Eine Arche im Brackwasser

Mit seinen 43 Jahren ist der Oldsmobile Cutlass 
Supreme 442 im besten Alter – zwar kaum mehr original, dafür rockt der einstige GTO-Jäger seinen Besitzer Thorsten Brack bei jedem 
Wetter. Auch bei Sintflut in Köln
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Klack, der Knopf der langen Fahrertür hebt sich mechanisch. Obendrauf steckt ein grimmig glotzender Totenkopf. Ein Pendant dazu findet sich auf dem Schalthebel am Lenkrad, ein anderes etwas größer auf der Hutablage hinter den Rücksitzen. Gruselig, passt zum Wetter.

Über Köln schüttet es, als würde das Jüngste Gericht sich diesen Tag zur letzten Abrechnung ausgesucht haben. Das kann uns jetzt auch nicht mehr erschüttern: Wir sind mit Thorsten Brack in seinem tiefschwarzen Oldsmobile Cutlass Supreme unterwegs und fühlen uns ein bisschen wie im Bauch von Noahs Arche. Das liegt zum einen am Wetter, zum anderen an der schieren Größe des Gefährts. Trotz der nur zwei seitlichen Türen erweckt es den Eindruck, 
als könne es locker zwei Lebewesen von jeder Art beherbergen und vor dem beharrlich prasselnden Kölnisch Wasser retten.

Seinen Werdegang hat der Olds ursprünglich dem Pontiac GTO zu verdanken, der unerwartet schnell in der Käufergunst stieg. General Motors wollte und musste im eigenen Hause reagieren, damit die Tochter Oldsmobile nicht nur die Auspuffe des GTO zu sehen bekam und rief schnell für das Grundmodell F-85 und den Cutlass die Ausstattungsserie „442“ ins Leben. Ursprünglich war das die Power-Option für nordamerikanische Polizeifahrzeuge und brach eigentlich das Konzerndogma, in der Mittelklasse keine Motoren mit mehr als 5,4 Litern Hubraum anzubieten. Aber der Kunde wollte kleine Autos mit viel zu großen Motoren. „442“ war somit ab 1964 die einfache Formel für „vier Vergaser, vier Gänge und zwei Auspufftröten“. Das begriffen auch Mathe-Verweigerer. Aus der Ausstattung wurde eine eigene Modellbezeichnung.

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Kunstleder, Plastik und Holz: Schwarz-Braun soll mein Mädel sein – mehr braucht es nicht Mit dem Dead-Head am Knüppel wird man ein bisschen schaltfaul. Gut, dass es eine Automatik ist

Acht Jahre später bäumten sich die letzten Mid-Size-Coupés noch einmal in der Abenddämmerung der Muscle-Car-Ära zu einem letzten Angriff auf die Geldbörsen auf. Aus kleinen, filigranen Karossen mit mehr als reichlich Drehmoment auf der Hinterachse waren inzwischen schwere, große Karren mit reichlich Speck unter dem Hüftschwung geworden. General Motors übermalte die Tatsache, dass hier übergewichtige, plüschige Klötze gebaut wurden einfach mit weiterem Eingruppieren in das „Mittelklasse-Segment“ und Motoren mit kathedralenähnlichen Hubräumen. Knapp acht Maßkrüge Bier als Brennraum und knapp 700 Newtonmeter Drehmoment konnten eigentlich nur Ozeandampfer übertreffen, und da war es fast egal, dass die Modelle an die zwei Tonnen schwer waren. Und Kurven gab es auch im Amerika der 70er Jahre nicht.

Thorsten Brack nimmt es mit den Details seiner Autos nicht so genau. Er besaß einen 64½-Mustang und wollte den nicht mehr haben, die Sympathien füreinander waren abgegriffen – manchmal ist das bei in die Jahre gekommenen Beziehungen eben so. Also machte er sich auf die Suche nach etwas Klotzigerem mit langer Haube. Der Pixel-Café-Fotograf aus Köln wollte ein Pixelmobil haben: Eine zuverlässige, nicht zu schicke Amikarre, mit der man auch mal beim Kunden vorfahren kann. Direkt aus Kalifornien kam dann dieser Olds 442 zu einem Händler nach Mörfelden gerollt, und die beiden tauschten schlicht die Autos.
Der schwarze Zweitürer war in einem guten Zustand, und Brack nahm ihn nach einer kleinen Probefahrt und ein paar netten Burnouts mit nach Köln. Dort sollte der Dicke frisch betankt werden, damit der Sprit auch bis vor die Haustür reicht. An einer freien Tanke mit ziemlich langsamem Durchsatz bei den Säulen ließ er laufen. Und laufen. Und laufen. Zwei mal ging er in die Knie und schaute unter das Auto, ob das gute Super vielleicht raustropft. Nein: 63 von 65 möglichen Litern gluckerten in den Tank. 7,5 Liter Hubraum wollen eben gefüttert werden.

