„Hot diggity dog…”

1936er Hudson Terraplane – Innovation made in USA

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Einen anderer, Begeisterung vermittelnder Ausdruck fiel Hudsons Werbeabteilung nicht ein, um für den Terraplane zu werben – ein US-Vorkriegs-Cabrio eines einst hoch innovativen Herstellers. Thorsten Wappler hat sich von den teilrestaurierten Fragmenten eines 1936er-Exemplares sein Traumauto bauen lassen

Wen der Autovirus einmal gepackt hat, der wird ihn nicht mehr los. Warum sollte es Thorsten Wappler aus Dresden anders gehen? Er stellt beruflich Sonderanlagen für die Automobilindustrie her, da ist nahezu jeder Ansprechpartner – ob Kunde oder Lieferant – schon von Haus aus schwer infiziert. In Wapplers Halle scharren bereits ein W129 SL und ein C123, also das Coupé des Millionen-Daimlers, mit den Reifen. Beide schön, zeitlos und einfach zu fahren – Wapplers automobile Tentakeln gehen nicht weiter zurück als in die 60er Jahre.

Aber dieses immerhin teilrestaurierte Dickschiff, vor dem er 2009 im Rahmen der Eröffnung der „Zeitströmung“ steht, lässt ihn nicht mehr los. Das Ding sieht echt alt aus. Eine leider sehr lückenhafte Historie erzählt gerade noch von einem Einsatz bis in die 80er Jahre in Montevideo an der Mündung des Rio de la Plata. 1989 wurde der rote Wagen auf dem Hamburger Pferdemarkt für einen damals schon stattlichen Betrag versteigert. Und jetzt ist er hier. Und Wappler will ihn und kauft ihn. Und sagt es erstmal nicht seiner Frau…

Das Objekt der Begierde ist ein Hudson Terraplane. Die inzwischen fast vergessene Marke Hudson begann 1909 in Detroit mit der Produktion von Automobilen und erarbeitete sich schon bald den Ruf, innovative Fahrzeuge preiswert anzubieten. Das erste Auto mit einem elektrischen Anlasser? Ein Hudson. Das erste Auto mit Warnlampen für Öldruck und Lichtmaschine? Ein Hudson. Das erste Auto mit ausgewuchteter Kurbelwelle? Ein Hudson. Hudson baute auch eines der ersten Autos mit zwei Bremssystemen, einem hydraulischen und einem mechanischen. Letzteres arbeitete, wenn die Hydraulik einmal undicht oder fehlerhaft war – richtungsweisende Technik bis heute.

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Bis gegen Ende der 30er Jahre steht die Marke mit mehr als jährlich 300.000 verkauften Fahrzeugen hinter Ford und Chevrolet auf Platz drei der amerikanischen Herstellerlisten. Ab 1919 nannte man die preiswerteren Modelle „Essex“, ab 1932 wurde daraus der „Terraplane“. Die Detroiter wollten mit ihm ein leichtes Auto in der unteren Preisklasse anbieten, das sowohl mit Stil, Komfort als auch mit Zuverlässigkeit in den Werbungen angepriesen werden konnte. Das Konzept ging auf, der Name ebenso. Amerika war begeistert vom neuen Traum des automobilen Fliegens, und kein geringerer als Mr. Orville Wright – ja genau, der mit dem ersten tatsächlich fliegenden Flugzeug im Jahr 1903 – war 1932 einer der ersten Käufer eines Terraplane.

Groß angelegte Werbekampagnen vermittelten Begeisterung und Kreativität: „On the sea that‘s aquaplaning, in the air that‘s aeroplaning, but on the land, in the traffic, on the hills, hot diggity dog, that‘s terraplaning!“ Dabei ist das mit dem Hund so etwas wie ein amerikanischer Ausruf für Aufregung und begeisterte Antizipation. Und genau so euphorisch brandeten auch die Reaktionen der Menschen auf das Auto an die Küsten der Händler. Sowohl als Cabrio oder Limousine, als Reihen-Sechser oder später als Reihen-Achter und sogar als Lkw gingen die kraftvollen und preiswerten Autos gut weg. 1938 war Schluss mit dem Terraplane – 1954 war dann auch Schluss mit Hudson. Man fusionierte mit dem Hersteller Nash zur „American Motors Corporation“ (AMC) und baute fortan (mehr oder weniger erfolgreich) seltsame, aber zumindest mutige Vehikel.

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Ein so altes und darüber hinaus auch noch seltenes Auto ist schwerlich im Alleingang wieder auf die Straße zu bringen. Also sucht sich Thorsten Wappler 2009 einen verlässlichen Partner und findet diesen im Restaurationsbetrieb von Werner Zinke im erzgebirgischen Zwönitz. 2010 wird die in grauer Vorzeit begonnene Restauration in den dortigen Hallen fortgeführt, parallel werden alle Fehlteile ermittelt und mit Hilfe von einem Freund Wapplers direkt in den USA beschafft. Das gestaltet sich problemloser als erwartet und ist eines dieser amerikanischen Phänomene: Ersatzteile… Man bekommt sie. Zumindest irgendwann und irgendwo, oft erstaunlich preiswert. Hier können die Klassik-Abteilungen europäischer Konzerne sicherlich noch eine Menge lernen. Einige der verschickten Relikte sehen zwar aus wie Fundstücke einer archäologischen Ausgrabung, aber der Mensch wächst an seinen Aufgaben. Wappler wird ständig von Projektleiter Christian Schwark über den Stand der Arbeiten auf dem Laufenden gehalten und biegt regelmäßig auf dem Weg zur Arbeit in Zwönitz kurz ab, um nach seinem Terraplane zu gucken. Im Herbst gesteht er seiner Frau dann endlich den Erwerb und zeigt ihr auch gleich den Wagen. Erste Reaktionen sind nicht überliefert.

Danach geht es flüssig voran. Im März 2011 sitzt der aufgeregte Wappler erstmals in dem Cabrio und bewegt es respektvoll – im unsynchronisierten Getriebe rührend – mit Zwischengas über die Straße. Monat für Monat werden die Runden um den Kirchturm ausgedehnter und das Vertrauen in das 75 Jahre alte Automobil größer, und im August erfolgt nach ein paar letzten technischen Schwierigkeiten die offizielle Zulassung zum Straßenverkehr. Aber der Respekt ist noch immer groß, er besucht ausschließlich Veranstaltungen in der Umgebung wie den Concours d‘Elegance 2012 auf Schloss Wackerbarth Radebeul oder ein paar schnell zu erreichende Ausstellungen.

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