeits-Kennung der Reifen und das Bewusstsein, dass man mit Beckengurten auf einem Wohnzimmersessel festgeschnallt ist, aufkommen lässt. Krenn grinst frech und fragt allen Ernstes: „Ist doch geil, oder?“

Na klar ist das geil. Als Krenn dann noch erklärt, dass alles seit mehr als 20.000 Kilometern mit der originalen Hinterachse und einer Serienkupplung funktioniert, wird klar, warum die Volvo früher schon als robuste Autos galten, mit denen schließlich auch unzählige Rallyes gewonnen wurden. Am meisten Spaß bereitet jedoch das Beschleunigen in der Stadt oder das Überholen auf der Landstraße, wo selbst Fahrer, die ein 911 oder M auf der Heckklappe stehen haben, mit heruntergeklappter Kinnlade prüfen, ob sie gerade im falschen Auto sitzen.

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Der Charme der 60er-Jahre lässt nichts von den Sprinterqualitäten des Volvo vermuten. Airbag, Hosenträgergurte und Schalensitze sind überflüssig um voran zu kommen….

 

Tatsächlich hat der TÜV das ganze Projekt abgenommen, und nun wird Krenn ziemlich bald auf Bioethanol umrüsten, da er dann höhere Drücke fahren kann. Die braucht er für die Rennstrecke – dafür will er in naher Zukunft bis zu 650 PS realisieren.

Dann tauscht er aber auch die Hinterachse und baut Drei-Punkt-Gurte ein… l

 

Technische Daten

VOLVO AMAZON P122
Baujahr: 1961
Motor: Volvo B234 FT 16V
Hubraum: 2,5 l
Leistung: 430 PS bei 1 Bar Ladedruck
Max. Drehmoment: k.A.
Getriebe: Volvo 4-Gang mit Overdrive
Antrieb: Hinterrad
Länge/Breite/Höhe: 4.440/1.635/1.420 mm
Gewicht: 1.100 kg
Top-Speed: 265 km/h
Info: Fa. TCB Fahrzeugtechnik, Jacobsenweg 59, 13509 Berlin

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Fotos: Frank Sander

Ein Gedanke zu “Ein Schwede gibt Vollgas

  1. Alles wirklich sehr beeindruckend – auch weil die Amazon äußerlich kaum verändert aussieht. Aber aus welchem Grund wurde denn das historische Kennzeichen beantragt? Das ist doch ganz offensichtlich nicht ge-rechtfertigt.

    Mit interessierten Grüßen – Wolfgang

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