Macht hoch die Tür…

1968er Alfa Romeo Carabo

Nein, es ist noch nicht wieder Weihnachten, obwohl man sich angesichts der Designstudie Alfa Romeo Carabo aus dem Jahr 1968 durchaus vom Schicksal beschenkt fühlen kann. So viel progressives Design hat es danach im Automobilbau nie wieder gegeben. Ob mit oder ohne Scherentüren

Sollten auch Sie ein Kind der 70er Jahre sein, hatten Sie vermutlich in Ihrem Spielzeugkoffer auch so einen lila Keil von Corgi Juniors mit einer komisch geschuppten Haube hinten. Wenn man den umgedreht hat, stand unten „Bertone Carabo“ drauf, womit man weder damals als Kind noch heute als Erwachsener viel anfangen konnte. Schade eigentlich – war doch dieses kleine Modell das Abbild einer Studie, die im Sommer der Liebe 1968 den gesamten Pariser Autosalon einmal auf links gekrempelt hatte. Ferrari präsentierte den 365 GTB/4 Daytona und Lamborghini den Islero, der mehr an James Bond als an Adriano Celentano erinnerte. Und dazwischen, metallisch grün schillernd, der nicht einmal einen Meter hoher Keil. Zack ins Gesicht. Der blechgewordene Wahnsinn.

Was war passiert? Der Alfa Romeo 33/2 Stradale, ein Zweiliter-Rennwagen, tobte seit einem Jahr erfolgreich durch Bergrennen und Langstreckenwettbewerbe. Um das Geschoss auch bei den Sportwagen der Gruppe 4 antreten lassen zu können, musste man mindestens 25 identische Fahrzeuge bauen. Da das ein paar zu viele Rennwagen auf einmal waren, hatte Alfa Romeo den Stradale in der Homologationsserie kurzerhand als straßentaugliche Variante produziert. Eines der Chassis landete bei der Carrozzeria Bertone und geriet in die Finger von Marcello Gandini, der mit seinen 30 Jahren gerade die Nachfolge des abgewanderten Chefdesigners Giugiaro angetreten hatte. Es waren die Goldgräberzeiten der mutigen Designer in Italien, und Gandini stand vor einer fast erotischen Grundlage für ein Concept-Car.

Das revolutionäre Chassis des 33 ist anders als alle anderen Bodengruppen vorher. Es besteht aus einem H-förmigen Stahlrohr-Rahmen, dessen Längsstreben im Inneren Kautschuk-Schläuche enthalten – der Benzintank. Die vorderen Radaufhängungen wurden mit einem Hilfsrahmen aus einer Magnesium-Legierung verschraubt. Im Heck verbinden zwei konische Streben den Rahmen und die Hinterachse.

Irgendwo mittig sitzt der nur 1.995 Kubikzentimeter kleine 90-Grad-V8 aus Aluminium mit mechanischer Spica-Saugrohreinspritzung. Das Triebwerk hatte Motorengott Carlo Chiti als Einstand eingeführt, als er 1964 mit seiner Firma Autodelta zu Alfa Romeo zurückkam und für die kommenden 20 Jahre der Chef der Rennsport-Abteilung wurde. Extrem kurzhubig ausgelegt und mit vier obenliegenden, kettengetriebenen Nockenwellen leistet der V8 zwar „nur“ 230 PS – das aber bei wahnwitzigen 8.800 Umdrehungen. Eine derartig schreiende Zwiebacksäge kannte man bis dato nur im Formel-1-Rennsport.

Zweiliter-V8: Eine kreischende Kreissäge, die erst bei 7.000 Umdrehungen ihre volle Kraft entfaltet

 

Was Gandini in nur zehn Wochen als Karosserie auf diese Grundlage schneiderte, gilt noch immer als richtungsweisend für diverse nachfolgende italienische Supersportwagen und musste in jenem Herbst 1968 nahezu unfassbar für das Hirn des Betrachters gewesen sein. Die Journalisten standen vor dem grünen Keil, der filigran und zierlich wirkte und ihnen nicht mal bis zur Hüfte ging. Schnell und flach bedeutete schon damals, dass der Wagen theoretisch direkt unter dem Sichtfeld der anderen Verkehrsteilnehmer durchflutschen könnte. Die Farbgebung orientierte sich daher an damals viel beachteten Studien, die belegten, dass eine helle grüne Farbe Aufmerksamkeit errege und somit zur Fahrsicherheit beitrüge. Auch ein schmaler Streifen in Orange auf der Front sollte Vorausfahrende schon einmal vorwarnen. Zusammen mit den kupferfarbenen, undurchsichtigen Scheiben aus Hochresistenzglas sah der Keil wie ein wunderschön schillernder Skarabäus aus – und bekam den Namen „Carabo“. Die spitze, flach ansteigende Front mit schuppigen Kiemen hat voll versenkbare Doppelscheinwerfer und findet sich später im Lancia Stratos und im Lamborghini Bravo wieder. Die nach oben öffnenden Türen waren weit mehr als ein Design-Gag: Konventionelle Einstiege passten mechanisch schlicht nicht in die extreme Keilform.

Mit dieser Lösung in Kombination mit einem um 18 Zentimeter zur Seite klappenden Lenkrad lässt sich der Carabo auch ohne unwürdige Verrenkungen gut von einem durchschnittlichen Mitteleuropäer besteigen. Das Design der Türen soll im ab 1974 präsentierten Lamborghini Countach endgültig zum Kult werden und hat es sogar bis zu den Freaks der Wörthersee-Fraktion geschafft, die ihren getunten Golf III manchmal auch dank Scherentüren besteigen.

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