Hang zur Perfektion

1959er Oldsmobile Super 88

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Riesige, mutig geformte Flächen, stolzes Alter und oft bewegte Geschichte: US-Modelle der Flossen-Ära können Lackierer verzweifeln lassen. Oder ihren Ehrgeiz fordern

Traum erfüllt. Roman Rilke sitzt am Steuer seiner Neuerwerbung, einem ‘59er Oldsmobile Super 88. Für die erste Fahrt ist die Autobahn Berlin-Hamburg gut geeignet. Und zum Glück ist fast kein Verkehr. Denn die Lenkung ist schwammig, die Bremsen sind schwach. Ganz piano zuckelt Rilke auf der rechten Spur gen Heimat, friert sich den Hintern ab. Es ist kalt an diesem Märzabend vor acht Jahren und die Heizung funktioniert nicht. Egal. Die Substanz war entscheidend. Und die ist wirklich super.

Super 88: Das Jahr 1959 steht bei Oldsmobile im Zeichen des Wandels. Ein extrem breiter Kühlergrill mit weit auseinander gerückten Doppelscheinwerfern prägt die Front. Die enorme Länge von mehr als fünfeinhalb Metern wird durch die Heckpartie mit den geradlinig nach hinten verlaufenden Heckflossen betont. Klare, markante Linien und keine schwulstigen Formen mit Chromzierrat im Übermaß so wie beim Vorgänger-Modell – das ist neue Gestaltungsphilosophie. Der „Linear-Look“, wie die Werber das neue Design titulieren, kommt bei den Käufern gut an. Und auch Roman Rilke, der in Wentorf bei Hamburg eine renommierte Autolackiererei betreibt, wollte genau diesen Jahrgang. Er musste lange suchen, bis er endlich fündig wurde. Praktischerweise in Berlin.

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Hinterm Steuer seines Super 88 entstresst sich Roman Rilke – hat die tausend Stunden für die Restaurierung längst vergessen. Unterwegs pflegt er die ruhige Gangart

 

Der Super 88 hat’s gut gehabt. Lange Jahre lief er in Venezuela – beim Roten Kreuz. Die Karosserie war
jedenfalls fast ohne Beulen und wie sich später zeigte auch frei von Spachtel. Eine erste Restaurierung erfolgte nach dem Import in Spanien, wo der Wagen eine Zwischenstation einlegte, bis er auf Umwegen in die Hauptstadt gelangte.

Mit Liebe fürs Detail

Rare Spezies: Obwohl es sich bei Rilkes Exemplar der Baureihe um eine viertürige Limousine (4-Door-Sedan) handelt, die mehr als 37.000 Mal gebaut wurde, ist der Wagen heute eine Rarität. Denn wie die anderen Varianten – eine zweitürige Limo, die zwei- und viertürigen Hardtop-Coupés, eine Kombi-Version und natürlich verschiedene Cabriolets – wurde der Super 88 in dieser Grundform nur ein einziges Jahr gebaut.

Kurze Designzyklen auf bewährter technischer Basis – so lässt sich das Prinzip auf eine knappe Formel bringen. Unterm Blech setzte General Motors schon damals auf ein simples Baukasten-System. Und zwar nicht nur bei Oldsmobiles‘ 88er Baureihe. Auch bei den ‘59er Modellen der Schwestermarken Chevrolet und Cadillac kommen gleich reihenweise Gleichteile zum Einsatz. Heute ein Grund dafür, dass sich viele Komponenten unter dem Blechkleid stark ähneln und selbst die Form der Frontscheibe bei Oldsmobile-, Chevrolet- und Cadillac-Modellen des Jahrgangs wie aus einem Guss wirken. Das gilt allerdings nicht für die Zierteile: Ob Alugrill, die Chromleisten oder die zahlreichen Edelstahlkomponenten – alles ist heute rar und teuer. Rilke sucht seit Jahren Ersatz für eine Leiste am Dach. Bislang ohne Erfolg.

Ordentlich Dampf unter der Haube: Antriebsseitig sorgt ein 394-cui-„Rocket“-Motor mit 315 PS in Kombination mit einer Dreigang-Automatik für Vortrieb. Das maximale Drehmoment beträgt 470 Nm, die Verdichtung 9.75-1. Serienmäßig ist der Motor mit einem Quadri-Jet-Vergaser bestückt.
Heil zu Hause angekommen machte sich Rilke sofort an die Technik. Das „Glide-Ride“-Chassis mit Kastenlängsträgern, einer kräftigen X-Traverse, Hilfsrahmen fürs selbsttragende Heck und vorn doppelten Dreieckslenkern war in erstaunlich gutem Zustand. Die Überholung und Optimierung der Fahrwerkskomponenten verbesserte die Manieren des alten Amis deutlich.

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Unter der riesigen Haube sitzt das nicht minder üppige Motörchen – eben alles XXL. Motor und Getriebe sind immer noch Erstausstattung – überholt, aber mit der Karosserie zusammen vom Band gelaufen

 

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