Viele weitere Überraschungen kamen nicht. Außer, dass an dem Auto einst eine Menge herumgebastelt wurde. Brack und seine Freunde investierten nach und nach rund 300 Stunden Arbeit und knapp 10.000 Euro in die Erneuerung der Heizung (die Klimaanlage war wie so oft einfach abgeklemmt und rausgerissen) und aller Vakuumschläuche, in eine Revision der Vergaser und der Zündung, in neue Lager für Vorder- und Hinterachse und in die Felgen sowie die zweiflutige Auspuffanlage. War schon beim Kauf nicht mehr viel original am Auto, ist es jetzt noch weniger. Aber Thorsten Brack ist kein Purist und trägt’s mit Fassung, muss aber immer wieder schmunzeln. Bei genauerem Hingucken sind nicht mal zwei gleiche Rückspiegel am Wagen dran. Man sucht noch…

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Zwei Türen mit Hüftschwung auf gut fünf Metern: In den frühen 70ern konnte Oldsmobile noch sexy Muskeln bauen

Fakt ist, dass der Cutlass 442 permanent schlecht gelaunt aussieht, aber seinen Dienst zuverlässig und ohne nervige Aussetzer verrichtet – der alte Säufer. Er ist eben kein liebenswerter Vertreter der Kabinenroller-Fraktion oder ein fröhlich lächelnder Austin. Er ist ein rabenschwarzer Oldsmobile, aus dem Vollen gefräst und in einer Zeit entstanden, als die Dimensionen eines Autos mehr zählten als womöglich praktisches Industriedesign. Mit der dicken Nase guckt der Wagen immer ein bisschen gelangweilt, und bei dem Wetter zum Fotoshooting in Köln kann man ihm das nicht mal übel nehmen.

Die eigenen Herzkammern füllen sich erst wieder leicht mit Adrenalin angereichertem warmem Blut, als sich die Brennräume des Olds mit kaltem Benzin füllen und das Triebwerk zum zornigen, bassigen Leben erwacht. Jaaaa, da sind sie, die acht Zylinder. Im Inneren ist es angenehm trocken, und die Arche-Assoziationen reduzieren sich hier nur auf den 
Armaturenträger, dessen drei Rundinstrumente von einem plankenähnlichen Stück braunem Holz gerahmt werden.

In der Mittelkonsole verströmen noch drei weitere kleine Anzeigen ein warmes, gelbliches Licht. Sind die original? Weiß Brack nicht. Ihm ist auch viel wichtiger, mit der rechten Hand den Totenschädel an der Lenkradschaltung zu sich heranzuziehen und die erste von drei Fahrstufen an der TH-400-Automatik einzulegen. Ein anspruchsloses Heavy-Duty-Getriebe übrigens, das auch in Jaguar, Rolls-Royce und Ferrari zum Einsatz kam. Niemand spricht bei diesem späten 442 darüber, dass er nur noch drei statt der damaligen vier Gänge hat. Reicht doch auch.

Der Dampfer setzt sich grollend in Bewegung und durchquert eine Unterführung, die sowohl den Regen kurz ausblendet als auch den Sound angenehm betont. Er gleitet platschend durch tiefe Pfützen, in denen das verkleckerte Öl anderer Autos farbenfroh schillert. Egal, wer einem begegnet – die Leute freuen sich unter ihren Regenschirmen über den Sound und die klaren Formen des Olds. Kein Vinyldach, kein überladener Chromzierrat, das Auto ist einfach klotzig, kantig, irre groß und schon vorbeigefahren. Und der Tank auch wieder leer.

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Klare Ansage auf dem Grill: 442 war ursprünglich mal eine
Police-Force-Option, später Modellname und Ausstattung
Der will nach vorn: Fast acht handelsübliche Milchtüten Hubraum setzen Benzin und Luft in Bewegung um

Thorsten Brack bewegt den Cutlass bei jedem Wetter, er ist das „Pixelmobil Nummer 1“. Der Wagen ist Protagonist bei Fotoshootings, steht auf US-Car-Treffen herum und wird auch gern mal zum wochenendlichen Haubensitzen bemüht. Weil fast alle Freunde auf diese eine schwarze Haube passen, und je nachdem, wie lang die Anreise ist, kommt von unten eine kernschmelzengleiche Wärme zum Kölsch.
Der 1972er Cutlass Supreme ist vielleicht das letzte wirklich als „cool“ zu bezeichnende Coupé von Oldsmobile. Was GM danach auf die Räder stellte, lässt sich wie eine Schablone über die kantigen Karossen von Ford und Chevrolet legen. Immer noch krass groß, aber nicht mehr mit diesen wollüstigen Linien gezeichnet. Ölkrisen, überforderte Versicherungsgesellschaften und neue Abgasvorschriften leiteten das Downsizing ein – erst bei den Motoren und dann bei den Modellen selbst.

Und auch wenn die bunten Pinstripes auf dem schwarzen Lack ein bisschen wie das Arschgeweih einer 16-jährigen Vorstadtschönheit aussehen, der Gesamtauftritt des Pixelmobils ist konsequent und kompromisslos. Jeder wie er will, inklusive dem Totenschädel auf der Hutablage. Und wenn man genau hinschaut, scheint der ein bisschen zu lächeln.

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TECHNISCHE DATEN
Oldsmobile Cutlass Supreme 442
Baujahr: 1972
Motor: V8
Hubraum: 7.462 cm3 (455 cui)
Leistung: 268 kW (365 PS)
Max. Drehmoment: 681 Nm
Getriebe: Dreigang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5.273/1.951/1.340 mm
Leergewicht: ca. 1.900 kg
Beschleunigung 0-100: 8,9 s
Top-Speed: 189 km/h
Wert: ein Ford Mustang 64 ½

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