Kraft aus der Hölle

Kaum hat das Herz wieder angefangen zu schlagen, ballert schon der ehrwürdige R/T von hinten heran, zieht vorbei und zeigt seinen sexy Hintern. Der Traum eines jeden jungen Amerikaners an jeder roten Ampel der 70er Jahre, heute eine seltene und begehrte Ikone und kontinuierlich dabei, in unerschwingliche Preiskategorien zu klettern.
Wilmersdorf hat das Fahrzeug damals von einem Bootsbauer erworben, der es als profanes Zugfahrzeug für seine schweren Trailer benutzt hatte. Entsprechend sah das Muscle Car von innen und außen aus, viele kleine Rempler und eine Menge Flecken vom Öl und der Schmiere. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, und der Magnum-V8 donnert seine Melodie wie am Tag des Jüngsten Gerichts.

Damals war der Challenger R/T cool, heute ist er es auch. Die Hellcat ist heute ebenfalls cool, war aber damals unvorstellbar. Die Zeiten ändern sich, sie werden schneller, härter, teurer. Wir blubbern mit beiden Autos synchron zurück durch die Hafencity, auch im Cruising-Modus will man nie wieder aussteigen. Sportwagen? Nein, nicht wirklich. Muscle Cars hatten niemals den Anspruch, technisch perfekt ausgereifte Kurvenräuber zu sein. Wer ein Muscle Car fuhr und fährt, egal ob 1970 oder 2015, der erfreut(e) sich an der sündigen, krass übertriebenen Leistung vorne unter der Haube. Es reicht zu wissen, dass sie da ist und dass man sie gegebenenfalls abrufen könnte. Bloß nicht provozieren lassen, und wenn doch – dann tschüss Cayenne und Co. Zumindest wenn es geradeaus geht und die Reifen noch Grip kriegen, bevor der Zebrastreifen völlig wegradiert ist.

Ein gutes Gefühl in einer Zeit, in der alle nur noch in jeder freien Minute auf ihr Smartphone glotzen und in virtuellen Welten leben. Diese beiden Autos hier sind real, weitestgehend analog und zeitlos brutal. Ob man sie jeweils mag – das kann jeder für sich selbst entscheiden. Mal schauen, wohin die Kraft unter der Haube in weiteren 45 Jahren gegangen ist. Viel Platz auf der Skala ist da nicht mehr, wenn man auf dem Boden bleiben will. Also nutzen wir sie noch, die uns verbleibende Zeit, solange Benzin noch bezahlbar ist. Yeah.

Text: Jens Tanz
Fotos: Nicolas Meiringer

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