Lady sings the blues

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Wie kauft ein professioneller deutscher Oldtimer-Einkäufer ein Auto aus Amerika privat für sich? Genauso, wie es viele machen und wie es keiner machen soll – über ebay nach Fotos und den Versprechen des Verkäufers. Hier ist die Story von einem US-Rolls-Royce namens Corniche

ugegeben: Ich begab mich hier auf ganz dünnes Eis. Meine Reputation stand auf dem Spiel, mein Job auch – aber ich wollte dieses Auto unbedingt haben. Ein Rolls-Royce Corniche – eine Lady, herrlich. Also durchsuchte ich ebay-Motors in den USA, guckte mir ein paar Fotos an, telefonierte zu absolut unchristlichen Zeiten mit einem Amerikaner, einigte mich mit ihm, überwies 32.500 Dollar und ignorierte damit jede Regel für den vernünftigen Einkauf: anmelden, hinfahren, durchchecken, handeln, fertig. Aber ich bin eben auch nur ein Mensch.

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Angefangen hatte es mit dem Wunsch, nicht nur mit der lieben Gattin – es ist die zweitbeste Frau von allen, die beste reklamierte stets Fritz B. Busch für sich!- im offenen Cabrio auf dicke Hose zu machen, sondern auch die dreiköpfige Brut mitnehmen zu können. Das schafft nur ein riesiges Cabrio. Aufgrund der dafür notwendigen Finanzierung galt es im Vorwege, Wogen zu glätten, und zwar bevor ein Sturm losbrach. So musste ich dem Schwarm Kinder im Hause erklären, dass Urlaub, neue Klamotten oder gar eigene Handys sowie Fleisch als Mahlzeit in Zukunft flachfielen, um meine egoistischen Eskapaden bezahlen zu können. Meiner kleinen Tochter Jule versprach ich sogar: Falls ich jemals eine Corniche in meinen Fuhrpark stelle, würde sie einen Hund bekommen. Solche Zugeständnisse müssen leider immer mal wieder sein – denn ich besaß bereits einen Rolly-Royce Silver Shadow II, den ich mir zu meinem 30. Geburtstag schenkte (der Verkäufer in London stellte sich damals mit den Worten vor: „Hi, my name is Tom, they call me the fat bastard…“ was ich erst zu werten wusste, als der Klumpen mit Kolbenkipper waidwund in der Werkstatt bei Winnie Bigalke in Bargteheide stand und für den Preis eines schicken Golfs repariert wurde). Später machte ich zusätzlich Erfahrungen mit der Geduld meines Bankers und einem seltenen, linksgelenkten Bentley TII.
Beide Fahrzeuge  verkaufte ich wieder. Aber eine Corniche, das ist doch ein anderes Kaliber. Es ist immerhin ein Cabrio. Ich stand einst bei meinem Hamburger Lieblingssattler Weinhold (Danke auch, Jungs!!) vor zwei fünfsitzigen Cabrios – einer Corniche und einem Mercedes W111 Cabrio – und überlegte, in welchem die Kids besser säßen. Das Maßbandergebnis bewies: Der Rolli bietet mehr Beinfreiheit, der Schwabe mehr Innenbreite. Logo, der Engländer gewann.

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So muss es sein: Holz ist Holz und Blech ist Blech. Auf besonderes Design beim Zündschlüssel legte man einst relativ wenig Wert

Als nun das Ziel meiner Träume feststand – von US-   Cabrios verstehe ich leider so rein gar nichts, die waren also zu dem Zeitpunkt keine Option – musste nur noch ein bezahlbares Auto gefunden werden. Und es war klar, dass ich möglichst den megafiesen Ami-Stoßfängern aus dem Weg gehen wollte. Gern Gummi-Stoßstangen, aber nicht die komplett hässlichen. Die europäischen Lieferungen hatten deutlich dezentere Maße. Leider sind die Europa-Autos recht rar. Eine echte He-rausforderung also.
In Deutschland konnte ich keinen Wagen entdecken, der in Frage gekommen wäre. Der Anteil an Rolls-Royce Corniche Cabrios, die damals neu in die USA geliefert wurden, ist dagegen enorm, also musste ich dort suchen. Leider gab es immer nur Exemplare mit diesen ätzenden Riesenbumpern. Beim Einparken sicher sehr praktisch, aber eine Beleidigung für jeden Ästheten. Doch plötzlich tauchte der richtige Wagen bei ebay Motors auf: 1979er Corniche Cabrio, fliederfarben – also weiß, Leder und Verdeck schwarz, nur 42.000 gefahrene Meilen, angeblich richtig gut, frisch gewartet, neues Verdeck, neue Reifen, vierte Hand. Stand in den USA, war aber einst bestellt für die Schweiz. Preis: knapp unter 30.000 Dollar. Also ein Superschnäppchen.

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